Kriminalität

Kinderpornos überlasten Polizei in doppelter Hinsicht

| | 21.03.2022 18:20 Uhr | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Polizeibeamte müssen jedes einzelne Bild betrachten, um die Verbreitung von Kinderpornografie aufzudecken. Foto: Kneffel/dpa
Polizeibeamte müssen jedes einzelne Bild betrachten, um die Verbreitung von Kinderpornografie aufzudecken. Foto: Kneffel/dpa
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Die Polizei deckt immer mehr Fälle von Kinderpornografie auf. Der Auricher Polizeichef schlägt Alarm: Bei der Auswertung der gigantischen Datenmengen stoßen die Beamten an Grenzen – personell und mental.

Aurich/Wittmund - Kinderpornos, Gewaltpornos, Tierpornos: Wer so etwas besitzt oder verbreitet, macht sich strafbar. Der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund macht dieses Thema schwer zu schaffen. Während die Zahl der Kriminalfälle insgesamt rückläufig ist, sind die registrierten Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung im vergangenen Jahr auf ein Zehnjahreshoch gestiegen (348 Fälle).

Der Anstieg basiere allein auf der Verbreitung verbotener Pornografie, sagte Polizeichef Stephan Zwerg am Montag in einem Pressegespräch. Die Gefahr, beispielsweise auf dem Heimweg überfallen und vergewaltigt zu werden, sei in den Landkreisen Aurich und Wittmund verschwindend gering. „Die Bürgerinnen und Bürger leben hier sicher.“

„Da wird man schier wahnsinnig“

Ein gigantisches Problem ist hingegen die Verbreitung kinderpornografischer Inhalte. Die Polizei muss riesige Datenmengen auswerten. Das belaste die Kolleginnen und Kollegen auch seelisch, sagte der Polizeichef: „Da wird man schier wahnsinnig, wenn man den ganzen Tag nichts anderes macht, als sich diesen Mist anzugucken. Das ist menschlich grausam.“

Die Polizei werde zwar durch künstliche Intelligenz unterstützt, so Zwerg, dennoch müsse jede einzelne Datei händisch ausgewertet werden, so sei es gesetzlich vorgeschrieben. Dahinter stecke die Sorge, dass sonst womöglich ein Opfer übersehen wird. „Wir kommen mental und personell an Grenzen“, warnte Zwerg. Personal, das durch die Auswertung gebunden sei, fehle zudem bei der Ermittlung neuer Fälle.

Drei bis fünf Jahre für einen Fall

Die Polizei komme immer mehr Tätern auf die Schliche, da europaweit verschlüsselte Netzwerke geknackt würden, erklärte der Polizeichef. Das ziehe Zehntausende Strafverfahren nach sich und bringe immer neue Taten ans Licht, wie bei einem Schneeballsystem. Die Pornos seien auf Handys, Tablets, Computern, USB-Sticks und Spielekonsolen gespeichert.

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Kripo-Chef Dirk Oidtmann nannte ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Die Polizei habe bei einer Durchsuchung Dateien im zweistelligen Terabytebereich sichergestellt. Eine unvorstellbar große Datenmenge. „Die Auswertung steht noch aus.“ Rechnerisch würde ein Polizeibeamter, wenn er acht Stunden am Tag nichts anderes täte und auf jede Datei, jedes Bild eine bis zwei Sekunden schaute, allein für die Auswertung dieses einen Falles drei bis fünf Jahre brauchen. In Wahrheit gehe die Arbeit natürlich schneller, da sie auf mehrere Schultern verteilt werde. Dennoch sei sie fast nicht mehr zu bewältigen. „Das wird eine Herausforderung für Justiz und Politik, Wege zu finden, um die Polizei zu entlasten“, sagte Zwerg.

Kinder sind nicht nur Opfer

Damit die Polizeibeamten die Arbeit mental verkraften, bekommen sie psychologische Beratung (Supervision). Man bemühe sich zudem um Rotation, sagte der Polizeichef. Manche Kollegen stürzten sich mit Feuereifer in die Arbeit, um den Tätern das Handwerk zu legen, müssten dann aber feststellen, dass sie sie nicht verkraften. Es verbiete sich zudem, Eltern kleiner Kinder für die Auswertung kinderpornografischer Dateien einzusetzen.

Allerdings sind Kinder nicht nur Opfer, sondern auch Täter. „Das Versenden von kinderpornografischen Inhalten über Messenger wie WhatsApp ist leider inzwischen eine Art Hobby für Kinder und Jugendliche geworden“, sagte Oidtmann. „In den meisten Fällen ist ihnen dabei gar nicht bewusst, dass es sich bei dem Verbreiten solcher Inhalte um eine Straftat handelt. Auch wenn sie solche Dateien erhalten, können sie sich strafbar machen.“ Hier sei noch sehr viel Aufklärungsarbeit, auch in Schulen und Familien, notwendig.