Kolumne: Artikel 1, GG
Muss man Namen richtig aussprechen?
Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal in der Woche eine Kolumne. Mittwochs geht es um Diversität.
Manchmal will ich eintauchen in die Köpfe von Menschen, denen ich gerade zuhöre. Weil ich verstehen möchte, welche Ereignisse und Erlebnisse sie dazu brachte, dass sie so denken, wie sie denken. Ich versuche mal anhand eines Beispiels zu örtern, was ich meine: Am Montagabend nahm ich an einer digitalen Veranstaltung teil. Referent war ein Juniorprofessor, der an einer Universität in Westdeutschland lehrt. Er ist Sohn von Arbeitsmigranten. Das ist eine Info, die nicht immer relevant ist. In diesem Fall aber schon. Denn sein Vor- und Nachname ist nicht „typisch deutsch“ . Es sind keine Namen, die man richtig ausspricht, wenn man nicht die Phonetik der Buchstaben kennt.
Der in Deutschland geborene Enddreißiger scheint sich – wie zu Beginn der Zoom-Konferenz zu hören war – darüber sehr zu ärgern, dass nicht alle seinen Namen richtig aussprechen. Ich interpretiere das aus seiner Reaktion: Er erwähnte ausdrücklich, dass die Moderatorin seinen Namen richtig ausgesprochen habe. Was vermutlich damit zu tun hat, dass sie – ihrem Namen nach – gleicher Herkunft wie der Professor ist.
Zur Person
Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Während ich dem Juniorprofessor zuhörte, der zu rassismuskritischer Bildung sprach, gingen mir Fragen durch den Kopf: Warum ärgert es ihn so, dass nicht jeder in diesem Land seinen Namen richtig aussprechen kann? Worin unterscheiden wir uns? Denn ich habe mich nie darüber geärgert. Auch wenn Türkeistämmige seit mehr als 60 Jahren in diesem Land leben: Ich gehe nicht davon aus, dass jeder weiß, wie im Türkischen die Buchstaben C und Ç ausgesprochen werden. Ich spreche meinen Namen richtig aus und nehme es mit Gleichmut, wenn meinem Gegenüber trotzdem die richtige Aussprache nicht gelingt. Das muss mit mir nichts zu tun haben.
Was aber hat es mit mir zu tun, dass ich mir Gedanken über jemanden mache, der sich darüber ärgert, dass sein Name nicht richtig ausgesprochen wird? Wenn ich es herausgefunden habe, schreibe ich darüber.
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