Meppen/Lingen
Fachkräftemangel: Warum das Emsland das Sorgenkind Deutschlands ist
Vom „Armenhaus der Republik“ zum „Fachkräfte-Sorgenkind“? Die Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist deutlich: Nicht der Osten Deutschlands, der landläufig oft mit wenig attraktiven Arbeitsplätzen in Verbindung gebracht wird, liegt hinsichtlich fehlender Fachkräfte an erster Stelle. Das Sorgenkind der Nation ist ganz wo anders: in Niedersachsen.
Wenn es um fehlende Fachkräfte geht, steht nicht Ostdeutschland an erster Stelle. Probleme in dieser Hinsicht gebe es dort erst seit Kurzem, sagt Alexander Burstedde, Analyst beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Das IW befasst sich seit Jahre mit dem Fachkräftemangel in Deutschland. Negativ heraus sticht hier vor allem das Emsland und die Grafschaft Bentheim. Der Bezirk der Agentur für Arbeit Nordhorn ist das Sorgenkind des Landes. Und das seit Jahren.
Dabei ist die Werbebotschaft des Emslands mit seinen fast 330000 Einwohnern, rund 13000 registierten Betrieben und mehr als 140000 Beschäftigten klar: „Wachstumsregion“, „Zuhause bei den Machern“. Doch all das ohne ausreichend Fachkräfte?
Als Kennzahl zum Vergleich definiert das IW die Stellenüberhangsquote – also den Anteil der offenen Stellen, für die es in der Region keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt. Im Bezirk der Agentur für Arbeit Nordhorn, der das Emsland und die Grafschaft Bentheim erfasst, liegt diese Quote bei mehr als 60 Prozent. Zum Vergleich: Der bundesweite Schnitt lag 2021 bei knapp unter 30 Prozent.
Dass gerade im Emsland so viele Fachkräfte fehlen, überrascht Dirk Lüerßen, Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands Ems-Achse, nicht. „Wir hatten 2009 bei der Agentur für Arbeit eine Beschäftigungsprojektion in Auftrag gegeben. Die besagte: Bis 2025 werden rund 30.000 Fachkräfte fehlen. Seither hat sich die Situation nicht verbessert, im Gegenteil.“ Aktuelle Umfrage bestätigen immer wieder eines: Unternehmer schätzen den Fachkräftemangel als größeres Risiko ein als Lieferengpässe oder die Corona-Pandemie.
Und die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt weiter, was die Situation verschärft, bestätigt die Agentur für Arbeit Nordhorn. Eine Verbesserung der Lage sei nicht in Sicht. Es werde in vielen Branchen noch schwieriger, Arbeitsstellen mit dem passenden Personal zu besetzen.
Wie beim Klima-Spezialisten Kampmann aus Lingen mit seinen weltweit mehr als 1000 Mitarbeitern unter dem Dach der Kampmann Gruppe. „Je spezifischer das Aufgabenfeld einer Stelle ist, desto schwierigier ist es, Fachkräfte zu finden“, sagt Markus Overberg, Head of Human Resources der Kampmann Gruppe. Das gelte für alle Geschäftsbereiche. „Ein Beispiel im gewerblich-technischen Bereich sind Berufe der Fachrichtung Elektrik. Aber auch Vakanzen im Vertriebsaußendienst sind anspruchsvoll und sprechen eine sehr spitze Zielgruppe an.“
Entsprechend lange bleiben Stellen unbesetzt. Gibt es Interessenten, sei es oftmals von der Kündigungsfrist des Bewerbers abhängig, wann die Vakanz gefüllt werden könne, so Overberg. „Ein halbes Jahr kann hier durchaus einkalkuliert werden.“ Aufgrund der Vollbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt komme es kaum noch vor, dass ein Interessent unmittelbar verfügbar sei.
Gleiches gilt für die Rosen Gruppe in Lingen, die unter anderem gut zwei Drittel der weltweit inspizierten Rohrleitungskilometer in der Öl- und Gasindustrie untersucht. Abhängig von der Funktion und dem Hierarchielevel könnten Stellen zwischen drei und acht Monaten unbesetzt bleiben, heißt es seitens des Unternehmens. Tendenz steigend, und das nicht nur im emsländischen Lingen, sondern weltweit. Auch die Rekrutierungskosten würden sich erhöhen.
Abgesehen vom Wachstum der Wirtschaftsbetriebe – nicht nur im Ausland, wie Dirk Lüerßen betont, sondern insbesondere im Emsland, wo sie verwurzelt seien –, hat die herausstechende Lage des Emslands in Sachen Fachkräftemangel auch mit der Wirtschaftsstruktur der Region zu tun, sagt IW-Analyst Burstedde. Der Schwerpunkt liegt im verarbeitenden Gewerbe, auf der Industrie.
Entsprechend ist in diesem Bereich – anders als in anderen Regionen Deutschlands – der Fachkräftemangel besonders ausgeprägt. „Klar, an der Pflege kommt man in den wenigsten Regionen vorbei. Was den Fachkräftemangel angeht, steht die Branche im Emsland aber nicht an Nummer 1“, so Burstedde. Vertriebsspezialisten, Fachkräfte im Bereich Maschinenbau- und Betriebstechnik oder auch Berufskraftfahrer – in diesen Bereichen war die Differenz zwischen der Anzahl der Stellen und qualifizierten Arbeitslosen besonders groß. Die Fachkraft in der Altenpflege folgt erst auf Rang 9.
Für Dirk Lüerßen ist noch ein anderer Faktor entscheidend, der ebenfalls mit der Struktur der Wirtschaft im Emsland zu tun hat: Die emsländische Wirtschaft ist mittelständisch geprägt. Sie ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite ist es genau diese Mittelstands-DNA, mit flachen Hierarchien und „Duz-Kultur“, New-Work-Konzepten und flexiblen Arbeitszeitmodellen, auf die Markus Overberg bei Kampmann im Recruiting setzt. Rosen ergänzt das Angebot einer eigenen zweisprachigen Ganztags-Kindertagesstätte und Grundschule direkt neben dem Unternehmensgelände als einen Vorzug, mit dem das Unternehmen werbe.
Auf der anderen Seite sind Firmennamen wie Tesla, Siemens oder Bosch bekannter als Hidden Champions aus dem Emsland. „Das führt dazu, dass unsere Unternehmen sich noch mehr anstrengen müssen, um auf sich aufmerksam zu machen“, so Lüerßen. Und wenn sie das schaffen, mache es die periphere Lage nicht einfacher, Beschäftigte für die Region zu begeistern. „Wer die freie Wahl hat, den zieht es oft dichter an die Ballungszentren und deren Speckgürtel. Bei uns ist alles etwas weiter weg.“
Was Burstedde zufolge dem Emsland mehr als anderen Regionen fehlt, sind Hochschulabbsolventen, in Sachen Ausbildung steht die Region gar nicht so schlecht da. „Selbst der größte Teil Mecklenburg-Vorpommerns hat mehr Akademiker“, so der IW-Analyst. Auch das hänge unter anderem mit der Wirtschaftsstruktur zusammen. Dabei kämen mit Hochschulabsolventen oft auch Innovationen in die Regionen. Eine eigene Stiftungsprofessur an der Universität Osnabrück, Industriepromotionen, Stipendien und Förderpreise – so will unter anderem Rosen frühzeitig Kontakt zu potenziellen Bewerbern herstellen.
Dirk Lüerßen sieht durchaus Potenzial, dass sich die Zahl der Akademiker in der Region künftig erhöhen könnte. „Die Hochschule Lingen wird mehr und mehr zum Anker. Aber das zahlt sich noch nicht aus.“ Ein positiver Nebeneffekt für Arbeitnehmer wäre: Steigt die Zahl der Akademiker, steigt auch das Lohnniveau in der Region, betont Burstedde.
Ein weiterer Faktor begünstigt dem IW-Analysten zufolge den überdurchschnittlichen Fachkräftemangel: ein unterdurchschnittlicher Ausländeranteil. Es fehlt der Zuzug. „Auch wenn es im Emsland viele Jugendliche und Kinder gibt, ohne Zuwanderung wird sich die Fachkräfteproblematik nicht verbessern“, warnt er. Hier brauche es nicht nur „Macher“, mit denen das Emsland wirbt, sondern auch „Kümmerer“, sagt Dirk Lüerßen, um die Menschen zu integrieren.
Dem Geschäftsführer der Ems-Achse zufolge ist die Region nicht grundsätzlich unattraktiv. „Aber als ländliche Region ziehen wir nicht die typischen Stadtkinder an. Zumindest nicht vor der ,Nestbauphase‘“, ist der Wirtschaftsexperte überzeugt. In Letzterer könne das Emsland punkten – auch bei Akademikern. „Das bedeutet aber auch, dass die Kinderbetreuung bei uns top sein muss, ebenso Infrastruktur und Mobilfunkanbindung. Da müssen wir aufholen“, ist für Lüerßen der Weg klar vorgezeichnet. Was das Gehalt angehe, da müsse sich die Region in vielen Bereichen nicht verstecken.
Und wie will man des Fachkräftemangels Herr werden? „Grundsätzlich besteht im Emsland mit einer Arbeitslosenquote von unter drei Prozent Vollbeschäftigung. Das bedeutet für uns, dass wir uns mehr denn je als attraktiver Arbeitgeber positionieren müssen“, sagt Markus Overberg mit Blick auf Kampmann. Für Lüerßen hat das Emsland längst nicht mehr nur ein Fachkräfte-, sondern ein Arbeitskräfteproblem – das gelte nicht nur für Firmen, die sich als Arbeitgeber weniger gut vermarkten. „Wir haben kaum Unternehmen, die keinerlei Probleme haben.“ Entsprechend gemeinsam müssten Firmen, aber auch Politik und Kultur gemeinsam für sich werben und als ganze Region sichtbarer werden.
Und die Herausforderungen, die auf das Emsland ebenso wie andere zukommen, werden nicht weniger: die Demografie kippt; die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter sinkt; gleichzeitig geht die Baby-Boomer-Generation in den Ruhestand. Mit dem Landkreis Vechta ist IW-Analyst Burgstedde zufolge 2019 auch die letzte Region in eine potenziell negative Entwicklung gerutscht.
Die Rosen Gruppe sieht sich für die Gewinnung von Fach- und Führungskräften gut aufgestellt. Seit 2018 habe man in Deutschland eine Wachstumsrate durch Neueinstellungen von mindestens 14 Prozent erreicht. Insbesondere in den Bereichen Software-Entwicklung, Informationstechnologie und Analyse/Auswertung von industriellen Inspektionsdaten sieht das Unternehmen weiterhin Bedarf. Und mit dem wachsenden Anteil der automatischen Zerspanung werde Personal mit zusätzliche Qualifikationen begehrenswert.
Allerdings: Dirk Lüerßen zufolge wird sich der Fachkräftemangel im Emsland insgesamt weiter verschärfen – jedoch je nach Branche in unterschiedlichem Maße. Die Digitalisierung ist aus seiner Sicht ein Teil der Lösung. Hier sieht auch Burstedde Anknüpfungspunkte. Es brauche eine positive Besetzung – von Automatisierung und Zuwanderung. Der Fokus der Arbeitsagentur Nordhorn liegt indes auf Weiterbildungsmöglichkeiten sowohl für Beschäftigte insgesamt, aber insbesondere für Geringqualifizierte und Bewerber ohne abgeschlossene Berufsausbildung.