Münster
Christine Thürmer: Sex auf Langstreckenwanderungen ist grandios
Christine Thürmer ist Langstreckenwanderin aus Leidenschaft. Im Interview erklärt sie, warum sie auf teure Outdoor-Ausrüstung verzichtet, lieber Regenjacken für 7,99 trägt und wie das mit dem Sex im Zelt läuft.
Christine Thürmer hat früher Firmen saniert, bis ihr selbst gekündigt wurde. Jetzt wandert sie - beruflich. Eine Hälfte des Jahres durchquert sie auf Langstreckenwegen ganze Kontinente, die andere Hälfte wohnt sie im Plattenbau in Berlin-Marzahn.
Frage: Frau Thürmer, Sie sind Langstreckenwanderin, mittlerweile schon 58.180 Kilometer gewandert und nennen sich die „meistgewanderte Frau der Welt“. Warum ist dieser Titel wichtig?
Antwort: Ich hadere ein bisschen damit. Alle Leute, die so exzessiv wandern wie ich, publizieren in irgendeiner Weise. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich am meisten Kilometer habe. Obwohl meine Agentin meinte, dass das ein guter Titel wäre, wollte ich ihn zuerst nicht. Ich lehne dieses „Höher, Schneller, Weiter“ total ab. Aber ich dachte, in Kombination mit meiner eher unsportlichen Erscheinung könnte es den Leuten Mut zu machen.
Frage: Sie wollen besonders Frauen ermutigen.
Antwort: Bei Social Media folgen mir zu dreiviertel Frauen. Größtenteils gehören sie meiner Generation an, sie sind also zwischen 40 und 60 Jahre alt. Die möchten häufig mehr Outdoor-Sachen machen, aber ihnen fehlen Rollenmodelle. Die ganze Outdoor-Branche ist immer noch sehr männlich dominiert. Wenn es Frauen gibt, sind die jünger als 30 Jahre, mit trainierter, straffer Bikini-Figur. Da würde ich als 50-Jährige auch sagen: Nur, weil ihr das könnt, ist das für mich nicht unbedingt machbar. Ich bin von meiner Erscheinung her eher der Typ gemütliche Hausfrau. Das wirkt glaubwürdig. Ich möchte ihnen mitgeben, dass sie sich am Ende einer Langstreckenwanderung in ihrem Körper immer sauwohl fühlen werden, egal, wie sie in den Augen anderer Leute aussehen, weil sie stolz auf ihn sind. Und ich stürze mich mit Begeisterung auf die Fragen, die Ihnen sonst keiner beantwortet: Was machst du, wenn du deine Tage hast und wie ist das mit dem Sex auf dem Trail? Da blühen die Frauen auf.
Frage: Wie gehen Sie denn mit Ihrer Menstruation während einer Wanderung um?
Antwort: Ich verwende eine Menstruationstasse. Das ist ein kleines Plastikgefäß, das man sich einführt. Das hört sich gut an, aber stellen Sie sich vor, Sie sind in Montana im Grizzlybären-Gebiet. Sie versuchen in der Hocke verzweifelt das Gleichgewicht zu halten, während Sie sich dieses Ding reinflutschen. Dabei gucken Sie sich hektisch nach dem nächsten Grizzlybären um und versuchen mit der freien Hand, die Mücken zu erwischen, die sich auf Ihrem Hintern niederlassen. Wenn Sie es dann noch schaffen, sich die Menstruationstasse reinzumanövrieren, dann herzlichen Glückwunsch.
Frage: Und wie ist es nun mit dem Sex?
Antwort: A: Eigentlich haben Sie keine Zeit dafür, denn Sie müssen 35 Kilometer pro Tag laufen. B: Abends sind Sie zu müde dafür. C: Weder Sie noch Ihr Sexualpartner haben sich die ganze letzte Woche gewaschen. D: Eine Isomatte ist 60 Zentimeter breit und wenn die bei dem Manöver kaputtgeht, schlafen Sie eine Woche im Kalten. In meinem Zelt kann ich gerade so aufrecht sitzen, mit zwei Personen wird das sehr schwer. Nachts ist es verdammt kalt und Millionen von Insekten warten auf meinen Hintern. Aber wenn Sie all das überwinden und es trotzdem tun, ist es grandios.
Frage: Ihr Gepäck wiegt nur fünf Kilogramm, dafür schneiden Sie Etiketten aus Ihrer Kleidung und sägen Ihre Zahnbürste ab. Gibt es einen Luxusgegenstand, den Sie trotz Ultraleicht-Gepäck mitnehmen?
Antwort: Ja, Handy und Powerbank. Das kann man jetzt rechtfertigen, weil das Handy der Ersatz für mein Navigationsgerät ist. Aber ich würde keine 350 Gramm schwere Powerbank brauchen, wenn ich nicht permanent im Internet surfen würde. Ich poste unterwegs jeden Tag auf Instagram und Facebook. Das ist schon anstrengend, aber ich zwinge mich dazu. Die Posts sind mein Tagebuch und eine tolle Bindung zu den Followern, also auch ein bisschen mein Unterhaltungsprogramm.
Frage: In den sozialen Netzwerken zeigen Sie neben Landschaftsbildern auch Fotos von Ihren verdreckten Beinen.
Antwort: Auch ich sehe am liebsten schöne Fotos von mir, aber das ist nicht das, was ich verkünden will. Ich entscheide mich in der Regel dafür zu zeigen, wie ich ungewaschen, mit verwahrloster Frisur und behaarten Beinen durch die Gegend renne. Obwohl ich mich damit angreifbar mache, habe ich erstaunlicherweise nur ganz, ganz wenige negative Erfahrungen gemacht. Was aber sehr verwunderlich ist: Ich bin in jeder Zeitung von „Emma“ bis „Bild“ gewesen, aber ein Wander-Magazin hat mich nie gefragt. Auch in einigen Outdoor-Foren bin ich total verhasst.
Frage: Warum?
Antwort: Ich denke, in solchen Foren fühlen sich die Leute als etwas Besonderes, wenn sie wandern gehen. Die glauben, sie haben etwas ganz Großes geleistet, wenn sie den Fernwanderweg Kungsleden in Schweden gewandert sind. Für mich ist das ein minimaler Teil auf meiner Strecke von Sizilien zum Nordkap. Wenn ich sage: „Was will ich in Schweden, da kostet die Tafel Schokolade fünf Euro?“, dann fühlen sie sich persönlich angegriffen. Es gibt auch die Kritik, dass ich das Wandern in ein schlechtes Licht rücken würde, weil ich über Hygiene-Themen spreche. Ich glaube, es ist schwierig, dass ich das als Frau sage. Ich breche quasi mehrere Tabus. In so einem Forum hat eine Frau geschrieben, ich sollte mir meine Brüste verkleinern lassen, das wäre auch ultraleicht. Die Moderatoren des Forums haben nicht eingegriffen. Ich finde es traurig, weil ich aus dieser Szene komme und aus diesen Foren sehr viel gelernt habe. Aber statt sich über meinen Erfolg zu freuen, bekämpfen sie mich.
Frage: Sie haben in Florida einen Sumpf durchquert, in dem Alligatoren gelebt haben, und sind in Australien in eine unterirdische Höhle eingebrochen und fünf Meter tief gefallen. Denken Sie in solchen Situationen nicht: Warum bin ich nicht zu Hause geblieben?
Antwort: Ich überlege mir vorher, ob es das Risiko wert ist. In Chile war das massiv: Auf dem Weg gab es Steilhänge, ich war mutterseelenallein. Wäre ich runtergefallen, wäre ich tot gewesen. Da bin ich tatsächlich zweimal umgedreht, was ich sonst nie mache. Ich bin keine Abenteurerin. Ich finde das Risiko, auf einer deutschen Autobahn unterwegs zu sein, sehr viel größer als auf Wanderungen. Bei Wanderungen kann ich selbst entscheiden – gehe ich durch diesen Sumpf mit dem Alligator? Wenn jemand auf einer deutschen Autobahn betrunken unterwegs ist und mir reinfährt, ist das nicht mehr meine Entscheidung.
Frage: Warum nehmen Sie diese ganzen Strapazen während Ihrer Wanderungen auf sich?
Antwort: Ich sehe gar keine Strapazen, das behaupten immer nur alle. Ich sehe nicht das, was ich entbehre, sondern das, was ich bekomme. Unterwegs reduzieren Sie sich so sehr, dass Sie über die winzigsten Sachen glücklich sind. Mir müssen Sie nur einen Schokoriegel schenken, und schon bin ich beglückt.
Frage: Wie sind Sie denn am Anfang zum Wandern gekommen?
Antwort: Ganz zufällig, ich habe bei einem Yuppie-Urlaub in San Francisco eine Wanderung im Yosemite-Nationalpark gemacht. Da habe ich die ersten Thruhiker (Wanderer, die einen Weg innerhalb einer Saison absolvieren, Anm. d. Redaktion) getroffen und war total angefixt, denn wenn ich etwas mache, dann in der Regel richtig. Deshalb bin ich bei meiner ersten Langstreckenwanderung auch gleich die Strecke Mexiko-Kanada gewandert.
Frage: War es immer schon so, dass Sie Sachen komplett durchziehen?
Antwort: Ja, ich habe in der Unternehmenssanierung gearbeitet. Wenn Sie da nicht durchziehen können, dann wird das nichts. Sanierung ist inhaltlich nicht so schwer, Sie brauchen aber eine totale Konsequenz. Ich habe überall meine Nase reingesteckt und nicht lockergelassen. Deshalb hatte ich den Spitznamen Santa Inquisitia, die Heilige Inqusition. Wenn Sie ein Drittel der Belegschaft rausschmeißen müssen, dann kriegen Sie es schon ab.
Frage: Sind Sie auch so hart sich selbst gegenüber?
Antwort: Na klar, sonst klappt das nicht. Wenn Sie diese langen Distanzen gehen wollen, geht das nur, wenn Sie dem alles unterordnen. Ich bin Wanderin, das ist quasi mein Job. Es ist wichtig, dass man dabei Regeln hat. Nur dann hat man eine Richtlinie, um zu entscheiden, ob es sich lohnt, sich durchzubeißen. Meine lautet: Ich laufe von Punkt A nach Punkt B, die Route ist egal. Aber ich laufe diese Strecken immer durchgängig. Wenn es regnet und ich 30 Kilometer Straße vor mir habe, kann man das entweder laufen, so wie ich, oder man kann in den Bus steigen und den Tag im warmen Hotel verbringen. Derjenige im Hotel hat sicherlich den schöneren Tag. Aber das, was Ihnen von so einer Wanderung in Erinnerung bleibt, sind die Begegnungen mit den Leuten und die Momente, in denen man sich durchgebissen hat. Das gibt dieses neue Selbstvertrauen. Deswegen ist die Gnadenlosigkeit eigentlich Hedonismus, denn die Belohnung ist umso größer.
Frage: Wenn das Wandern der Job ist, was ist die Freizeit?
Antwort: Jetzt. Ich mache gerade Heimaturlaub. Mein Jahr ist aufgeteilt: Ich bin die Hälfte des Jahres unterwegs und die andere in Deutschland, da halte ich Vorträge, schreibe die Bücher und plane die nächste Tour. Im Prinzip ist es Luxus, in Deutschland zu sein, denn ich habe Aldi, Lidl und Penny im Überfluss. Ich habe mich schon ertappt, dass ich in Santiago de Chile am Flughafen saß und vor dem Rückflug alle Sonderangebote gecheckt und überlegt habe, was ich als Erstes koche, wenn ich zurück bin.
Frage: Ist es das, worauf Sie sich richtig freuen, wenn Sie zurückkommen?
Antwort: Ja, selber kochen und Obst und Gemüse in rauen Mengen. Mein Discounter um die Ecke setzt um 18 Uhr das Obst und Gemüse herunter. Jetzt raten Sie mal, wer Punkt 18 Uhr davorsteht? Ich. Mir macht das eine diebische Freude. Eigentlich ist das bescheuert, ich könnte mir auch das normale Obst und Gemüse leisten, aber darum geht es nicht. Zu Hause gucke ich dann meine Schätze an und überlege, was ich daraus koche. Solche kleinen Sachen machen Spaß.
Frage: Und warum sind Sie ausgerechnet in einen Plattenbau in Berlin-Marzahn gezogen? Es gibt ja auch andere günstige Wohnungen.
Antwort: In Berlin nicht. (lacht) Nein, ich wohne da wirklich total gerne. Ich habe die Discounter in Laufweite. Ich bin zwar am Ende der Welt, habe aber immer Training, weil ich überall mit dem Fahrrad hinfahre. Und ich bin total neugierig. Das hat mir eine neue Welt eröffnet. Vorher habe ich in Kreuzberg gewohnt, meine Freunde wohnen alle in Mitte. Man ist da in einer Blase. In Marzahn habe ich ganz andere Leute kennengelernt. Die sind total herzlich. Nur wenn ich in der „Bild“-Zeitung oder bei „Immer wieder sonntags“ war, muss ich abtauchen.
Frage: Sie betonen immer sehr, dass Sie nicht ausgestiegen sind. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Antwort: Weil das so ein Klischee ist. Von der Managerin zur Wandersfrau, da denken alle, ich bin angeekelt vom Kapitalismus. Das Gegenteil ist der Fall. Ich war eine knallharte Karrierefrau, mir hat das wahnsinnig Spaß gemacht. Aber ich habe gedacht: Das Leben ist kurz, da muss es noch etwas Anderes geben. Das war überhaupt nicht aus Frust. Ich könnte mir auch vorstellen wieder zu arbeiten, Bücher schreiben und Vorträge halten ist ja Arbeit. Mich reizt dabei die intellektuelle Herausforderung, ich mache das nicht aus finanziellen Gründen. Ich lebe von meinen Ersparnissen und Erträgen. Wenn man lernt, mit wie wenig man draußen auskommen kann, dann motiviert ein gut bezahlter Job nicht.
Frage: Warum haben Sie sich entschlossen, mit „Weite Wege wandern“ zum ersten Mal einen Ratgeber zu schreiben?
Antwort: Auf Social Media mache ich Fragerunden, die sehr beliebt sind, weil ich nicht gesponsert werde. Alle meine Klamotten sind vom Discounter, meine Regenjacke hat 7,99 Euro gekostet. Die Leute bekommen von mir Tipps, die sie sonst nicht kriegen. Deshalb hatten mein Verlag und ich die Idee mit dem Ratgeber. Das ist das Buch, auf das ich am meisten stolz bin und das am längsten gedauert hat. Erst beim Schreiben habe ich gemerkt, dass es so etwas wie „Hiking-Science“ gibt. Ich weiß genau, wo ich zelten muss, um kein Kondensat am Zelt zu haben. Aber warum? Es war total klasse, etwas zu erklären, was man schon weiß.
Frage: Was planen Sie als nächstes?
Antwort: Ich möchte eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin machen. Ich hatte das große Glück oder Pech, dass zwei meiner Freunde im Hospiz gestorben sind. Ich habe beide sehr häufig besucht und hatte fast den Eindruck, dass diese Besuche mir mehr gebracht haben als ihnen. Um es plakativ zu sagen: Ich reise gerne, der Tod ist die letzte Reise und wie immer will ich gut vorbereitet sein. Und wenn sie mich trotz Corona reinlassen, möchte ich als nächstes den Grand Enchantment Trail im Südwesten der USA wandern.