Osnabrück
Heinrich Vogeler und sein unglaubliches Leben zwischen Worpswede und Moskau
Er baute sich in Worpswede sein Reich der Schönheit und ging in der Sowjetunion elend zugrunde. Heinrich Vogeler lebte seine neue Kunst als Hoffnungsspur und Leidensweg. 2022 wird sein 150. Geburtstag gefeiert.
„Ich bin abgemagert wie ein Gespenst, friere bei jedem Wetter, die Eigentemperatur übersteigt nicht mehr 36 Grad“. Heinrich Vogeler ist am Ende, als er im Juni 1942 seine Postkarte an den Schriftsteller Erich Weinert richtet. Seinen letzten, flehentlichen Hilferuf richtet er an „Meine besten Freunde, Ihr Dichter und Schriftsteller“. Als er am 14. Juni im Krankenhaus von Kornejewka nahe Karaganda (Kasachstan) einsam zugrunde geht, ist das Leben eines Mannes zu Ende, der als Märchenprinz des Jugendstils in Worpswede bei Bremen hoffnungsfroh beginnt und als Schmerzensmann einer neuen Kunst des Kommunismus im Nirgendwo Kasachstans verlischt. Vom Shootingstar des Kunstmarktes zum Propagandisten einer neuen Kunst, den die Partei nicht braucht – Heinrich Vogelers Weg von Worpswede nach Moskau liest sich mal wie ein konsequenter Selbstversuch, mal wie ein tragisches Scheitern, aber immer spannend wie ein Roman.
Wer heute den Barkenhoff in Worpswede bei Bremen besucht, ahnt nichts von jenen Stürmen der Geschichte, die durch Heinrich Vogelers Leben toben sollten. Der schneeweiße Giebel, die von Amphoren und Kübelbäumchen gerahmte Freitreppe: Der Weg zum Barkenhoff führt hinauf in ein abgeschiedenes Reich der Schönheit. „Es war für mich eine reiche Zeit der Gestaltung, wenn ich mit den Handwerkern täglich den Bau überlegte“, schreibt Vogeler in seiner Autobiographie „Werden“, „Die Giebelformen zeichnete ich in Originalgröße in den Sand, der Zimmermann baute sie auf dem Boden zum Aufrichten vor, dann brachten wir diese großen Modelle hoch, übersahen die Wirkung, die gut war“. Heute leuchtet der Barkenhoff, hochdeutsch Birkenhof, wie ein Wahrzeichen des Künstlerortes Worpswede, der die Besucher zu Tausenden anzieht. Damals strahlt er auch als ein Wahrzeichen – das einer neuen Kunst.
Denn um 1900 brodelt es im deutschen Kaiserreich. Oben eine im Hofzeremoniell erstarrte Kaste aus Adel und Militärs, darunter selbstbewusste und aufbegehrende Arbeiten, die nach Mitsprache verlangen: Das Land der Pickelhaube befindet sich in gefährlicher Schieflage. In dieser Situation suchen Künstler neue Wege. 1889 entdecken Landschaftsmaler wie Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Paula Modersohn-Becker das abgelegene Worpswede – und unter armen Moorbauern ihr Paradies. Abseits der großen Städte soll sie wachsen, die Kunst für eine neue Zeit. Der 1872 in Bremen geborene Heinrich Vogeler wird Teil dieser Gründergeneration. Nach Studien an der Kunstakademie Düsseldorf kauft er von seinem Erbe ein unscheinbares Anwesen: die Keimzelle des heute berühmten Barkenhoff.
Was will Vogeler, dieser junge Mann mit den etwas blassen Zügen, der verträumter, aber auch entschlossener wirkt als seine Malerkollegen? Er will den neuen Menschen. Seine Kunst soll ihn schaffen. Birken am Bach, Bauernmädchen mit Blumen im Haar, Torfkähne auf dem Fluss: Das sind die Motive, die Vogelers Künstlerfreunde malen. Doch Vogeler will weiter. Er verwandelt seine dürftigen Bauernbauten in einen Palast der Kunst. Mit seinem geschwungenen Giebel avanciert das Wohn- und Atelierhaus selbst zum Kunstwerk – und Heinrich Vogeler zum Maler, Grafiker, Architekten, Innenausstatter, Gastgeber und Zeremonienmeister großer Feste. Seine Idee: Nicht nur Bilder malen, sondern ein Reich vollkommener Schönheit schaffen, in dem alles auf alles verweist. Sein Barkenhoff avanciert zum Motiv der Radierungen, die um 1900 entstehen, seine junge Frau Martha auch. Heinrich als elegischer Ritter in Rüstung, Martha als entrücktes Mädchen in zarten Gewändern: Vogeler versetzt seine Frau und sich nicht nur in märchenhaft entrückte Bildszenen, sie posieren so auch auf Festen.
Der neue Mensch, ein Mummenschanz mit Hang zu ferner Vergangenheit? Sicher, der Barkenhoff strahlt aus, zieht viele Besucher an. Der Lyriker Rainer Maria Rilke ist die berühmteste der Geistesgrößen, die auf dem Anwesen eine Zeit lang leben. 1905 malt Vogeler jenes Bild, das heute als Ikone jener Zeit bis in die Gegenwart strahlt. „Das Konzert (Sommerabend)“: Das großformatige Gemälde zeigt die Künstlergesellschaft beim Hauskonzert vor dem Barkenhoff. Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, ihre Freundin, die Bildhauerin und Rilkes erste Ehefrau Clara Westhoff und natürlich Martha Vogeler – hinter Kletterrosen scheinen ihre Silhouetten zu schweben. Das geschlossene Gartentor trennt diese Kunstwelt vom Leben da draußen. Aber ist Leben in dieser Kunst? Die Figuren sehen so melancholisch aus, als krieche ihnen eine leise Müdigkeit durch alle Glieder.
Dabei hat Vogeler Erfolg. Sein Jugendstil wird geschätzt. Er baut den Worpsweder Bahnhof, stattet Bürgerhäuser aus, gestaltet die Güldenkammer im Bremer Rathaus, zeichnet Vignetten für Bücher des Insel-Verlages. Aber nicht nur seine Frau Martha hat irgendwann keine Lust mehr, ein leeres Kunstgeschöpf zu sein, auch Vogeler selbst klagt: „Ich hatte mit einem Mal Ekel vor dem eigenen Machwerk“. Nicht nur sein „formalistischer Leerlauf“ hat sich erschöpft, auch der Krieg zerstört das Kunstreich, entlarvt die Illusion, fernab der Welt eine Sphäre der Ästhetik gegen die Probleme der Zeit etablieren zu können. Vogelers Blick dreht sich nicht nur, er protestiert auch gegen das Unrecht und die Grausamkeit, die er sieht. Im Januar 1918 richtet er einen flammenden Friedensappell an den Kaiser persönlich. „Sei Friedensfürst, setze Demut an die Stelle der Siegereitelkeit, Wahrheit anstatt Lüge, Aufbau anstatt Zerstörung. In die Knie vor der Liebe Gottes, Kaiser!“, fordert er von Wilhelm II. Die Antwort: Vogelers Einweisung in die Psychiatrie.
Aus der Abgeschiedenheit in die große Weltgeschichte: Das ist nur auf den ersten Blick ein Gegensatz. In der Rückschau geht durch Vogelers Leben und Werk nach Meinung vieler ein Riss. Hier der Jugendstil, dort die Kunst des Kommunismus, hier Ästhetik, dort Ideologie. Aber ist das so? Vogelers Wende zu Arbeiterbewegung und Marxismus setzt in Wirklichkeit fort, was im Zauberreich des Barkenhoff begann – die Suche nach dem neuen Menschen, der den Kapitalismus überwindet. Die Kunst soll das Medium dieser Wandlung sein. Und Vogeler macht erneut Ernst. Raus aus der Ritterrüstung, rein in das Habit des Landmanns. Angefeuert von den Romanen Maxim Gorkis über Menschen aus dem Volk engagiert sich der Künstler nach Weltkrieg und Zusammenbruch des Kaiserreiches in der Rätebewegung. 1919 macht er aus dem Barkenhoff eine Landkommune, später ein Erholungsheim der Roten Hilfe. Beete statt Rosen, Spaten statt Pinsel – Vogeler wechselt Form und Inhalt einer Existenz, dreht sein Leben auf links. Damit passt er in seine Zeit, in der viele Künstler nach radikal neuen Wegen suchen. Künstlerische Experimente spielen dabei eine Hauptrolle, Entscheidungen für Ideologien auch. Vogeler wählt letzteres.
„Mir ist das heilige Russland sehr, sehr sympathisch. So eine Quelle der Gesundheit nach all der westlichen Resignation“, schreibt er im Juli 1923 in einem Brief. Es sind Frauen, die Vogelers Weg mit in neue Bahnen lenken. Nach der Trennung von seiner Frau Martha ist er in der Zeit der Landkommune mit der „roten Marie“, Marie Griesbach liiert, später geht er mit Sonja Marchlewska, die er 1926 heiratet, in die Sowjetunion. Dort entdeckt er, was er zu suchen vermeint: den neuen Menschen. „Wieviel schöner und ruhiger sind hier die Menschen, denen man ins Antlitz sieht, im Vergleich zu den Menschen des Westens. Man sieht nicht diesen äußeren Glanz und dies verzweifelte Leid, aber viele, viele Hoffnungen“, schreibt er in dem 1925 publizierten Bericht „Reise durch Russland. Die Geburt des neuen Menschen“.
Vogeler macht Propaganda für den Kommunismus, hält Vorträge über die Befreiung, die er sich wünscht. Und er malt die Komplexbilder, geometrisch verschachtelte und prismatisch aufgefächerte Darstellungen des Lebens eines Volkes in der Revolution. Lauter Werktätige, Traktoren, Fahnenträger im Wirbel um den Sowjetstern – Vogelers neue Weltanschauung findet ihre künstlerische Form. Oder ist es nur die alte im neuen Gewand, ein Jugendstil für die rote Revolution? Die Frage bleibt, ob Vogeler wirklich einen Seitenwechsel vollzieht oder nur Paradigmen austauscht, mit denen er doch dem gleichen Ziel nachstrebt. Es ist bezeichnend genug, dass der Revolutionär Vogeler weiter von seiner Jugendstilkunst lebt. Er verkauft weiter seine Grafiken vom Barkenhoff und bettelt 1926 Anton Kippenberg vom Insel-Verlag an: „Was macht eigentlich mein Buch „Dir“? Ist das ganz aus dem Handel verschwunden? Da meine wirtschaftliche Lage derzeit sehr schlecht ist, würde mir eine Abrechnung sehr genehm kommen“.
Vogeler ist geistig auf neuen Wegen, materiell nicht. Der einst von Kritik und Kunden gefeierte Ausstattungskünstler verkauft nichts mehr, hält sich mit kleinen Aufträgen über Wasser und jenem Bildmotiv, das er hinter sich lassen wollte: der Barkenhoff. 1923 übergibt er sein ehemaliges Gesamtkunstwerk der Roten Hilfe. Auch wenn er 1931 endgültig in die Sowjetunion übersiedelt, wo sein Sohn Jan angesehener Philosophieprofessor in Moskau werden soll – der Barkenhoff hat Vogeler nie ganz losgelassen und er ihn nicht. Der Künstler agitiert, setzt sich ein. „Mit ihm wird man noch einmal jung“, schreibt er 1932 über die revolutionäre Jugend. Und er zeigt Verständnis für jene, die für ideologische Abweichler nichts übrighaben. „Der hat sechs Jahre Gefängnis. Ich kenne die Gründe nicht, scheinen nationalistische schwere Abweichungen gewesen zu sein“, heißt es 1936 in einem Brief an Frau und Sohn über einen abtrünnigen Genossen. Vogeler macht sich gemein mit totalitären Praktiken. Dieser Schatten verdüstert nachhaltig das Bild dieses Ausnahmekünstlers.
Aber Heinrich Vogeler ist nicht nur Mitmacher, er ist auch der Träumer geblieben, der er in Worpswede schon war, ein Träumer, der sich in die große Politik verlaufen hat. Sicher, sein Mut, das eigene Leben zum Experiment einer ganz neuen Kunst, einer revolutionären Haltung zu machen, verdient Bewunderung, bis heute. Aber ebenso verblüfft seine Unfähigkeit, wirklich politisch zu denken. Wie viele andere Künstlerkollegen glaubt er bis zuletzt, dass die Revolution und ihre Partei ihn brauchen. Das ist aber nicht so. Vogeler rutscht ins Abseits, endgültig 1941, als er nach dem Angriff der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion zwangsweise umgesiedelt wird. Von Moskau geht es nach Karaganda – 3000 Kilometer weit.
Vogeler ist geschwächt und demoralisiert. Die Partei hat ihn vergessen. Ohne Künstlerpension ist er mittellos, muss bei Bauern betteln. „Ich hatte mir das Ende meines Lebens anders gedacht, hatte gedacht, man könnte aktiv sein bis ans Ende. Nun sitz ich auf einem toten Gleis“, schreibt er im Oktober 1941. Nun vegetiert der kranke Künstler in abgelegenen Kolchosen vor sich hin. Verzweifelt versucht er, nach Moskau zurückgeholt zu werden. Aber niemand hört seine Stimme. Vogeler schwindet dahin bis zu seinem Tod am 14. Juni 1942 im Kolchos Budjonny. Aus dem Märchenprinzen der Kunst war endgültig der Schmerzensmann einer Ideologie geworden. Aber sein Vermächtnis bleibt, seine Bilder, seine Grafiken, sein Traum von einem neuen Menschen. Und in Worpswede leuchtet weiß und rein, was er einst im Hass verließ – der Barkenhoff, sein selbst gefügtes Traumreich der Kunst.
Der Künstlerort Worpswede zeigt zum 150. Geburtstag Heinrich Vogelers die große Ausstellung „Heinrich Vogeler: Der neue Mensch“ vom 27. März bis . November 2022. Zur weiteren Information geht es hier.