Gesellschaft

Ukrainische Familien finden Frieden in Emden

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 21.03.2022 19:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Haben Zuflucht in einem fremden Haus gefunden: Maxim (von links), Liia Abdoullina, Oksana Hyrnyk, Tatjana Hyrnyk mit ihrer Tochter Lisa sowie Zanata und ihre Mutter Tatjana Doctorowa mit der Katze Gabriella. Zanatas Schwester Airin zog es vor, nicht fotografiert zu werden. Foto: Päschel
Haben Zuflucht in einem fremden Haus gefunden: Maxim (von links), Liia Abdoullina, Oksana Hyrnyk, Tatjana Hyrnyk mit ihrer Tochter Lisa sowie Zanata und ihre Mutter Tatjana Doctorowa mit der Katze Gabriella. Zanatas Schwester Airin zog es vor, nicht fotografiert zu werden. Foto: Päschel
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Gut zwei Wochen nach ihrer Ankunft traf die Redaktion zwei ukrainische Familien in Emden wieder. Während die Männer ihr Land verteidigen, staunen sie über die Hilfsbereitschaft der Ostfriesen.

Emden - Die Männer fehlen. Sie sind dort geblieben, weil sie kämpfen müssen. Viele sterben. Ihre Frauen, Töchter und jüngeren Geschwister haben sich in Sicherheit gebracht – so wie Oksana Hyrnyk und Tatjana Doctorowa. Die beiden Frauen aus Kiew und einem Dorf im Osten der Ukraine sitzen mit ihren Kindern an einem Sonntagmorgen in einer Wohnung in der Emder Innenstadt. Draußen beginnt der Frühling, ein Magnolienbaum im Garten steht kurz vor der Blüte. In ihrer Heimat herrscht Krieg.

Was und warum

Darum geht es: die Folgen von Krieg und Flucht

Vor allem interessant für: unsere Leserinnen und Leser, die das Schicksal vieler Ukrainerinnen und Ukrainer berührt, die sich jetzt außerhalb ihrer Heimat in Sicherheit bringen

Deshalb berichten wir: Der Autor traf die beiden Familien das erste Mal nur wenige Stunden nach ihrer Ankunft in Emden. Diesmal verabredeten wir uns, um darüber zu sprechen, wie sie wieder etwas mehr Struktur in ihr Leben bringen und wie sie sich ihre nächsten Schritte vorstellen.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk haben seit Beginn der russischen Invasion vor weniger als vier Wochen rund 3,3 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer ihr Land verlassen. Sie verstreuen sich über verschiedene Länder in Europa. Die meisten hatten keine Zeit, ihre Flucht zu planen oder sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen. Viele wollen einfach weg. Die Wege von Oksana Hyrnyk und Tatjana Doctorowa kreuzten sich in einem Ort im Osten Polens.

Zufällige Begegnungen

Dort trafen sie auf den Emder Landtagsabgeordneten Matthias Arends, der in den ersten Kriegstagen spontan mit zwei weiteren Helfern zur polnisch-ukrainischen Grenze gefahren war. Auch sie starteten ohne einen durchdachten Plan. Ihr Ziel war es, Geflüchtete möglichst weit weg vom Kriegsgeschehen zu bringen. Dass die beiden Frauen, vier Kinder, eine Schwiegertochter und eine Katze auf diesem Wege nach Ostfriesland gekommen sind, ist purer Zufall.

Ihre Ankunft ist keine drei Wochen hier. Ein Mann, der namentlich nicht genannt werden will, hat ihnen ein Haus im Stadtzentrum zur Verfügung gestellt. Die Familien sind dafür unendlich dankbar, sagt Liia Abdoullina.

Tränen in den Augen

Die 30-jährige Ärztin stammt ebenfalls aus der Ukraine und übersetzt das Gespräch im Wohnzimmer. Sie floh bereits 2014 aus Donezk, als das Leben dort für sie immer unsicherer wurde – zu der Zeit flammten die Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine zum ersten Mal auf. Liia Abdoullina arbeitet als Intensivmedizinerin im Emder Krankenhaus. Aber ihre Gedanken kreisen um das, was ihrer Familie und ihren Freunden in ihrer Heimat passiert. Kurz vor dem Treffen hat sie noch mit einer Freundin telefoniert, die ihr erzählte, dass ihr Partner bei den Kämpfen rund um Mariupol ums Leben gekommen ist. Abdoullina hat Tränen in den Augen.

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Im Wohnzimmer ist der Krieg trotzdem für einen Moment gefühlt weit weg. Es gibt Tee, auf dem Tisch steht ein bisschen Gebäck. Die beiden Töchter von Tatjana Doctorowa im Teenageralter reiben sich den Schlaf aus den Augen. Obwohl sie erst seit kurzem in Emden sind, gehen sie in der Woche schon zur Schule. Aus pragmatischen Gründen hat man sie zusammen in eine neunte Klasse am Johannes-Althusius-Gymnasium gesteckt. Maxim, der zwölfjährige Sohn von Oksana Hyrnyk fährt jeden Morgen um 5 Uhr mit einem Zug nach Leer und von dort weiter nach Oldenburg. Er gehe dort in eine fünfte Klasse, berichtet er. Die Lehrerin spreche Russisch, deswegen sei er dort.

Traumziel Volkswagen-Werk

Die Hilfsbereitschaft der Deutschen sei groß und überrasche sie, übersetzt Liia Abdoullina. Maxim erzählt, dass er am Bahnhof in Oldenburg etwas zu essen kaufen wollte. Als der Verkäufer auf Nachfrage erfahren habe, dass der Junge aus der Ukraine kommt, habe er kein Geld nehmen wollen.

Wie es weitergehen soll, ist für alle völlig offen. Alle Pläne seien auf die Kinder ausgerichtet, sagen die beiden Frauen. Maxim hat gehört, dass es in Emden ein Volkswagen-Werk gibt. Er sagt, dass er eines Tages dort arbeiten möchte. Seine Mutter und Tatjana Doctorowa gehen zweimal in der Woche zu einem Deutschkurs.

Es sind vorsichtige erste Schritte zurück zu einer Normalität inmitten einer von vielen Unsicherheiten geprägten Gegenwart. Liia Abdoullina ahnt vielleicht am besten, wie es den Familien kaum drei Wochen nach ihrer Flucht in der Fremde jetzt geht. „Der Körper ist in Emden, aber der Kopf ist noch immer in der Ukraine“, sagt die Ärztin. Die Frauen, Mädchen und Maxim sind vorerst in Sicherheit. Aber sie sind noch lange nicht am Ziel.