Osnabrück

Carsten Brosda: Kultureller Austausch ist der erste Schritt - und manchmal der letzte

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 09.03.2022 16:25 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Deutsch-russische Kooperation: Eine Szene aus „Der schwarze Mönch“ in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov am Hamburger Thalia-Theater. Foto: Krafft Angerer
Deutsch-russische Kooperation: Eine Szene aus „Der schwarze Mönch“ in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov am Hamburger Thalia-Theater. Foto: Krafft Angerer
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Seit Wladimir Putin die Ukraine mit seinem Angriffskrieg überzieht, stellt sich der Kulturszene in Deutschland eine entscheidende Frage: Wie soll sie mit den Akteuren in Russland umgehen? Jedenfalls verlangt die Situation Fingerspitzengefühl, ein völliger Boykott hilft niemandem.

Der Hamburger Kultursenator und Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Carsten Brosda, mahnt an, zu differenzieren: „Die Kontakte zur Zivilgesellschaft in Russland und zur freien Szene muss man nicht nur erhalten, die müssen wir sogar stärken“, sagt er. Denn so könne man den Menschen helfen, „in ihrem Land für ein offeneres freieres Russland zu arbeiten.“

Freibriefe stellt Brosda allerdings nicht aus. Im Gegenteil: Brosda äußert Verständnis, wenn Künstler Fragen zur Bewertung der aktuellen Situation beantworten müssen, die sich an die Seite des Regimes gestellt und von Privilegien profitiert haben: „Das kann ich gut nachvollziehen.“ Eine Art Gewissensprüfung lehnt Brosda allerdings ab. Aber er möchte verhindern, dass gut gemeinte Absichten umdeutet und Kooperationen zum Symbol dafür macht, dass russische Positionen im Westen doch anerkannter sein könnten, als es den Anschein hat.

Die Grenze zwischen intendierter Unterstützung der Zivilgesellschaft und Missbrauch als Propaganda sei dabei fließend – und könne nicht durch staatliche Vorgaben gezogen werden, sagt Brosda. Hier appelliert er an die Eigenverantwortung der Kulturakteure; wo die Linie verlaufe, müsste sich aus der konkreten Situation heraus ergeben durch die Kultureinrichtung.

Einen kompletten Boykott russischer Kultur lehnt Brosda jedenfalls ab. Denen, die das propagieren, solle man „nicht auf den Leim gehen.“ Russische Stoffe oder Kompositionen von den Spielplänen abzusetzen „wäre eine Rieseneselei.“ Denn es gibt ja Beispiele für den positiven Widerhall, den russische Kultur in Deutschland finden kann. Eines hat Brosda vor der Haustür: „Am Wochenende hatten wir im Thalia Theater eine Aufführung von „Der schwarze Mönch“ in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov, und da waren tausend Leute im Saal zurecht begeistert“, sagt er. „Darin zeigt sich doch: Es gibt eine russische Zivilgesellschaft, die für ein freies, demokratisches Russland einsteht.“

Nun durfte Serebrennikov nach jahrelangem Hausarrest aus Russland ausreisen und die Inszenierung am Thalia selbst betreuen. Doch jenseits dieses Wunders stellt sich die Frage: „Wie schaffen wir Austauschformate, die es auch unseren russischen Kooperationspartnern ermöglichen, mit uns zu arbeiten, ohne sich so deutlich bekennen zu müssen, dass man von ihnen eine Selbstgefährdung verlangt?“ Außerdem wirbt Brosda neben der bilateralen Zusammenarbeit für Projekte, die Russen, Ukrainer und Deutsche gemeinsam in einer Art Dreieckskonstellation verwirklichen.

Und noch einen dritten Strang kultureller Zusammenarbeit nennt Brosda: „Residenzen, um Künstlern aus der Ukraine und aus Russland die Möglichkeit zu geben, rauszukommen aus der Situation, in der sie sich bewegen, und die kaum Spielräume für freie Kunst lässt.“ Da kommt allerdings die Politik ins Spiel: Wohin entwickelt sich der russische Staat? Brosda verweist auf die eingeschränkte Meinungsfreiheit, auf die drakonischen Strafen, die demjenigen drohen, der sich den neu erlassenen Gesetzen widersetzt. „Wir sollten aber weiter darauf setzen, dass Kunst Räume eröffnen kann, die anderen Institutionen verschlossen sind.“ Tatsächlich hat Kultur ja Spielräume, die der Diplomatie verwehrt sind. Oder wie Carsten Brosda es sagt: „Kultureller Austausch ist manchmal der erste Schritt und manchmal auch der letzte, der noch geht, wenn alles andere nicht mehr geht.“

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