Bildung

So gehen Emder Grundschüler mit dem Krieg um

| | 15.03.2022 16:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Schülerinnen und Schüler sowie das Kollegium der Grundschule am Wall kamen zu einem lebendigen Friedenszeichen auf dem Schulhof zusammen. Foto: Privat
Die Schülerinnen und Schüler sowie das Kollegium der Grundschule am Wall kamen zu einem lebendigen Friedenszeichen auf dem Schulhof zusammen. Foto: Privat
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Krieg ist allgegenwärtig. Auch Kinder bekommen das mit und brauchen einen Rahmen, um das Geschehen zu verarbeiten. In Emden wird für den Frieden gemalt. Wir haben mit Mädchen und Jungen gesprochen.

Emden - Es ist Krieg in Europa und auch Kinder in Emden bekommen das mit. Sie sehen es in den Nachrichten, hören es im beiläufigen Gespräch der Erwachsenen. Sie komplett von diesem Thema abzuschirmen, ist unmöglich. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat deswegen gleich zu Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine Schulen dazu aufgerufen, mit den Mädchen und Jungen aktiv über den Konflikt ins Gespräch zu kommen. „Wir müssen es thematisieren“, bekräftigt auch Gudrun Stüber. Sie ist Leiterin der Grundschule am Wall in Emden, die schon mehrere Aktionen durchgeführt hat.

Was und warum

Darum geht es: Man kann Kinder nicht vor allem schützen, sondern sollte ihnen stattdessen eine Möglichkeit geben, offen Fragen zu stellen - auch zum Krieg.

Vor allem interessant für: Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Menschen, die sich für Friedensaktionen interessieren

Deshalb berichten wir: Wir wollten über die Aktion „Kinder malen für die Ukraine und den Frieden“ berichten und habe bei Grundschulen angefragt, ob wir mit Kindern über ihre Gefühle und Erfahrungen sprechen können.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Kindgerecht und auf dem Niveau der Klasse dürfe durchaus für das Thema sensibilisiert werden. „Wir werden bald Flüchtlinge aufnehmen, es betrifft die Schüler“, erklärt sie. Einige schauten die Nachrichten oder bekamen anderweitig von den Geschehnissen mit. Andere hätten auch verwandtschaftliche Beziehungen nach Russland oder in die Ukraine. Man wolle früh aufklären, damit später vielleicht Konflikte in der Schülerschaft vermieden werden. Schulen seien wichtig für die Demokratiebildung, Stabilität und auch Solidarität, betont sie. Dass ihre Schule gezielt von der Facebook-Gruppe „Verspottet: Stadt Emden“ aufs Korn genommen wurde, weil sie die ukrainische Fahne aus dem Fenster hängen haben und mit den Kindern über Krieg sprechen, habe sie regelrecht erschrocken. Interessanterweise wurde der Facebook-Beitrag hauptsächlich von Nutzern kommentiert, die sich klar auf die Seite der Grundschule stellen. Ein Nutzer nennt den Beitragschreiber sogar „Putin-Freund“. Der Konsens ist klar: Man kann die Kinder nicht abschirmen.

Kinder helfen, aktiv für den Frieden zu werden

Wie nachhaltig eine Aktion der Grundschule am Wall in den Köpfen der Kinder hängen bleibt, wird bei einem Gespräch mit der 4b deutlich. Die Mädchen und Jungen waren dem Aufruf der Fresena-Galerie (Brückstraße) an Emder Grundschulen gefolgt, für die Ukraine und den Frieden zu malen. Die Bilder der Kinder werden in der Galerie und in anderen Geschäften in der Brückstraße, in denen der blau-gelbe Aufkleber „Kinder malen für die Ukraine und den Frieden“ angebracht ist, für einen vom Käufer selbst gewählten Betrag gekauft. Das Geld soll dann „von Seehafenstadt zu Seehafenstadt“ sobald möglich für die ukrainische Stadt Mariupol gespendet werden, erklärt Fresena-Betreiber Constantin Weiffen auf Nachfrage dieser Zeitung. Er geht derzeit davon aus, dass rund 1500 Euro zusammen kommen könnten. „Je mehr Schulen mitmachen, desto besser“, erklärt er. Die Aktion sei „sehr spontan“ entstanden. Er sei selbst Vater und merke, wie das Kriegsgeschehen seine Kinder belaste. Malen helfe, Gefühle wie Angst und Unsicherheit besser zu verarbeiten, sagt er.

Im Flur der Grundschule am Wall hängen Bilder der 4b, die sie für den Frieden und die Ukraine gemalt haben. Foto: Hanssen
Im Flur der Grundschule am Wall hängen Bilder der 4b, die sie für den Frieden und die Ukraine gemalt haben. Foto: Hanssen

Auch Klassenlehrerin Ilona Gerdes sagt, sie habe deutlich gemerkt, wie sehr das Thema die Schülerinnen und Schüler der 4b betroffen habe. Nach dem Malen der Bilder sei es ihr wichtig gewesen, den Schultag mit etwas Schönem zu beenden: Es wurden Blumen gepflanzt. Im Gespräch mit dieser Zeitung berichten die Mädchen und Jungen davon, dass sie mit ihren Eltern über den Krieg sprechen, Nachrichten hören und sehen. Ihr Bild für den Frieden zu malen, habe ihnen sehr geholfen, sagen sie. Viele haben „Peace“-Zeichen gemalt wie etwa John, Letizia und Rojhoat. Lukas hat sich für eine gelbe Friedenstaube auf blauem Hintergrund entschieden.

„Ich will wissen, ob es den Leuten gut geht“

Und Mia hat gleich drei Bilder gemalt, unter anderem mit einem Regenbogen. Sie habe das Geschehen besonders mitgenommen. „Ich will auch der Ukraine helfen“, sagt die Zehnjährige. Um mit ihren Ängsten umzugehen, sei es ihr wichtig, etwas zu tun. „Ich will auch etwas von den Nachrichten wissen. Ich will wissen, ob es den Leuten gut geht“, sagt Lukas. Greta spricht davon, dass sie zwar Angst hat und manchmal auch nichts mehr vom Krieg hören will, aber dann doch wieder etwas erfahren möchte, um zu helfen. „Es ist ganz einfach, mit so einer Kleinigkeit etwas Großes zu bewirken“, sagt sie. Auf ihrem Bild ist eine große Bombe dick durchgestrichen. „Für das Geld kann Essen und Trinken gekauft werden“, hofft Rojhoat. „Ich hoffe, dass der Krieg bald vorbei ist“, sagt Chayenne.

Mia hat gleich drei Bilder für den Frieden gemalt - auf diesem sieht man die Friedenstaube. Foto: Hanssen
Mia hat gleich drei Bilder für den Frieden gemalt - auf diesem sieht man die Friedenstaube. Foto: Hanssen

An vielen Emder Schulen wurde bereits ein Zeichen für den Frieden gesetzt - etwa in dem sie ein „Peace“-Zeichen auf dem Schulhof bildeten. Bei einer gemeinsamen Schweigeminute nahmen unter anderem die Oberschulen Wybelsum, Herrentor und Borssum, die Förderschule, die Grundschule Constantia, das Johannes-Althusius- und das Max-Windmüller-Gymnasium sowie die beiden Berufsbildenden Schulen teil. Bei der Integrierten Gesamtschule (IGS) klebt in Großbuchstaben das Wort Frieden an der Fensterfront und am JAG werden Friedens-Buttons von der Schülerschaft verteilt.

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