Gleichberechtigung
Berliner Charité gedenkt ostfriesischer Pionierin
Die Berliner Charité widmet der Pewsumer Frauenärztin und Pionierin Dr. Hermine Heusler-Edenhuizen ein eigenes Symposium. Auch in Pewsum wird an sie anlässlich ihres 150. Geburtstags erinnert.
Pewsum - Sie wollte Abtreibungen legalisieren, wurde die erste Frauenärztin Deutschlands und setzte sich für die Gleichberechtigung ein. Dr. Hermine Heusler-Edenhuizens Lebenslauf ist erstaunlich, aber umso erstaunlicher ist er, wenn man dabei berücksichtigt, dass sie vor 150 Jahren in Pewsum geboren wurde. Damals hatten Frauen noch nichts zu sagen, durften nur mit Erlaubnis ihres Mannes Geld verdienen, besaßen kein Wahlrecht und waren bis auf wenige Ausnahme von höheren Schulabschlüssen ausgeschlossen. Darum nimmt die Berliner Charité nun auch Heusler-Edenhuizens Geburtstag am 16. März zum Anlass, um ihr ein medizinhistorisches Symposium zu widmen. Mehr als vier Stunden lang tauschen sich dann Experten im Campus Virchow-Klinikum über die Geschichte aus.
Was und warum
Darum geht es: um eine bedeutende Pewsumer Persönlichkeit, die in wenigen Tagen ihren 150. Geburtstag gefeiert hätte.
Vor allem interessant für: Leser, die sich für die Geschichte der Gleichberechtigung und für historische Persönlichkeiten interessieren
Deshalb berichten wir: Die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Krummhörn hatte kürzlich zu einem Pressegespräch eingeladen. Den Autor erreichen Sie unter: m.hillebrand@zgo.de
„Wir haben ihr auch ein Kapitel in unserem Buch ,Berühmte Frauenärzte in Berlin, Teil 2‘ gewidmet“, schreibt auf Nachfrage Prof. Dr. Matthias David von der Gynäkologie-Klinik der Charité. Die Pewsumerin sei bisher aber nur „Insidern“ bekannt und ihre wissenschaftliche Bedeutung in ihrem Fachgebiet selbst sei „gering“, so David. „Eher wird sie als Gründerin der Ärztinnenbundes und im Zusammenhang mit frühen Auseinandersetzungen um den Paragrafen 218 [Thema Abtreibungen, Anmerkung der Redaktion] wahrgenommen, und natürlich als erste Frauenärztin, die Studium und Facharztausbildung in Deutschland absolviert hat“, erklärt der Sprecher der historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Zum Vergleich: Heute sind ihm zufolge mehr als 50 Prozent aller Frauenärzte weiblich.
Politiker warnten vor „Gefahr des Frauenstudiums“
Auf das anstehende Symposium in Berlin hat Hannelore Jürgler unsere Zeitung aufmerksam gemacht. Die Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Krummhörn empfing jetzt nämlich die Presse im Pewsumer Rathaus und ging mit ihr anschließend durch das benachbarte Museum in der Manningaburg, in dem der 1955 verstorbenen Medizinerin eine kleine Ausstellung gewidmet wird. Jürgler war es auch, die den Namen Heusler-Edenhuizen vor einigen Jahren in Ostfriesland überhaupt erst bekannter machte. Seitdem gab es Ausstellungen, ein Erzähltheater der Ländlichen Akademie Krummhörn und mehr.
Jürgler betont die Bedeutung von Heusler-Edenhuizen, die mit Anfang 20 nach Berlin ging, um an Sonder-Abiturkursen der Pädagogin und Frauenrechtlerin Helene Lange teilzunehmen. Offiziell gab es Ende des 19. Jahrhunderts nämlich noch keine staatlichen Gymnasien für Frauen, wie sie in ihren Memoiren schreibt. Das erklärt auch den Widerstand, der ihr in ihrer ostfriesischen Heimat entgegenschlug. Die Verwandtschaft habe ihr Hysterie vorgeworfen und der Vater, selbst ein Landarzt, verspottete sie, während der örtliche Pastor die Stadt Berlin als „Sündenbabel“ bezeichnete.
Veranstaltung in Pewsum
Wenn nun dort am 16. März an Heusler-Edenhuizens Leben erinnert wird, gibt es gleichzeitig auch in Pewsum eine Veranstaltung, kündigt die Gleichstellungsbeauftragte Jürgler an. Im Rahmen des Lebendigen Frauenkalenders des Rundes Tisches „Frauenleben in Ostfriesland“ beginnt nämlich um 19 Uhr eine Führung durch das Burgmuseum. Es folgt eine Lesung mit Dr. Heyo Prahm in der „Gaststube“ des Rathauses. Prahm ist ihr Großneffe, selbst Kinder- und Jugendpsychiater und hat im Jahr 1996 die Lebenserinnerungen von Heusler-Edenhuizen in Buchform herausgebracht. Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei, aber man muss sich telefonisch unter 04923/916154 oder per E-Mail an juergler@krummhoern.de anmelden.
Gedenktafel in Berlin, Preis in Oldenburg
Vergleicht man das Nachwirken der Pewsumer Medizinerin, so hat sie im Gegensatz zu anderen bedeutenden weiblichen Persönlichkeiten noch Glück. Ihr Andenken wird nämlich nicht nur in Ostfriesland gewahrt, sondern es gibt auch eine Gedenktafel an ihrem früheren Haus in Berlin-Charlottenburg. Außerdem wird an der Uni Oldenburg in jedem Semester der Hermine-Heusler-Edenhuizen-Preis für Veröffentlichungen ihres medizinischen Nachwuchses verliehen und Pewsum bildet dank ihr und dem Vorschlag der Krummhörner Gleichstellungsbeauftragten einen von niedersachsenweit 47 Frauenorten, die der Landesfrauenrat festlegt.
Viele andere bedeutende weibliche Persönlichkeiten gerieten hingegen in der Vergangenheit weltweit in Vergessenheit und ihnen wurde erst recht kein Denkmal gesetzt. Ein Beispiel dafür ist die US-Ostküstenmetropole New York, wo sich Aktivistinnen zuletzt für mehr Statuen von historischen Frauen einsetzten. Im August 2020 wurde so im Central Park ein Bronze-Denkmal für drei Frauenrechtlerinnen aus dem 19. Jahrhundert aufgestellt. Bis dahin zeigten die Statuen in dem berühmten Park fast alle Männer – oder fiktionale Frauen wie die Titelfigur aus dem Buch „Alice im Wunderland“.