Interview
„Dieser Krieg rüttelt viele in Westeuropa wach“
Edvija Imamovic floh als 15-Jährige aus Bosnien und baute sich in Emden eine Existenz auf. Der Krieg in der Ukraine reißt alte Wunden auf. Ein Gespräch über Flucht, Neuanfang und menschliche Wärme.
Emden - Krieg, Flucht und Neuanfang. Das Schicksal der vielen ukrainischen Familien lässt Edvija Imamovic nicht kalt. Als 15-Jährige erreichte sie selbst mit ihrer Mutter und zwei Schwestern Emden. Zuhause, in Bosnien, waren serbische Einheiten und die Gräuel der ethnischen Säuberungen bis auf wenige Kilometer an ihr Dorf herangerückt. Im April 1992 mussten sie verschwinden, Imamovic durfte nur mitnehmen, was in eine Tasche passt. In Ostfriesland baute sie sich eine Zukunft auf, heute leitet sie die Koordinierungsstelle Migration und Teilhabe der Stadt Emden. Fast genau 30 Jahre später blickt sie im Gespräch mit der Ostfriesen-Zeitung auf ihre eigene Flüchtlingsgeschichte. Die Wunden sind nicht verheilt. Während der Unterhaltung bricht sie immer wieder in Tränen aus. Trotzdem willigt sie ein, dass dieses Interview veröffentlicht wird.
Was und warum
Darum geht es: die Folgen von Krieg und Flucht
Vor allem interessant für: alle, die sich mit dem Schicksal vieler Ukrainerinnen und Ukrainer auseinandersetzen, die gerade Zuflucht außerhalb ihrer Heimat suchen
Deshalb berichten wir: Der Autor kennt Edvija Imamovic seit mehreren Jahren durch ihre Arbeit bei der Stadt Emden. Am Rande eines früheren Gesprächs hatte sie ihre eigene Geschichte angedeutet. Vor dem Hintergrund der vielen ukrainischen Flüchtlinge, die seit einigen Wochen in Ostfriesland ankommen, bat der Redakteur um dieses Interview. Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de
Frage: Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Was brauchen die Geflüchteten aus der Ukraine gerade am dringendsten? Wie können Ihnen die Ostfriesen in der ersten Zeit am besten helfen?
Edvija Imamovic: Jetzt ist es erstmal wichtig, dass sie ankommen können. Sie brauchen vor allem Stabilität und menschliche Wärme. Es gibt nichts Schlimmeres, als dass einem durch die menschliche Hand Wunden zugefügt werden – Krieg ist nichts Anderes, darin sehe ich den großen Unterschied zu Naturkatastrophen. Am Anfang geht es nicht darum, an die Schule, Arbeit oder die Zukunft zu denken. Diese Menschen müssen erst einmal wirklich dem Krieg entkommen.
Frage: Erstaunt Sie die Solidarität mit der Ukraine und die große Hilfsbereitschaft der Ostfriesen?
Imamovic: Das überrascht mich nicht. Viele vergleichen zwischen den unterschiedlichen Flüchtlingen und den unterschiedlichen Fluchtbewegungen. Aber es ist egal, ob Kinder in der Ukraine, in Afghanistan oder Syrien getötet werden. Das ist das Gleiche. Es macht keinen Unterschied. Ich denke aber, dass die Menschen – auch in Ostfriesland – jetzt viel stärker erfasst sind und begreifen, was ein Krieg und die Folgen wirklich bedeuten. Es zerreißt einen, wenn die Ehemänner, die Väter an die Front gehen müssen und man nicht weiß, ob man sie wiedersieht. Wir haben es schon oft aus anderen Ländern gehört, wir waren schon fast daran gewöhnt, dass im Nahen Osten oder in anderen Teilen der Welt Konflikte herrschen. So zynisch es klingt: Viele haben sich damit abgefunden, das war schließlich weit weg. Und uns geht es ja gut. Jetzt passiert etwas, das viel näher ist. Dieser Krieg rüttelt viele in Westeuropa, die lange in Sicherheit und Wohlstand leben, wach.
Frage: Sie waren 15, als Sie nach Deutschland kamen, in ein für Sie fremdes Land, dessen Sprachen Sie nicht verstanden. Wie haben Sie sich am Anfang zurechtgefunden?
Imamovic: Damals gab es viele Hilfssysteme nicht. Wir waren sehr viel mehr auf uns alleine gestellt. Es hat zum Beispiel über ein Jahr gedauert, bis ich überhaupt in eine Schule gekommen bin. Wir dachten auch nicht, dass wir so lange bleiben würden. Es hat lange gebraucht, bis ich begriffen habe, dass es nicht nur vorübergehend ist. Am Anfang dachte ich noch, dass wir bestimmt in zwei Wochen wieder zurückgehen werden, weil dann der Krieg vorbei sein würde.
Frage: Wie sah Ihr Alltag damals aus?
Imamovic: Ich bin zweimal in der Woche abends mit meiner Schwester zu einem Deutschkurs an der Volkshochschule gegangen. Viel mehr gab es nicht und es hat mir nicht wirklich viel gebracht. Als ich dann 1993 in einer Schulklasse saß, habe ich immer noch nichts verstanden. Nichts zu verstehen und sich nicht mitteilen zu können, hat mich damals vollkommen überfordert. Man kommt sich dumm vor. Noch schlimmer war allerdings das Gefühl, dass einen die anderen als dumm abstempeln. Flüchtling zu sein, ist unangenehm. Ich wollte damals nicht bemitleidet werden, sondern ich hätte mir mehr Mitgefühl gewünscht. Mitleid reduziert den anderen. Ich wollte nie reduziert werden oder das Gefühl haben, dass andere für mich die Entscheidungen treffen. Ich wollte immer selbständig sein und ernst genommen werden.
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Frage: Wer oder was hat Ihnen geholfen, anzukommen und Teil von Emden zu werden?
Imamovic: Menschen, die offen waren, die mich wahrgenommen und unterstützt haben, ohne Druck aufzubauen. Vieles ist mir leider erst viel später bewusst geworden, manchmal hat es 20 Jahre gebraucht, um zu verstehen, wie dankbar ich einigen Leuten sein muss. Ich kann mich gut an eine Lehrerin erinnern. Sie ist leider inzwischen verstorben. Diese Frau hatte ein feines Gespür für meine Situation. Sie hat versucht, sich mit mir zu unterhalten, obwohl ich kaum Deutsch sprach. Als sie ein bisschen mehr über mich wusste, über das, was ich vorher gemacht hatte und was ich konnte, ist sie mit mir zur Schulleitung gegangen. Von ihr habe ich das Wort Unterforderung gelernt. Sie hat den anderen gesagt, ich gehe unter. Sie hat sich dafür eingesetzt, dass ich in eine andere Klasse kam. Es gab aber auch andere Menschen, eine Mitschülerin zum Beispiel, die sich für mich eingesetzt hat.
Frage: Fühlen Sie sich immer noch in manchen Situation fremd in Ostfriesland?
Imamovic: Nein. Ich bin zwar in keinem Sportverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr (lacht), aber ich engagiere mich, habe viele nette Menschen um mich herum. Ich fühle mich hier sicher. Und ich fühle mich zugehörig.
Frage: Wenn Sie in diesen Wochen die Bilder der aus der Ukraine fliehenden Familien sehen. Welche Erinnerungen weckt das bei Ihnen?
Imamovic: Dann ist alles wieder da. Ich hätte nie gedacht, dass ich wieder mit diesen Gedanken konfrontiert werde. Es tut mir so leid für die Familien und die Menschen, die das erleben müssen. Für mich persönlich macht es eine Sache klar: Wenn ich das noch einmal machen müsste, wenn ich noch einmal fliehen müsste, würde ich es nicht tun. Ich würde mich mit dem abfinden, was passiert.
Frage: Weil Sie die Kraft nicht noch einmal aufbringen würden?
Imamovic: Nein. Ich glaube, ich hätte die Kraft nicht mehr.