Dilemma
Hohe Kosten: Landwirtschaft vor Strukturbruch?
Die Kosten für Diesel und Strom, für Gas, Dünger und Kraftfutter schießen teils dramatisch in die Höhe. Das bringt Landwirte noch stärker in die Enge. Droht nun zusätzlich eine Nahrungsmittelknappheit?
Strackholt/Schoonorth - Vor ein paar Tagen wurde Maren Osterbuhr ein wenig flau im Magen. Beim Blick auf den Füllstandsanzeiger am 1000-Liter-Tank auf ihrem Bauernhof in Strackholt war die Anzeige tief in den roten Bereich gerutscht. Das Timing war schlecht wie lange nicht, denn höher als vor ein paar Tagen war der Preis pro Liter Diesel noch nie geklettert.
Hatte sie den Tank im vergangenen Jahr noch für etwa 1200 Euro füllen können, kostete dies nun das Doppelte. Macht 1200 Euro an zusätzlichen Kosten, die reinverdient werden müssen. „Das lässt einen schon schlucken“, sagt sie. „Und man frag sich dann schon, von welchem Geld, das man nicht hat, man all das eigentlich bezahlen soll.“
Kommt der Strukturbruch in der breiten Fläche?
Was die aktuellen Kraftstoffpreise betrifft, so haben alle Verkehrsteilnehmer die zu stemmen und so sind auch andere Branchen – etwa Spediteure – betroffen. Auch Strom und Gas haben sich merklich verteuert, was ebenfalls weit mehr Menschen als nur Landwirte betrifft. Doch sind Bauern bei ihren Betriebskosten gleich an mehreren wichtigen Stellen mit zusätzlich teils explodierenden Preisen konfrontiert, die die Ausgaben hochschnellen lassen bei eher gleichbleibenden Einnahmen. Und das in einer Branche, in der zuvor schon vielen Betrieben wirtschaftlich das Wasser eher bis zum Hals stand. Deswegen sagt der Landesvorsitzende des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter (BDM), Peter Habbena aus Schoonorth: „Wenn wir in vergangenen Jahren davor gewarnt haben, statt eines Strukturwandels einen richtigen Strukturbruch zu bekommen: Ich bin überzeugt, jetzt wird er eintreten, jetzt kommt er in der breiten Fläche.“
Zwar ist der Milchpreis mit etwa 45 Cent pro Liter so hoch wie seit Jahren nicht. Doch nach aktuellen Kalkulationen der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen bräuchten niedersächsische Milchbauern aktuell einen Preis von 52 bis 57 Cent, um auch nur kostendeckend arbeiten zu können und keine Verluste anzuhäufen. Um davon auch leben zu können, bräuchten sie eher 60 Cent und mehr. „Zu solchen Preisen werden zwischen den Molkereien Milchmengen zurzeit auf dem sogenannten Spotmarkt gehandelt. Doch davon kommt leider bei den Landwirten nichts an“, sagt Habbena.
Kraftfutterpreise legen um 30 bis 100 Prozent zu
Da sind zum einen die Preise für Kraftfutter, das Milchbauern zufüttern. Habbena sagt: „Aktuell erhöhen sich die Getreidepreise massiv, davon profitiert in erster Linie der Handel, weil die Ernte und der Verkauf ja längst gelaufen sind.“ Doch mache sich für Landwirte als Kunden das Ganze massiv bei den Futtermittelpreisen bemerkbar. Aktuell liegt der Preis für Milchleistungsfutter laut LWK im Schnitt bei knapp 400 Euro pro Tonne. Ein Jahr zuvor lag er noch bei 290 Euro, vor zwei Jahren bei 260 Euro. In manchen Segmenten haben sich die Preise gegenüber dem Vorjahr sogar verdoppelt, so die Kammer. „Das haut schon rein“, sagt Habbena. Hintergrund der Preisentwicklung hier ist auch der Angriffskrieg auf die Ukraine, weil das Land als eine der Kornkammern Europas zu den größten Exporteuren von Weizen und Mais in Europa zählt. Osterbuhr sagt: „Es sind aber ja noch weitere Eiweißträger im Futter, und auch die sind in großem Maße zuletzt aus der Ukraine importiert worden.“
Noch krasser ist die Kostenentwicklung beim Dünger. „Der Preis hat sich binnen eines Jahres fast vervierfacht. Doch selbst wenn man das noch bezahlen wollte und könnte, man kriegt gerade schlicht gar nichts mehr“, sagt Habbena. Zahlreiche Hersteller hatten zuletzt die sehr energieintensive Produktion in ihren Werke wegen immens gestiegener Preise für Gas gedrosselt oder komplett ausgesetzt. Folge: Dünger wird immer knapper – und die Kosten vervielfachen sich. Zusätzlich ist die Zukunft von Kalk-Lieferungen aus Belarus, das als mit Russland befreundetes Land am Angriff auf die Ukraine beteiligt ist, ungeklärt, heißt es von der LWK. Auch da könnten zusätzliche Knappheiten lauern. Auch in Russland und der Ukraine sind große Düngerproduzenten, deren Mengen jetzt entweder nicht mehr geliefert werden können oder dürfen.
Kraftfutter im Sommer unbezahlbar?
Maren Osterbuhr sagt: „Viele Bauern haben im vergangenen Jahr erstmal beobachtet. Manche haben vorgekauft. Andere haben abgewartet, weil sie dachten, das wird sich schon wieder regulieren. Und jetzt ist der Salat da. Und keiner kann sagen, wie viel teurer all das noch wird.“ Sie selbst habe lange überlegt, ob sie die Weiden für den ersten Schnitt überhaupt noch düngen soll. „Aber man weiß ja nicht, was Kraftfutter im Sommer kosten wird. Vielleicht ist es bis dahin endgültig unbezahlbar geworden. Deswegen haben wir jetzt trotzdem gedüngt, denn das Grundfutter muss bestmöglich sein, damit die Kühe genügend Nährstoffe bekommen, um Milch zu geben und die Menge nicht zu stark sinkt.“
Ob man für den zweiten Schnitt dann aber wieder Dünger bekommen könne, ob es dann überhaupt wieder welchen zu kaufen gebe? Dr. Albert Hortmann-Scholten, bei der LWK Leiter des Fachbereichs Betriebswirtschaft, Markt, Unternehmensberatung, sagt: „Wohl den Betrieben, die im vergangenen Herbst auf einem wesentlich geringeren Preisniveau entsprechende Lieferkontrakte mit dem Landhandel abgeschlossen haben.“
Herde verkleinern, Tiere verkaufen?
Was also tun? „Die Preise für Schlacht- und für Zuchtrinder sind zuletzt deutlich gestiegen. Wer keinen Hofnachfolger hat und schon länger nachgedacht hat, den Betrieb aufzugeben: Jetzt wäre der Zeitpunkt, weil man für Altkühe viel Geld bekommt“, sagt Osterbuhr. „Auch wir denken darüber nach, ob wir unseren Bestand nicht verkleinern.“ Landwirte seien schon immer – wetter- und marktbedingt – mit vielen Unsicherheiten umgegangen. „Aktuell ist das aber wirklich noch eine ganz andere Nummer, da kann man fast gar nichts mehr planen.“
Droht nun auch eine Nahrungsmittelknappheit? „Dass wir jetzt hungern werden, glaube ich nicht“, sagt Habbena. „Aber man merkt ja daran, dass man aktuell kein Mehl und kein Öl mehr in den Supermärkten kaufen kann, dass die Leute in Unruhe sind. Bei allem glaube ich aber, dass wir erzwungenermaßen zu einem anderen Umgang mit Lebensmitteln kommen werden und müssen.“ Wie das? „Wir haben uns zuletzt immer noch viel zu viel Lebensmittelverschwendung geleistet, zu viel weggeschmissen. Fast ein Drittel. Da wird eine andere Einstellung kommen müssen. Dass da ein bedachterer Umgang kommen könnte, halte ich sogar für sehr wertvoll“, sagt Habbena. „Man kann die nur halb gegessene Pizza auch wieder aufwärmen. Und man wird auf Sicht vielleicht sogar wieder drüber nachdenken, ob man im Vorgarten nicht auch Kartoffeln zum Essen pflanzen könnte, statt ihn vollzuschottern.“