Heimatgeschiche

Der Mann, der die Stadt Emden vorangetrieben hat

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 13.03.2022 19:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Wilhelm Nübel engagierte sich auch gesellschaftlich in Emden. Foto: Privatarchiv Christa Andresen
Wilhelm Nübel engagierte sich auch gesellschaftlich in Emden. Foto: Privatarchiv Christa Andresen
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Vor 150 Jahren wurde Wilhelm Nübel geboren. Er hat die Entwicklung und Geschichte des Emder Hafens maßgeblich geprägt. Sein Ende war tragisch.

Emden - Wilhelm Nübel hat die Entwicklung und Geschichte des Emder Hafens zu Beginn des 20. Jahrhunderts maßgeblich geprägt. Darüber hinaus hat er sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch durch sein gesellschaftliches Engagement um die Stadt verdient gemacht. Geboren wurde Nübel vor 150 Jahren – am 13. März 1872 in Osnabrück. Nachdem er das Gymnasium mit Mittlerer Reife abgeschlossen hatte, begann er eine kaufmännische Lehre beim Duisburger Logistikunternehmen Lenkering & Cie und arbeitete in deren Antwerpener Niederlassung, wo er 1896 die aus Wales stammende Eliza „Lizzi“ Elliot traf. Bereits im darauffolgenden Jahr heirateten sie. 1898 verließ das Ehepaar Belgien. Der inzwischen zum Prokuristen aufgestiegene Wilhelm Nübel wurde nach Emden versetzt, um dort das Kohlekontor zu leiten.

Der Zeitpunkt hätte kaum günstiger sein können. 1899 wurde nach siebenjähriger Bauzeit der Dortmund-Ems-Kanal fertiggestellt. Damit besaß Emden eine Binnenschifffahrtsanbindung an das Ruhrgebiet. Infolgedessen erlebte die Hafenstadt bald einen enormen Aufschwung. 1900 entstand das Arbeiterviertel Transvaal. 1902 wurde der Emder Großschifffahrtshafen eröffnet. Dessen Tonnage sollte bis 1914 um das Vierfache ansteigen. 1903 bauten die auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Leo Fürbringer ins Leben gerufenen Nordseewerke ihr erstes Schwimmdock. 1913 wurde ein Achtel der Erzimporte des Ruhrgebiets über den Emder Hafen abgewickelt.

Das moderne Badezimmer war Stadtgespräch

Nübel fand sich schnell in der neuen Umgebung zurecht. Schon kurz nach dem Umzug wurde er Mitglied der Naturforschenden Gesellschaft zu Emden, die sich der Förderung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse widmete. 1901 schloss er sich der örtlichen Freimaurer-Loge an. Parallel dazu war er in diversen Vereinen aktiv und verkehrte regelmäßig im Club zum guten Endzweck, einem wichtigen gesellschaftlichen Treffpunkt des Bürgertums für den gegenseitigen geistigen und kulturellen Austausch. Unterdessen wurde die Familie Nübel stetig größer. Zwischen 1898 und 1910 wurden sechs Kinder geboren. Die Familie bezog eine an der heutigen Courbierestraße gelegenen Villa. Das moderne Badezimmer wurde zum Stadtgespräch. „Nu sünd de Nübels heel un dall mall worden, dat se nu een elektrischen Kackerie hebben“, hieß es damals.

Diese Aufnahme zeigt Wilhelm Nübel als jungen Mann. Foto: Privatarchiv Christa Andresen
Diese Aufnahme zeigt Wilhelm Nübel als jungen Mann. Foto: Privatarchiv Christa Andresen

Vom Spott ließ sich das Paar nicht beirren. Wilhelm Nübel kümmerte sich zielstrebig um den Aufbau seiner Firma. Neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen und weitsichtig, regte er den Bau der Großen Seeschleuse an. Damit machte er sich nicht nur Freunde. Geplant war nämlich die bis dahin weltweit größte Seeschleuse ihrer Art. Die wenigsten konnten sich damals vorstellen, dass jemals Schiffe von solchen Ausmaßen gebaut werden würden. Nübel dachte aber an die Zukunft und trieb das Projekt hartnäckig voran, so dass die Schleuse 1913 eingeweiht wurde.

Wie seine Frau Lizzy unter dem Krieg litt

Im April 1914 gehörte er zu den Mitbegründern der Emder Reederei AG und wurde dort auch Vorstandsmitglied. Deren Dampfer fuhren während des Ersten Weltkrieges hauptsächlich Erztransporte. Von Kriegsschäden blieb die Firma verschont, verlor aber wegen der Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages ihre komplette Flotte. Das war nicht der einzige Schicksalsschlag für Familie Nübel. Vor allem Lizzy als gebürtige Waliserin hatte die Auswirkungen der deutschen Propaganda gegen die verfeindeten Engländer unmittelbar zu spüren bekommen. „Selbst gute Bekannte vermieden es, sie zu grüßen. Sie wichen aus oder wechselten die Straßenseite“, berichtet Enkelin Christa Andresen in einem 2014 erschienenen Buch von Erzählungen ihrer Großmutter.

Das Erdgeschoss der Stadtvilla, in der die Familie Nübel lebte. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. Foto: Privatarchiv Christa Andresen
Das Erdgeschoss der Stadtvilla, in der die Familie Nübel lebte. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bomben zerstört. Foto: Privatarchiv Christa Andresen

Der psychische Druck sei so stark gewesen, dass sie ihre Stimme verlor. „Wilhelm brachte sie von einem Arzt zum anderen, immer mit der gleichen Diagnose, dass es sich um Stimmbandkrebs handele. Später stellte sich heraus: Es war nicht Krebs, sondern der Krieg.“ Wiederum ließen sich die Nübels nicht unterkriegen. Mit Ende des Krieges besserte sich Lizzys Zustand allmählich. Und ihr Mann stürzte sich voller Tatendrang in die Arbeit. Mittlerweile war er zum Direktor befördert worden. Seine Führungsqualitäten hatten sich in der Branche herumgesprochen. 1920 wurde ihm eine leitende Position bei der Westfälischen Transport AG angeboten. Ähnlich wie ein paar andere Großkonzerne zählte das Unternehmen zu den wenigen Profiteuren des Ersten Weltkriegs, war danach mächtig expandiert. Wilhelm Nübel entschied sich, die Stelle nicht anzutreten. Eine Begründung sollte er in einer von ihm verfassten und 1927 veröffentlichten Schrift anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Emder Großhafens quasi nachliefern.

Differenzen mit dem Geschäftspartner

Darin prangerte er den „Egoismus“ solcher Großkonzerte an. Der „greift eben polypenartig auf alle mit ihm in Verbindung kommenden Betriebsarten und Unternehmungen über und er tötet alles, was an individuellen Energien und Bestrebungen ihm entgegentritt“, monierte Nübel in seiner Jubiläumsschrift.

Er machte sich selbstständig und hob im März 1923 zusammen mit Johannes Fritzen die Emder Dampfercompagnie AG Nübel & Fritzen aus der Taufe. Die Firma hatte schnell einen guten Ruf für Erztransporte. Weil Nübel das nicht reichte, dehnte er die Geschäfte auf Holz- und Papierfahrten aus.

Zunehmende Differenzen mit seinem Partner führten 1925 zu einer Trennung. Nübel übernahm Fritzens Aktienanteile und nannte die Firma in Emder Dampfercompagnie (EDC) um.

Kampf gegen die „roten Zahlen“

Die steckte in den ersten Jahren tief in den roten Zahlen, die Nübel aber ausgleichen konnte, nachdem er sich durch die Gründung einer Schiffsmaklerei und Spedition in Rotterdam ein zweites Standbein aufgebaut hatte. Die starke Abhängigkeit des Emder Hafens von der Schwerindustrie barg aus seiner Sicht nicht nur Vorteile. Sein Versuch, Emden als dauerhaften Umschlagplatz für das Deutsche Kalisyndikat zu gewinnen, scheiterte ebenso wie der, durch den Erwerb entsprechender Aktienpakete vom Zusammenbruch der Stinnes GmbH und deren Linien zu profitieren.

Gesellschaftlich engagierte sich Nübel in der Emder Kaufmannschaft und war Initiator der im April 1923 eröffneten Höheren Handelsschule. Darüber hinaus saß er als Vertreter für Industrie, Verkehr und Fischerei in der Industrie- und Handelskammer. Diesen Posten sollte er auch nach Machtergreifung der Nationalsozialisten behalten. Unterdessen war die Weltwirtschaftskrise nicht spurlos an seiner Firma vorübergegangen. 1931 hatte die EDC immense Verluste eingefahren, die nur durch eine staatliche Reederhilfe kompensiert wurden. Erst 1935 bewegte sich die Firma wieder in der Gewinnzone.

Wilhelm Nübel, die Nazis und die Juden

Als besondere Wertschätzung seiner außergewöhnlichen Verdienste verlieh man Wilhelm Nübel, der mehrere Fremdsprachen beherrschte, den Titel des Vizekonsuls von Spanien. Vermittelt wurde ihm diese Auszeichnung über Kontakte des späteren Chefs der Abwehr des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht Wilhelm Canaris, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.

Dies bedeutet nicht, dass Nübel den Nazis generell wohlgesonnen gewesen wäre. Er war konservativ, als aufrechter und pflichtbewusster Preuße zählte er aber zu den Großbürgern, die der Monarchie nachtrauerten und versuchten, sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren, ohne sich ihnen gänzlich auszuliefern. Nübel war bestrebt, sich ein gewisses Maß an Eigenständigkeit zu bewahren und seinen Einfluss geltend zu machen. Er unterstützte einen jüdischen Geschäftsmann beim Verkauf eines Schiffes und sorgte dafür, dass ein jüdischer Lebensmittelhändler aus dem Konzentrationslager frei kam.

Eines Tages kam die Gestapo

Das rief irgendwann die Gestapo auf den Plan. Eines Tages standen drei Herren mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Nübel-Villa, fanden aber nur Lizzi vor. Ihr Mann war auf Geschäftsreise. „Sie war so außer sich, dass es ihr gelang, die Männer wieder zur Haustür zu drängen und sie tatsächlich wieder aus dem Haus zu vertreiben“, schreibt Christa Andresen in ihrem Buch.

„Sie konnten sie auch nicht davon abhalten, ihnen nachzurufen, doch lieber die Bibel zu lesen, als bei unbescholtenen Bürgern Hausfriedensbruch zu begehen. Nichtsdestotrotz wäre Großvater in dieser Zeit mit Sicherheit früher oder später ins KZ gekommen.“

Das letzte Kapitel seiner Geschichte

Ein solches Schicksal blieb Wilhelm Nübel erspart, wenngleich auf tragische Weise. Er verstarb völlig überraschend am 2. Juli 1940 an den Folgen eines Leistenbruchs. Seine Frau überlebte den Krieg. 1951 erlitt sie einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht wieder erholte. Die Reederei existierte noch bis 1968.

Für den Historiker Heiko Suhr ist Nübel „ein Beispiel für den Modernisierungsprozess, den die Stadt Emden wirtschaftlich, aber auch gesellschaftlich am Anfang des 20. Jahrhunderts erlebt hat“, wie in einem Lexikoneintrag steht.

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