Innenstadt
Trotz leerer Ladenlokale: Aurich lebt und kämpft
Vor einigen Tagen fuhr Auricher Kaufleuten ein Schreck in die Glieder. In der Burgstraße stehen vier Ladenlokale, die direkt hintereinanderstehen, leer. Doch jetzt zeichnet sich überraschend eine Trendwende ab.
Aurich - Vor einigen Tagen stapelten sich beim Textil-Discounter Ernsting‘s familiy in Aurich die Umzugskartons. Mitarbeiter verpackten in der Filiale an der Burgstraße 41 Artikel für den Transport. Dafür musste kein weiter Weg zurückgelegt werden: Das Unternehmen ist einige Hundert Meter in Richtung 1A-Lage aufgerückt, nämlich in die Burgstraße 3. Am alten Standort klafft indessen jetzt eine große Lücke von vier Ladenlokalen, angefangen bei Haus-Nummer 35. Ein Leerstand-Bermuda-Dreieck tut sich auf.
Was und warum
Darum geht es: Es gibt immer mehr leerstehende Ladenlokale in Aurich.
Vor allem interessant für: Besucher der Innenstadt und Kaufleute
Deshalb berichten wir: Weil vier vakante Geschäfte hintereinander für Debatten in der Redaktion gesorgt haben. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
„Ich bin froh, dass unser Geschäft vom Marktplatz aus betrachtet davor liegt“, sagt Bettina Rademaker im Gespräch mit dieser Zeitung und lacht. Die Kauffrau betreibt das Accessoire-Geschäft „Wohnkooje“. Sie selbst hat vor zwei Jahren den Umzug von der Hafenstraße in die Burgstraße 31 gewagt. Dort hat sie fast dreimal so viel Fläche wie am alten Standort. Ausschlaggebend für den Wechsel war die bessere Wahrnehmbarkeit in Aurichs Haupteinkaufsmeile. Dass dort jetzt auch ein Leerstand klafft, der sich über mehrere Häuser zieht, ist für Bettina Rademaker „kein schönes Signal für den Kunden“. Außer der Vierer-Riege gibt es noch weitere Ladenlokale in der Burgstraße und der Osterstraße, die seit Monaten, manche sogar schon seit Jahren auf einen neuen Mieter und Pächter warten (siehe Grafik). Derzeit sind es 14 von rund 50 Geschäften. Die Gründe für die schlechte Vermittelbarkeit sind spekulativ, weil sich die Vermieter in der Regel nicht in die Karten gucken lassen. Manchmal sind Streitigkeiten in einer Erbengemeinschaft die Ursache, manchmal haben Eigentümer überzogene Vorstellungen. „Wer glaubt heute noch, dass er einen Mietvertrag über 16 Jahre abschließen kann?“, hieß es im Zuge der Recherche.
Ein-Euro-Läden sind nicht gefragt
Das Bermuda-Dreieck wird aller Voraussicht nach nicht von langer Dauer sein. Vor Kurzem wurde bekannt, dass der Auricher Architekt Matthias Steinhoff das Gebäude an der Burgstraße 37 erworben hat. Langfristig wolle er das Haus umbauen, sagte er auf Anfrage. Kurz- bis mittelfristig fasse er eine Vermietung ins Auge. Für konkrete Informationen sei es indessen noch zu früh. Veränderung zeichnet sich nach langem Stillstand im Nachbar-Gebäude ab, dem Eckhaus Burg-/Hafenstraße. Das sei so gut wie vermietet, sagte die Eigentümerin, die incognito bleiben möchte. In den zurückliegenden zwei Jahren habe sie verschiedene Anfragen erhalten: „Das waren vor allen Dingen Anbieter von Handys, Ein-Euro-Läden oder dergleichen. Darauf wollte ich mich nicht einlassen.“ Derjenige, der jetzt den Zuschlag bekommen habe, sei sehr interessiert gewesen und habe sich immer wieder um einen Vertrag bemüht.
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Grundsätzlich stellt sich aber die Frage: Sind Leerstände in Aurich ein temporäres oder ein strukturelles Problem? Damit hat die Redaktion Experten konfrontiert. Welche Tragweite hat das Thema für die Entwicklung einer Innenstadt? Vicki Janssen warnt davor, das Problem zu dramatisieren. Nach Meinung von Aurichs City-Managerin ist gegenwärtig viel „Bewegung auf dem Markt“: „Das heißt, dass Geschäftsleute altersbedingt wechseln. Es müssen Nachfolger gefunden werden. Wegen der Sanierung der Fußgängerzone schreit derzeit auch nicht jeder Hurra.“ Die Stadt versuche immer wieder, Kontakt zu den Immobilienbesitzern aufzunehmen, um zu vermitteln. Dabei gehe es oft um Startups. Das sind Firmen, die sich gerade gegründet haben und noch in der Erprobung stecken. Das Problem laut Vicki Janssen: Wegen unterschiedlicher Vorstellungen vom Mietpreis und Dauer des Mietvertrags lasse sich oft keine Übereinkunft erzielen. Sie sei immer ansprechbar, wenn es um eine Vermittlung gehe (Telefon 0176/12112230 oder v.janssen@stadt.aurich.de).
Glanzlichter für die Innenstadt
Was muss man derzeit für ein Ladenlokal in der Innenstadt zahlen? Immobilienmakler Lennart Gerstmeier sprach auf Anfrage von einer Spanne zwischen 20 bis 60 Euro: „Das hängt immer stark von der Lage und von der Größe ab.“ Generell liege der Quadratmeterpreis bei kleinen Lokalen höher als bei größeren. Wenn man sich auch damit einverstanden erklären könnte, in einer Seitenstraße ein Geschäft zu eröffnen, könne man auch mit zehn bis 20 Euro pro Quadratmeter rechnen. Gerstmeier selbst hat einige Gebäude in der Osterstraße gekauft, die er sanieren möchte. Von dem Effekt verspreche er sich viel für die Aufwertung dieses Bereichs. Auch die Stadt hat dort einige Gebäude erworben. Die Kunstschule und das Mach-mit-Museum sollen darin untergebracht werden.
Diese Perspektive und andere Faktoren sind auch für Udo Hippen ein Grund, optimistisch in die Zukunft zu sehen. Der Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins gibt sich überzeugt, dass Aurich kein strukturelles Problem hat. Die Corona-Pandemie habe zwar Spuren hinterlassen, aber die Substanz sei gut. „Um die Innenstadt ist mir nicht bange“, sagte Udo Hippen. Die Sanierung der Fußgängerzone würden ihr ebenso Glanzlichter aufsetzten wie die Anschaffungen durch das Perspektive-Förderprogramm. Das Stadtmarketing mache gute Arbeit. Der Mix aus inhabergeführten Geschäften und Filialisten sei ausgewogen. Die Leerstände sind also nur Makulator.
Wie lässt sich diese Einschätzung mit Blick auf andere Städte bewerten? Gibt es eine Art Bewertungsmaßstab für Leerstände? Das stellt Reinhard Hegewald entschlossen in Abrede. Der Referent der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg sagt, dass die Städte dafür zu unterschiedlich seien. „Ob und wie eine Innenstadt von Leerständen betroffen ist, ist somit immer eine subjektive Wahrnehmung. Leerstände hat es immer mal wieder in unseren Städten gegeben und die wird es auch immer mal wieder geben. Das ist ganz normal. Eine Innenstadt ganz ohne Leerstände wird es hingegen kaum geben - auch nicht in den besten wirtschaftlichen Zeiten“, meint Reinhard Hegewald. Er sieht die Aufgabe der öffentlichen Hand im regulierendem Eingriff. Wenn für eine gute Aufenthaltsqualität sowie Parkraum für Autos und Räder gesorgt worden sei, würden sich nach seiner Einschätzung die Leerstände auch wieder reduzieren.