Hamburg

Brachflächen statt Weizenfelder? Unter Bauern regt sich Protest

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 22.03.2022 19:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Grüne Kreuze auf dem Acker waren 2019 ein Protest gegen Belastungen der Landwirtschaft. Die Kreuze könnten bald zu einer hölzernen Vier umgewandelt werden - aus Protest gegen die Stilllegung von vier Prozent der Ackerfläche. Foto: Gert Westdörp
Grüne Kreuze auf dem Acker waren 2019 ein Protest gegen Belastungen der Landwirtschaft. Die Kreuze könnten bald zu einer hölzernen Vier umgewandelt werden - aus Protest gegen die Stilllegung von vier Prozent der Ackerfläche. Foto: Gert Westdörp
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Bauern in Europa sollen ab 2023 vier Prozent ihrer Ackerflächen brachliegen lassen. Das passt nicht zu aufziehenden Hungersnöten in Folge des Ukraine-Krieges, finden viele. Schwenkt die EU ein? Falls nicht, bereiten sich Landwirte auf Protest vor.

Wo eigentlich die Trecker über die Äcker fahren müssten, rollen jetzt die Panzer: Der Angriff Russlands auf die Ukraine gefährdet die Kornkammer Europas. Das Land könnte damit als einer der weltweit wichtigsten Exporteure von Mais, Weizen oder Raps auf unbekannte Zeit als Lieferant ausfallen. In ärmeren Ländern drohen Hungersnöte.

In dieser Situation müssen sich viele Landwirte innerhalb der Europäischen Union gedanklich damit befassen, bald vier Prozent ihrer Ackerflächen brachliegen lassen zu müssen Das ist bislang Teil der ab 2023 greifenden Reform der EU-Agrarsubventionen. Statt der Ernährungsproduktion zu dienen, sollen die Flächen von der Natur zurückerobert werden. „Diese Regelung dient der Verbesserung der Biodiversität innerhalb landwirtschaftlicher Betriebe“, heißt es vom Bundeslandwirtschaftsministerium. Wer nicht mitmacht, setzt seine Agrargelder aufs Spiel. Auf vielen Höfen machen die Gelder aus Brüssel gut die Hälfte des Einkommens aus.

Aber passt das noch zur Zeitenwende nach der Invasion der Ukraine? Die Unionsparteien im Bundestag hatten bereits gefordert, die Stilllegung von Ackerflächen auszusetzen. Auch Österreichs Regierung fordert das auf europäischer Ebene. Das Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin derweil teilt mit, es gebe keine Möglichkeit, die Regelung auszusetzen.

Innerhalb der Landwirtschaft formiert sich Protest, sollte es bei dem Vier-Prozent-Ziel bleiben. Vorne weg: der Agrarblogger „Bauer Willi“, mit bürgerlichem Namen Willi Kremer-Schillings. Der Nebenerwerbslandwirt aus Nordrhein-Westfalen – hier beackert er nach eigenen Angaben 40 Hektar – hat im Internet einen Aufruf gestartet: „Ziviler Ungehorsam – Essen machen – Leben retten“. Unter der Überschrift ruft Kremer-Schillings dazu auf, sich der Stilllegung zu widersetzen und notfalls „illegal“ Lebensmittel anzubauen.

Sichtbar gemacht werden soll der Protest nach der Idee von „Bauer Willi“ durch eine große, grüne Vier aus Holz, die auf den Äckern aufgebaut wird. „Es geht darum, deutlich zu zeigen: Leute, was Ihr hier macht, ist Wahnsinn“, sagt Kremer-Schillings im Gespräch mit unserer Redaktion.

Mit den „Leuten“ sind Vertreter der EU-Kommission, aber auch der deutschen Politik gemeint; mit dem „Wahnsinn“ die Stilllegung produktiver Ackerflächen, während eine globale Nahrungsmittelknappheit droht. Kremer-Schillings will erreichen, dass die Stilllegung ausgesetzt wird – „befristet“, wie er betont.

Wie viel es genau bringen würde, die angedachten Brachen doch zu bewirtschaften, lässt sich indes schwer sagen. Mutmaßlich pflanzen Bauern auf den Flächen nichts an, die ohnehin wenig Ertrag versprechen. Die den Grünen nahe stehende Böll-Stiftung hat sich an einer Schätzung versucht: Sie geht davon aus, dass sich die weltweite Produktionsmenge von Getreide um 0,4 Prozent steigern ließe, wenn man diese Flächen doch weiter bewirtschaften würde. Der Weltmarktpreis könnte um 0,4 bis 2,2 Prozent gesenkt werden. Würden die Flächen indes wie geplant stillgelegt werden, könnte das den Weltmarktpreis für Getreide um 0,1 bis 0,6 Prozent verteuern.

In Deutschland gelten laut Bundesamt für Statistik 11,7 Millionen Hektar als Ackerfläche. Das Bundeslandwirtschaftsministerium geht davon aus, dass etwa 340.000 Hektar von der Stilllegung betroffen sein werden, das entspricht in etwa der Fläche von 476.000 Fußballfeldern.

Geht es nach „Bauer Willi“ und anderen, muss das gestoppt werden. Schon einmal hatte Kremer-Schillings eine bundesweite Protestaktion ins Leben gerufen: Als sich die alte Bundesregierung 2019 auf verschiedene Umweltschutzmaßnahmen verständigte, rief Kremer-Schillings dazu auf, grüne Holzkreuze auf die Äcker zu stellen, um so auf die Belastung der Landwirtschaft hinzuweisen. Das bundesweite Echo war groß. „Bauer Willi“ setzt nun darauf, dass viele Bauern-Kollegen eine zusätzliche grüne Latte ans Kreuz nageln und so daraus eine grüne Vier wird.

Auch dieses Mal scheint ein Teil der Landwirtschaft gewillt, sich der Aktion anzuschließen. Die zur Zeit der grünen Kreuze entstandene Protestbewegung „Land schafft Verbindung“ (LSV) jedenfalls ruft im Netz zur Teilnahme auf.

In einem kurzen Video nennt LSV-Sprecher Anthony Robert Lee die Stilllegung „Wahnsinn“ und lässt wissen: „Wir werden diesem Irrsinn jetzt Einhalt gebieten.” Es sei „unethisch, unchristlich und nicht mehr hinzunehmen“, dass in Teilen der Welt Menschen verhungerten, während in Europa Äcker brach lägen.

Bei den offiziellen Vertretern der Agrarbranche geht die Meinung derweil auseinander. Mecklenburg-Vorpommerns Bauernpräsident Detlef Kurreck etwa teilt unserer Redaktion mit, der Unmut der Landwirte über die Stilllegung sei verständlich. Die Flächenstilllegung sei vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges „zu hinterfragen“. Darauf dränge der Verband. „Die Landwirte in Mecklenburg-Vorpommern können mit dafür sorgen, dass die Menschen in unserem Land und der Welt nicht Hunger leiden müssen “, so Kurreck.

Zur Teilnahme ruft er allerdings nicht auf. Vom Nachbarverband aus Schleswig-Holstein heißt es, es handele sich bei der Protest-Vier um keine Aktion des Verbandes. Jedem Landwirt sei selbst überlassen, sich zu beteiligen.

Gänzlich anderer Auffassung zu der Initiative ist man beim Landvolk Niedersachsen. Präsident Holger Hennies zeigte zwar Verständnis für „erste Reaktionen“ aus der Landwirtschaft, wonach Bauern lieber Getreide und Eiweißfrüchte anbauten statt „Blüh- oder Brachflächen anzulegen“. Aber: „Aktionismus und aufmerksamkeitsheischende Aufrufe“ machten wenig Sinn. „Im gemeinsamen Austausch mit der Politik muss besprochen werden, was sinnvoll ist – und da sind wir im Dialog“, so Hennies.

Bei der EU-Kommission in Brüssel scheint zumindest die Bereitschaft vorhanden zu sein, noch einmal neu zu denken angesichts des Ukraine-Krieges. Ob deswegen aber gleich das Vier-Prozent-Ziel komplett aufgegeben wird, ist derzeit noch unklar. Zumindest der Anbau von Eiweiß-Pflanzen könnte doch noch einmal erlaubt werden. Am Mittwoch will sich Brüssel dazu erklären.

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