Osnabrück
Museumsexperte sieht Kulturschätze in der Ukraine in Gefahr
Steht in der Ukraine ein Szenario wie in Syrien bevor? Eckart Köhne vom Deutschen Museumsbund sieht Kulturschätze in akuter Gefahr, fürchtet Raub und Zerstörung. Nur ein Punkt macht dem Kulturexperten Hoffnung.
Eckart Köhne, Präsident des Deutschen Museumsbundes, fürchtet um Museen und Kulturstätten in der Ukraine. „Wir Museumsleute haben aus leidvollen Konflikten wie jenem in Syrien unsere Erfahrungen mit Zerstörungen von Kulturgütern gewonnen. Ich hoffe, dass sich das jetzt in der Ukraine nicht wiederholen wird“, sagte er im Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung. Köhne zieht das aber in Betracht: „Ich habe bislang keine verlässlichen Informationen über Zerstörungen von Kulturstätten oder Museen in der Ukraine. Wir müssen mit solchen Zerstörungen aber rechnen“.
Die Konsequenzen könnten nach Einschätzung Köhnes, der seit 2014 dem Badischen Landesmuseum in Karlsruhe als Direktor vorsteht, erheblich sein. Der promovierte Historiker und Archäologe rechnet damit, dass in der Folge des Überfalls Russlands auf das Nachbarland Kunstobjekte aus ukrainischen Museen entwendet und zu Geld gemacht werden könnten. „Ich gehe davon aus, dass es zu erheblichen Diebstählen aus Museumssammlungen in der Ukraine kommen wird. Umso wichtiger wird es sein, Diebstähle zu dokumentieren und Hehlerei auf den internationalen Märkten zu verfolgen“, sprach Köhne Klartext zu der bedrohlichen Situation für die Kultur in der Ukraine.
Zugleich sind die unmittelbaren Möglichkeiten, jetzt Hilfe zu leisten und Kulturgüter in der Ukraine zu schützen, nach Einschätzung des Experten offenbar begrenzt. „Wir werden den Museen in der Ukraine erst so richtig helfen können, wenn der militärische Konflikt beendet ist. Dann beginnt die Zeit, in der wir aktiv die Museen vor Ort unterstützen können zum Beispiel bei der Bestandsaufnahme und Sicherung“, beschrieb Köhne die Handlungsoptionen für deutsche Museen. Die deutschen Fachleute werden nach seiner Voraussicht allerdings später durchaus in der Ukraine gefragt sein.
Im Unterschied zum Krieg im damals zerfallenden Jugoslawien in den neunziger Jahren gibt es bei dem derzeitigen Konflikt aber nur eine geringere Wahrscheinlichkeit dafür, dass Kulturstätten oder Museumssammlungen von den russischen Streitkräften militärisch gezielt attackiert werden, um mit der Kultur auch die kollektive Identität der Ukrainer zu treffen. Eckart Köhne dazu: „Ich hoffe, dass es, anders als bei den Kämpfen im zerfallenden Jugoslawien in den neunziger Jahren, zu keinen gezielten Zerstörungen von Kulturstätten kommen wird. Eine Kultur, die Russen und Ukrainer ja auch als eine gemeinsame begreifen, sollte davon abhalten, Kulturschätze bewusst zu zerstören“.
Der Präsident des Deutschen Museumsbundes plädiert zugleich dafür, Kulturkontakte nach Russland jetzt nicht abzubrechen. „Wir haben über Jahre stark in den deutsch-russischen Museumsaustausch investiert. Der Museumsdialog ist gerade in Krisenzeiten immer weitergeführt worden. Ein Abbruch dieser Beziehungen wäre jetzt nicht glaubwürdig“, sagte Eckart Köhne und verwies auf die besondere Funktion von Kultur in Konfliktsituationen. „Ich habe Kultur immer als etwas Verbindendes verstanden. Sie hilft uns, auch in schwierigen Zeiten, miteinander im Gespräch zu bleiben. Einen Abbruch der Verbindungen würde ich als eine Kapitulation begreifen. Davon möchte ich nicht ausgehen“, sagte Köhne abschließend.