Krieg in Osteuropa

Drei Ostfriesen bringen ukrainische Familien in Sicherheit

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 04.03.2022 18:50 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gruppenbild vor dem Emder Rathaus. Am Freitag endete für zwei ukrainische Familien eine ungewisse Flucht. Sie bleiben vorerst in Ostfriesland. Foto: Päschel
Gruppenbild vor dem Emder Rathaus. Am Freitag endete für zwei ukrainische Familien eine ungewisse Flucht. Sie bleiben vorerst in Ostfriesland. Foto: Päschel
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Drei Männer fahren von Emden an die ukrainische Grenze. Am Freitag sind sie zurück – mit zwei Familien, die vor dem Krieg in Kiew und Charkiw geflohen sind. Was erwartet sie in Ostfriesland?

Emden - Matthias Arends hat Augenringe. Die Belastung der vergangenen Tage steht dem 52-Jährigen ins Gesicht geschrieben. Er ist erst in der Nacht zurück nach Emden gekommen. „Das, was wir gemacht haben, war blauäugig“, sagt er. Trotzdem steht für ihn fest: „Ich würde es sofort wieder so machen.“

Was und warum

Darum geht es: der Krieg in der Ukraine und die Auswirkungen bis Ostfriesland

Vor allem interessant für: alle, die das Geschehen im Osten Europas nicht kalt lässt

Deshalb berichten wir: Drei Männer sind von Emden aus an die ukrainische Grenzen gefahren. Wir haben über deren Erlebnisse berichtet. Jetzt kamen sie zurück.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Der Landtagsabgeordnete war am Dienstag zusammen mit zwei anderen an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren. In zwei Bullis brachten die Männer, die sich vor der Fahrt nicht kannten, Lebensmittel in eines der vielen Auffanglager, die entlang der Grenze für Flüchtende aus der Ukraine entstanden sind. Sie wollten helfen. Mehr oder weniger zufällig trafen sie in einer Kleinstadt im Osten Polens auf zwei Mütter mit ihren Familien und nahmen sie auf deren Wunsch hin mit nach Ostfriesland.

Flucht aus Kiew und Charkiw

Am Freitagvormittag sitzen alle zusammen in einem Geschäftsraum der Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Emden. In der Ukraine lässt Russlands Präsident Putin Bomben auf Häuser regnen. In Ostfriesland scheint die Frühlingssonne, und auf dem Tisch vor Oksana Hyrnyk, Tatjana Doctorowa und deren Kindern stehen Tabletts voll belegter Brötchen.

Was die beiden Familien in den vergangenen Tagen erlebt haben und berichten, übersetzt Liia Abdoullina. Sie ist Ärztin auf der Intensivstation des Emder Krankenhauses und stammt ebenfalls aus der Ukraine. Die 30-Jährige sagt, dass sie bereits 2014 Donezk verlassen habe, weil sie die russischen Repressalien nicht ertragen wollte. Ihr Chef in der Klinik hat am Freitag erlaubt, ihre Schicht vorzeitig beenden, damit sie in der Awo-Geschäftsstelle sein kann. Sie will für ihre Landsleute da sein, die aus den Millionenstädten Kiew und Charkiw geflohen sind und die niemanden in Ostfriesland kennen.

Nächte im Schutzbunker

Oksana Hyrnyk und Tatjana Doctorowa schildern, wie die Gefahr Ende vergangener Woche immer näher kam. Sie berichten vom Geräusch der Hubschrauber, die über den Häusern kreisten, von Nächten im Schutzbunker. Als ihre Wohnung in Charkiw zerstört war, machte sich Oksana Hyrnyk mit ihrem zwölfjährigen Sohn, ihrer Schwiegertochter und deren zweijährigen Tochter auf den Weg nach Kiew. Weil auch dort die Situation immer unruhiger und bedrohlicher geworden sei, habe ihr Vater sie zur Grenze gefahren.

In Polen traf sie Matthias Arends, Semen Bambouliak und Dominic Probojcevic. Sie hatten keine Zeit, einander kennenzulernen. Zusammen mit Tatjana Doctorowa und ihren beiden 14- und 16-jährigen Töchtern, die ebenfalls, aber auf eigene Faust aus Kiew geflohen waren, traten sie die Weiterreise Richtung Westen an.

Ankunft in Ostfriesland

In der Nacht zu Freitag erreichten sie Emden. „Wir sind ohne Zwischenübernachtung durchgefahren“, berichtet Arends, der sich neben seiner Abgeordnetentätigkeit ehrenamtlich im Emder Awo-Präsidium engagiert. Während sie auf Ostfriesland zufuhren, meldete sich ein Mann bei der Awo. Er hatte in der Zeitung vom Aufbruch des Emder Trios gelesen und bot an, dass er Flüchtende unterbringen könne, falls die Männer jemanden mit zurückbrächten. In dem Haus können die beiden Familien bis auf Weiteres wohnen.

Wie es weitergeht, weiß am Freitag niemand so richtig. In der Awo-Geschäftsstelle an der Faldernstraße fragt Melanie Winkler die beiden Familien, was sie brauchen. „Wir leben hier alle im Überfluss“, sagt sie. Die Ukrainerinnen haben nicht viel mehr, als das, was sie am Körper tragen. „Sie hatten nur ein paar kleine Taschen dabei“, sagt Semen Bambouliak, der aus der Ukraine stammt und in Emden ein Fitnessstudio betreibt. Er war Arends am Montag begegnet, als dieser auf der Suche nach einem Übersetzer war.

Bambouliak überlegte nicht lange und schloss sich an. Mit ihnen fuhr Dominic Probojcevic. Der 19-Jährige macht ein Praktikum in einem Altenwohnzentrum der Awo. Auch er brauchte nicht lange für seinen Entschluss. Was es heißt, die Heimat aus Angst um das Leben zu verlassen, kenne er aus seiner Familie, sagt er. Seine Mutter und seine Großeltern stammen aus Kroatien und seien in den 1990ern vor dem Balkankrieg geflohen.

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