Hannover

Niedersachsen: 94-Jähriger verteilt Geldumschläge an Kriegsflüchtlinge aus Ukraine

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 10.03.2022 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Für die Kinder vor einer Messehalle in Hannover, die derzeit als Unterkunft für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine dient, gibt es etwas Süßes, die Mutter bekommt später von dem älteren Herrn einen Geldumschlag. Foto: Lars Laue
Für die Kinder vor einer Messehalle in Hannover, die derzeit als Unterkunft für Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine dient, gibt es etwas Süßes, die Mutter bekommt später von dem älteren Herrn einen Geldumschlag. Foto: Lars Laue
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Es sind diese kleinen Momente, die zu Herzen gehen: Vor einer riesigen Flüchtlingsunterkunft an der Messe in Hannover begrüßt ein 94-Jähriger Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine - für die Kinder gibt es was Süßes, für die Mütter Bargeld.

Langsam schiebt der Senior seinen Rollator immer weiter in Richtung Marianne Bondarkova. Die Ukrainerin wartet mit ihren drei Kindern vor der Messehalle 27 in Hannover darauf, registriert zu werden und macht zunächst einen Schritt zurück. Der 94-Jährige, der seinen Namen lieber nicht nennen möchte, greift in die Stofftasche, die er morgens mit Süßigkeiten gefüllt und über den Griff seiner Gehhilfe gehängt hat. Der alte Mann kramt Gummibärchen hervor, gibt sie den Kindern und fischt für die Mutter einen Briefumschlag mit Bargeld aus seiner Innentasche.

3000 Euro hatte der 94-Jährige bei der Bank abgehoben. Nun stecken 15 Kuverts in seiner Jacke - in jedem befinden sich zwei 100 Euro-Scheine. „Sie werden es gebrauchen können“, sagt der Senior zu Marianne Bondarkova, die ihren Mann und Vater der drei Kinder im Alter von elf, 19 und 20 Jahren in Kiew zurücklassen musste, damit er die Ukraine gegen russische Angriffe verteidigen kann.

Was der Mann sagt, versteht die Geflüchtete nicht, aber die Geste kommt an. Marianne Bondarkova ist zu Tränen gerührt und drückt den liebenswerten Opa, der seinen Namen noch immer nicht verraten will. „Der alte Angeber“ könnten die Leute ja denken, rechtfertigt er seine Zurückhaltung. Ein Angeber? Mitnichten. „Wissen Sie“, sagt der Herr bei einer Verschnaufpause auf seinem Rollator sitzend, „ich war in russischer Gefangenschaft, ich habe einiges erlebt, ich kenne mich aus und ich will helfen.“

Neben weiteren Geldumschlägen, die er vorwiegend an Mütter und Ältere verteilt, hat der 94-Jährige nun auch einen Zettel vom Deutschen Roten Kreuz in seiner Innentasche. Drei Wörter stehen darauf: Nasentropfen, Hustensaft, Gummibärchen. „Das brauchen die hier“, weiß der Senior nach seinem Besuch in der Messehalle, die mit ihren 1200 Plätzen aktuell bereits ausgebucht ist. Eine weitere Halle mit 1000 Plätzen wird gerade hergerichtet.

„Ich gehe nachher noch in die Apotheke und in den Supermarkt, besorge die Dinge und morgen komme ich wieder“, verspricht der Hannoveraner, der am anderen Ende der Stadt wohnt und mit der Straßenbahn zum Messegelände rausgefahren ist.

Auch auf Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann geht der Senior zu. Freilich nicht, um ihm Süßigkeiten und Geld zu überreichen, sondern um mit dem Landesminister ins Gespräch zu kommen. Althusmann zeigt sich überwältigt von dem Engagement des Mannes und schildert sichtlich bewegt seine Eindrücke aus der Halle, in der die Kriegsflüchtlinge untergekommen sind. „Das geht einem wirklich nah“, sagt der Minister nach einem Gespräch mit zwei Familien, die ihre Heimat Hals über Kopf verlassen mussten.

Nur das Nötigste zusammenpacken und dann weg. Von der Flucht vor dem Krieg zeugen auch viele Autos mit ukrainischen Kennzeichen, die vor der Messehalle stehen. Ein Kissen, eine Decke und ein Kuscheltier auf der Rückbank, der Kofferraum voll mit einigen Tragetaschen und einem Kinderrucksack. Diese Familie ist sicher in Hannover angekommen.

Ebenso wie am frühen Donnerstagnachmittag ein Sonderzug mit Ukraine-Flüchtlingen am Messebahnbahnhof in Laatzen bei Hannover. Nach Angaben eines Bahnsprechers waren in dem Zug etwa 600 Menschen. Niedersachsen hat auf dem angrenzenden Messegelände ein Drehkreuz zur Verteilung von Ukraine-Flüchtlingen eingerichtet. Zudem entstand in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs eine Außenstelle der Landesaufnahmebehörde.

Doch hier in Hannover können, sollen und wollen die meisten Flüchtlinge nicht lange bleiben, sondern auf die Kommunen verteilt werden. „Wir müssen jetzt ganz schnell digitale Lösungen entwickeln, um diejenigen, die Wohnraum anbieten, mit denjenigen, die hier ein Dach über dem Kopf brauchen, zusammenzubringen“, erklärt Minister Althusmann nach seinem Besuch in der riesigen Flüchtlingsunterkunft.

„Die Menschen aus der Ukraine brauchen jetzt dringend eine Unterkunft, wo sie zur Ruhe kommen können, um das Erlebte zu verarbeiten“, weiß auch Niedersachsens Bauminister Olaf Lies und appelliert am Donnerstag in Hannover an die Wohnungswirtschaft, Unterkünfte und Wohnungen zur Verfügung zu stellen. „Auch jede private Hilfe ist jetzt hochwillkommen“, fügt Lies hinzu.

Um die Unterstützung koordinieren zu können, sollen alle Hilfsangebote an die örtlich zuständigen Kommunen gerichtet werden, betont Kai Weber, der Geschäftsführer des Flüchtlingsrates Niedersachsen. Auf diese Weise werde es auch möglich sein, weitere Hilfen anzuschieben.

 Helfen will auch Lydia Kremer. Sie ist Russlanddeutsche und kümmert sich vor dem Messegelände um ankommende Flüchtlinge. „Ich habe selber nichts, spende und helfe aber sehr gerne“, sagt sie und stellt fest: „So muss das auch sein.“

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