Osnabrück

Kurt Krömer über seine Depression: „Irgendwas stimmt nicht mit mir“

Mona Alker
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Von Mona Alker
| 09.03.2022 13:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 16 Minuten
Der Komiker Kurt Krömer spricht im Interview über seine Depression. Foto: Urban Zintel
Der Komiker Kurt Krömer spricht im Interview über seine Depression. Foto: Urban Zintel
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Er ist einer der bekanntesten Komiker Deutschlands, trockener Alkoholiker und vierfacher Familienvater: Kurt Krömer. Im Interview spricht der 47-Jährige über seine schwere Depression, die Zeit in der Klinik und sein neues Buch.

Kurt Krömer, mit richtigem Namen Alexander Bojcan, ist eine Bank unter den Komikern. Der 47-Jährige ist für seine Shows vielfach ausgezeichnet, vielleicht gerade deshalb, weil er schon früh erkannt hat: Comedy darf ruhig auch ernste Themen behandeln. Da passt es ins Bild, dass Krömer nun ein humorvolles, wenngleich tiefgründiges Buch über seine langjährige Depression veröffentlicht hat. Im Interview spricht der Komiker über die Zeit in der Klinik, die befreiende Wirkung von Tränen und die Angst, durch die Therapie seine „Vollmeise“ zu verlieren.

Frage: Herr Krömer, Sie haben Ihren Aufenthalt in der Tagesklinik planmäßig nach vier Wochen unterbrochen, um eine neue Staffel Ihrer Talkshow „Chez Krömer“ zu drehen. Danach sind Sie wieder in die Klinik zurück. Wie haben Sie das gemacht? Eine Depression kann man ja nicht einfach auf Pause stellen.

Antwort: Friedrich Küppersbusch, der Produzent, hatte zu mir gesagt: Komm, das lassen wir, geh in die Klinik, ist kein Problem, wir machen im nächsten Jahr weiter. Das Management hat das auch gesagt, Kollegen, Freunde, alle. Aber ich war so stur, dass ich gesagt habe: Ich lasse mir von der Depression nicht vorschreiben, ob ich jetzt arbeiten gehen darf oder nicht. Wenn man sich die Folge mit Boris Palmer jetzt anguckt… An dem Tag hätte ich auch einfach wieder in die Klinik gehen können, weil da war ich einfach nicht sauber, ich war desinteressiert und dachte: Ich hatte so eine schöne Zeit in der Klinik, und jetzt muss ich mich mit dir hier unterhalten. Ich möchte, dass diese halbe Stunde hier ganz schnell vorbeigeht. Das ist die einzige Folge, bei der ich auf den Rat der anderen hätte hören sollen.

Frage: Hatten Sie keine Angst, dass die Drehzeit Sie bei Ihren Therapiefortschritten zurückwirft?

Antwort: Ich hatte das ja mit den Ärzten besprochen, bevor ich in die Klinik ging, und die sagten: Ja gut, machen Sie es. Am Anfang haben sie schon gefragt, ob ich das wirklich für eine gute Idee halte. Aber ich fand‘s gut, stärker als die Depression zu sein und mir das nicht vorschreiben lassen. Sonst hätte ich mich später vielleicht geärgert und gesagt: Hätte ich das mal gemacht.

Frage: War die Depression während eines Auftritts innerlich je ein Thema für Sie? Oder können Sie das auf der Bühne komplett ausblenden?

Antwort: Schon zwei Jahre vor der Klinik habe ich gedacht: Irgendwas stimmt nicht mit mir. Ich bin von Arzt zu Arzt gerannt und dachte immer: Das kann doch nicht sein, dass die nichts finden, mir geht’s wirklich nicht gut. Es fing dann an, dass ich vor einem Auftritt keinen Bock hatte, dann nach einem Auftritt keinen Bock hatte, irgendwann habe ich gefragt, ob wir nicht auch die Pause weglassen und das Programm voll durchziehen können… Ganz zum Schluss war‘s dann auch so, dass ich die Depression während eines Auftritts gespürt habe. Ich weiß noch, bei den letzten vier Auftritten vor dem ersten Tag in der Klinik, das war jeweils vor 5000 Zuschauern, da war‘s völlig krank, weil da ja auch schon klar war: Du musst jetzt in die Klinik. Ich war sehr beschäftigt damit, was dann passiert, ich hatte richtig große Angst davor.

Frage: Wie hat sich Ihre Depression denn geäußert?

Antwort: Ich habe einfach gemerkt, es ist irgendwas anders. Da ist Schwermut, da ist Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten. Ich war schnell gereizt. Nach einem Jahr kamen auch Potenzschwierigkeiten dazu, dass ich dann dachte: Jetzt funktioniert hier ja gar nichts mehr. Ich bin von Arzt zu Arzt gerannt, weil ich dachte, da muss irgendwas sein. Beim Urologen war ich, weil ich dachte, ich habe Hodenkrebs. Zum Schluss wollte ich einfach nur irgendeine Diagnose und nicht immer hören: Bei Ihnen ist alles gut, Sie haben halt Stress. Die Schwermut wurde immer schwerer, ein halbes Jahr vor der Klinik war ich komplett lebensunfähig und habe eigentlich den ganzen Tag nur im Bett gelegen oder im Sommer draußen im Garten. Und es war die Hölle. Weil du merkst: Mit dir ist irgendwas.

Frage: Was geht einem da im Kopf vor?

Antwort: Wenn du depressiv bist, hast du ein Problem. Das kann ein privates Problem sein, oder bei der Arbeit. Du hast ein Problem, und du findest keine Lösung. Du bist zehn Stunden am Nachdenken, du denkst immer weiter und du hörst nicht auf, für den Depressiven gibt es keine Lösung. Das heißt, je mehr Probleme du hast, desto mehr Schrauben drehst du, und kommst dann, wenn du zehn Probleme hast, nicht auf den Punkt. Gleichzeitig liegst du dann den ganzen Tag im Garten und denkst: Vielleicht bist du faul. Vielleicht fühlt sich so auch einfach Sterben an. Dass man einfach liegt, und der Heilige Geist geht aus dir raus, und du bist halt tot.

Frage: Die Depression begleitet Sie schon seit über 30 Jahren, aber erst seit Kurzem wissen Sie davon…

Antwort: Es gibt ja drei Stufen der Depression: Leicht, mittel und schwer. Die leichte Depression kann man beheben, wenn man einmal in der Woche zu einer Gesprächstherapie geht. Bei der mittleren Depression gibt es auch einmal in der Woche eine Stunde Therapie plus Antidepressivum. Und dann gibt es die schwere Depression, wo dir geraten wird, sofort in die Klinik zu gehen. Das ist dann auch der Bereich, in dem ich mich befunden habe, wo du lebensunfähig bist und wirklich denkst, du wirst wahnsinnig. Ich würde mal sagen, in den letzten zwei Jahren war‘s eine schwere Depression. Aber die letzten 28 Jahre davor eine leichte bis mittlere Depression.

Frage: In dieser Zeit hatten Sie zwischendurch auch mit einer Alkoholsucht zu kämpfen.

Antwort: Ja, wobei ich zum Schluss auch immer wusste: Du hast ein massives Alkoholproblem. Im Nachhinein weiß ich, dass ich durch den Alkohol versucht habe, die Depression wegzutrinken.

Frage: Sie schreiben, dass einige aus Ihrem Bekanntenkreis sicherlich eine Depression vermutet hätten, Sie aber immer nur derjenige „mit der Scheißlaune“ waren. Hätten Sie sich gewünscht, dass jemand den Depressionsverdacht mal laut ausspricht?

Antwort: Das ist wie mit dem Alkohol, damals hätte ich auch nicht gerne gehört, dass mir jemand sagt: Du trinkst zu viel. Dann hätte ich gesagt: Lass mich in Ruhe, darüber möchte ich nicht sprechen. Ich habe damals auch viel geschwindelt. Deswegen habe ich auch das Buch geschrieben, weil ich jetzt zu der Erkenntnis gekommen bin: Darüber zu sprechen ist viel besser, als den starken Max zu mimen und zu sagen: „Ich habe keine Probleme und wenn was ist, mache ich das halt mit mir alleine aus.“ Das ist ja Blödsinn. Und bei mir war zum Schluss ja auch klar: Es gibt nur den Weg in die Klinik.

Frage: Sie schreiben aber auch, wie viel Angst Sie hatten, in die Klinik zu gehen, und dass Sie ganz viel geweint haben. Wie fühlt sich es sich an, das in einem Buch so offen anzusprechen?

Antwort: Das verblüfft mich immer wieder. Bei Interviews haben mich auch schon Leute gefragt: Weinen Sie denn auch öffentlich in der S-Bahn? Was ist das für ein Gefühl, wenn man weint? Ich habe davor natürlich auch schon geweint. Das war nicht so, dass ich vor der Klinik der knallharte Typ war, der nie geweint hat, ich hab oft geweint. Aber ich hätte nicht gedacht, dass es die Öffentlichkeit so interessiert, wenn ich sage: Wenn ich traurig bin, weine ich halt. Aber es war gut. Ich weine jetzt auch manchmal - aber vor Glück, weil ich denke: Oh Gott, wie schrecklich war diese Zeit, aber wie schön ist die Zeit jetzt. Und dann muss ich weinen, und wenn dann irgendwo noch ein trauriges Lied gespielt wird, hört das gar nicht mehr auf. Aber danach bin ich befreit.

Frage: Hat es Sie viel Überwindung gekostet, Ihre Erfahrungen aufzuschreiben?

Antwort: Ich habe schon überlegt, ob ich das mache, weil da ja auch sehr viel Privates drinsteckt. Ich wollte das Buch eigentlich nicht schreiben, weil ich dachte, dann muss ich auch über meine Kinder schreiben. Und ich möchte meine Kinder nicht in die Öffentlichkeit zerren. Dann habe ich lange überlegt, wie ich es mache, und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich die Anzahl der Kinder nenne, aber nicht das Geschlecht, nicht das Alter, und es gibt auch sonst keine Geschichten über die Kinder, die privat sind. Nicht, dass sie mir das in 20 Jahren um die Ohren hauen und sagen: Was hast du denn alles Intimes in dieses Buch reingeknallt.

Frage: Was war ausschlaggebend dafür, dass Sie das Buch dennoch geschrieben haben?

Antwort: Wenn du 30 Jahre in der Vergangenheit zurückgehst und merkst, wie viel verkorkste Zeit dabei ist, dann belastet dich das. Und für mich war klar: Ich möchte das nicht schlucken und mit mir selber ausmachen. Sondern ich möchte, dass ich das offen benenne und sage: Ich war depressiv, die Zeit war nicht schön, aber ich habe jetzt – wie auch die Therapeuten gesagt haben – gut aus der Depression herausgefunden und ich möchte das öffentlich machen. Das ist eigentlich in erster Linie so ein Ego-Ding. Dass ich sage, ich möchte mein Problem nicht mehr mit mir herumtragen. Und auf der anderen Seite ist es natürlich gut, dass ich durch dieses Outing vielen Menschen helfen kann.

Frage: Inwiefern?

Antwort: Das Buch ist kein Ratgeber, sondern einfach ein Lebensbericht, der sagt: So war das bei mir. Und vielleicht siehst du dich auch darin und gehst dann so schnell wie möglich zum Arzt. Ich hoffe einfach, dass wir das Thema ein bisschen anschubsen, dass die Leute sagen: Der Krömer hat doch auch über seine Depressionen gesprochen, mach du das doch auch mal. Du musst ja nicht gleich ein Buch schreiben, zum Arzt gehen reicht. Ich möchte auch, dass man in ein paar Jahren darüber lacht. Dass man sagt: Weißt du noch, da hat der Krömer damals ein Interview zum Thema Depression und Angst gegeben. Mein Gott, wie verklemmt war man damals? Warum hat man das nicht schon viel früher besprochen?

Frage: Wenn Sie von einem Arzt sprechen: Wer kann denn da genau helfen?

Antwort: Auch ein Hausarzt kann dir relativ schnell sagen, ich vermute da eine leichte, mittlere oder schwere Depression. Und dafür musst du auch nicht so lange warten wie ich, bis man kurz vorm Durchdrehen ist. Also nicht sagen: Mir müssen erst zwei Beine fehlen, und dann darf ich losgehen. Sondern je schneller du das behandeln lässt, desto schneller geht es wieder weg. Du darfst auch nie sagen: Die Depression von Kurt Krömer war ja viel schlimmer als meine eigene. Also nie Krankheiten aufwiegen. Wenn du ein Problem hast, hast du ein Problem. Wenn du ein leichtes Problem hast, hast du ein leichtes Problem, aber das ist immer noch ein Problem. Also sprich darüber und versuch, das irgendwie aus der Welt zu schaffen. Niemals selbst anfangen, den Doktor zu spielen.

Frage: Sie haben Ihre Depression erstmals im Frühjahr 2021 bei „Chez Krömer“ öffentlich gemacht. Wie hat sich das angefühlt?

Antwort: Natürlich hatte ich ein bisschen Angst davor, weil ich nicht wusste, wie die Leute damit umgehen. Aber das ist mir dann im positiven Sinn um die Ohren geflogen. Die Folge mit Torsten Sträter war mein erster öffentlicher Auftritt zur Depression, ich habe bei „Chez Krömer“ einfach gedacht: Ich kann diese Sendung jetzt nicht weitermachen, als ob nichts wäre. Da ist was. Mich beschäftigt seit Monaten dieser Klinikaufenthalt. Hätten Sie mich gefragt, wie es mir geht, hätte es zwei Möglichkeiten gegeben. Entweder hätte ich gesagt: Ich komme gerade aus einer Klinik und ich bin sehr beschäftigt damit, oder ich hätte halt gelogen und hätte gesagt: Mir geht’s gut, Punkt. Aber ich will das nicht mehr. Wenn mich einer fragt, wie es mir geht, muss er auch damit rechnen, dass ich lang aushole und sage: Mir geht’s gar nicht gut.

Frage: Wie geht es Ihnen denn jetzt aktuell? Sind Sie immer noch in Lauerstellung wie in der Zeit nach der Klinik, als Sie gedacht haben, die Depression sei zurück?

Antwort: Ich bin jetzt darüber hinaus, dass ich Tage habe, an denen ich denke: Okay, ich rufe jetzt sofort in der Klinik an und frage nach einem Termin. Ich bin damals hingegangen und habe gesagt: Ich bin rückfällig geworden, die Depression ist wieder da. Und dann sind wir mal den Tag so durchgegangen, und der Therapeut sagte: Nee, Sie haben Glück gehabt, das ist einfach nur ein Scheißtag. Sie haben eine Ansammlung von blöden Sachen, und das nervt einfach. Solange Sie in der Lage sind, zu beurteilen: Heute ist ein schlechter Tag, weil XY passiert ist, sind Sie nicht depressiv. Depressiv ist man mit diffusen Gedanken. Ich habe schlechte Gedanken, weiß aber nicht warum. Diese Sache, ob ich jetzt nochmal depressiv werde oder nicht, ist was für Depressive, habe ich jetzt entschieden. Ich werde den Teufel tun und darüber nachdenken, was wäre, wenn ich wieder depressiv werden würde. Sondern wenn ich wieder depressiv sein sollte, mache ich mir genau an dem Tag Gedanken darüber. Das Schöne ist ja jetzt: Ich weiß sofort, was los ist, ich weiß sofort, wo ich hin kann.

Frage: Was ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus Ihrer Klinikzeit mitgenommen haben?

Antwort: Dieses Programm, das man da durchläuft, sollten eigentlich alle mal durchlaufen, egal, ob man Depressionen hat oder nicht. Weil du über dich selber erfährst, wie du tickst, was du für Probleme hast, ob du immer die gleichen Muster hast und immer in die gleichen Stresssituationen gerätst. Man lernt, wie man gelassener wird. Bei mir war‘s so schön im Herbst, als ich aus der Klinik rausgekommen bin. Ich hab mich hier in Berlin schön an den Savigny-Platz gesetzt und gedacht: Ey, du hast jahrelang nicht gesehen, dass die Blätter, die vom Baum fallen, verschiedene Farben haben. Dann war da noch der Geruch nach nassem Laub… Da hab ich gedacht: Du kannst wieder gucken, du kannst riechen, du kannst hören… Du kannst wieder am Leben teilnehmen und auch die kleinen Dinge wahrnehmen. Dass du abends, wenn du ins Bett gehst, nicht sagst: Ich hab mir heute einen Sportwagen und ne Luxus-Uhr gekauft, sondern dass du die kleinen Sachen auch siehst und sagst: Ich war heute am Savigny-Platz, und diese fünf Minuten waren einfach herrlich.

Frage: Neben den kleinen Dingen des Lebens: Was macht Ihnen denn so richtig Spaß?

Antwort: Durch das Buch habe ich natürlich jetzt gerade überhaupt keine Zeit mehr für irgendwelche Hobbies. (lacht) Ich bin total gestresst und hab Angst, was die Leute darüber sagen oder nicht. Aber mein Highlight war ja letztes Jahr der Urlaub in Griechenland. Dass ich in den Urlaub fahren kann und da nicht katastrophisiere und alles schlecht rede, dass ich nicht denke, wir werden alle sterben, das Haus ist zu weit am Abhang, der Pool hat keine Umzäunung und die Kinder könnten ertrinken… Sondern dass man sagt: Urlaub ist ne geile Sache, und wenn du vor Ort bist, wirst du schon zusehen, dass nichts passiert.

Frage: Ich glaube, nach der ganzen Sache mit dem Buch und den Interviews dazu dürfen Sie sich sicher auch nochmal einen Urlaub gönnen.

Antwort: Ja, das mache ich auch. Es ist auch gut, so Sehnsuchtsorte zu haben. Die Sehnsucht nach Hobbies, oder dass man sagt: Wenn eine große Kraftanstrengung vorbei ist, macht man irgendwas Schönes. Das gilt für jeden, glaube ich. Dass man sagt: Die Anstrengung kann jetzt groß sein, aber anschließend wird’s wieder schön. Der 23. März – bäm – da fahre ich in den Urlaub, oder da gehe ich ins Kino, oder da lade ich Freunde zum Grillen ein. Dass man Sachen hat, auf die man sich freuen kann. Sonst ist man wie in so einem Tunnel. Ich merke auch immer wieder, dass die Struktur in diesem Land teilweise sehr depressiv ist. Die Leute kriegen am Sonntagabend schon schlechte Laune, weil sie denken: Scheiße, morgen muss ich wieder zur Arbeit, da brüllt mich der Chef wieder an, sagt, dass ich nichts leiste, ich habe Angst, dass er mich rausschmeißt, hab Existenzängste… Die Strukturen in diesem Land, die sind schon in Teilen depressionsfördernd.

Frage: Apropos Arbeit: Sie hatten Angst, dass Ihre „Vollmeise“ weggeht, wenn die Depression erstmal weg und die Therapie beendet ist. Und - ist die Vollmeise noch da?

Antwort: Ja, auf jeden Fall. (lacht) Wir mussten auch sehr lachen in der Klinik, weil mir das ein ernstes Anliegen war. In den ersten Tagen ging‘s mir wirklich nicht gut, ich war ja ein psychisches Wrack. Aber die Bitte konnte ich noch stellen: Ich mache, was Sie wollen, aber ich muss diese Vollmeise behalten. Da mussten die Therapeuten auch sehr lachen und haben gesagt: Wir versprechen Ihnen hoch und heilig, Sie kommen hier mit einer Meise rein und kommen auch mit einer Meise wieder raus. Wir kümmern uns nur um die Depression, und die wird verschwinden. Aber ich hatte wirklich Angst, dass ich nachher selbst über meinen eigenen Beruf sage: Die haben mich so geradegebogen, dass ergibt ja gar keinen Sinn mehr.

Frage: Aber die Angst war unbegründet.

Antwort: Ja. Deine Fähigkeiten, die du vorher hattest, die verschwinden ja nicht. Wenn du vorher ein guter Metzger oder eine gute Bäckerin warst, bist du das nachher auch noch. Es ist ja keine Illusion gewesen, dass ich gedacht habe: Ich bin vielleicht ganz lustig, und habe dann nachher gemerkt: Das stimmt ja gar nicht.

Frage: Warum eignet sich gerade Humor, um das Thema Depression aufzuarbeiten? Ihr Buch hat ja durchaus auch lustige Passagen.

Antwort: Ja, das war mir sehr wichtig. Ich hab mal bei meiner Lektorin im Verlag angerufen und die Sekretärin sagte: Die kann gerade nicht, die weint, sie liest dein Buch. Und dann dachte ich: Um Gottes Willen, wenn die jetzt alle immer weinen, wenn die mein Buch lesen… Aber dann sagte sie: Nee, aber sie hat heute auch schon laut gelacht. Und dann dachte ich: Okay, das ist genau richtig. Denn traurig ist es, weil es echt ist, und lustig ist es, weil mein Talent, komische Sachen zu erzählen, halt auch da ist. Und dann prädestiniert ist, um so ein schweres Thema zu transportieren. Von daher weiß ich, dass das Thema Depression auch im nächsten Solo-Programm vorkommen wird. Jetzt nicht als Abendprogramm, aber sicher als fünf- oder zehnminütige Nummer, wo ich das Thema lustig beantworte.

Bitte suchen Sie sich rechtzeitig Hilfe bei depressiven Gedanken. Anlaufstellen sind etwa die Telefonseelsorge unter 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222 oder die Deutsche Depressionshilfe unter 0800 / 33 44 533.

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