Osnabrück

Forschung auf Eis: Das bedeutet der Ukraine-Krieg für deutsche Wissenschaftler

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 23.03.2022 11:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gemeinsame Forschung zwischen russischen und deutschen Wissenschaftlern ist vorerst schwierig bis unmöglich. Foto: dpa-Zentralbild
Gemeinsame Forschung zwischen russischen und deutschen Wissenschaftlern ist vorerst schwierig bis unmöglich. Foto: dpa-Zentralbild
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Deutschland reagiert auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine auch, indem die Zusammenarbeit in der Forschung ausgesetzt wird. Für Wissenschaftler hat das gravierende Konsequenzen.

Alle Forschungskooperationen mit Russland sollten auf Eis gelegt werden, gab der niedersächsische Wissenschaftsminister Björn Thümler zu Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine vor. Diese Haltung vertreten viele Wissenschaftspolitiker und Universitäten. Sie hat jedoch massive Folgen für Forschungsprojekte. Ein Beispiel: Ein Projekt zum Klimawandel. Im ewigen Eis, in Sibirien, müsste das Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut eigentlich gerade Geräte zur Überwachung des Permafrosts austauschen. Das fällt nun vorerst aus. Damit werden wichtige Daten fehlen. In Sibirien wollen die Forscher herausfinden, wie schnell der Boden taut.

Die Richtung in der deutschen Wissenschaft ist klar: Gemeinsame Publikationen, Konferenzen, gemeinsame Forschung mit Russland - all das findet derzeit nicht statt. Das Bundesforschungsministerium fror die Zusammenarbeit mit Russland ein.

Die EU-Kommission kündigte an, im Rahmen des Programms “Horizont Europa” derzeit keine neuen russischen Projekte zu fördern. Laufende Projekte werden überprüft. Forschungs-Kommissarin Mariya Gabriel begründete: Russlands Angriff auf die Ukraine sei ein Angriff auf wissenschaftliche Freiheit und Zusammenarbeit.

Und auch der größte Zusammenschluss deutscher Wissenschaftler, die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, unterstützt dieses Vorgehen. Unter ihrem Dach kooperieren die Fraunhofer-Gesellschaft, die Hochschulrektorenkonferenz, der Deutsche Akademische Austauschdienst, der Wissenschaftsrat und viele weitere Institutionen. Die Allianz argumentiert, die russische Invasion sei ein “Angriff auf elementare Werte der Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung, auf denen Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftliche Kooperationsmöglichkeiten basieren”.

Vor allem in Bereichen wie Klimaforschung, Physik oder Raumfahrt kooperierten Deutschland und Russland. Zwischen den Universitäten der beiden Länder bestehen Hunderte Kooperationen. Betroffen ist etwa der Europäische Röntgenlaser XFEL in Hamburg, an dem Russland beteiligt ist. Bei CREMLIN+ sollte die Kooperation im Bereich der Physik verstärkt werden. Dazu sollten auch deutsche Wissenschaftler Zugriff auf den russischen Forschungsreaktor PIK bei St. Petersburg bekommen. Das deutsch-russische Projekt Exomars, bei dem auf dem Mars Spuren von Leben gesucht werden sollen, liegt nun ebenso auf Eis.

Betroffen sind nicht nur konkrete Forschungsprojekte, sondern auch Studierende. So schränkt der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) den Austausch mit Russland ein und fördert keine Aufenthalte deutscher Studierender und Forscher in Russland mehr. Stipendien für Studierende aus Russland werden dagegen fortgesetzt. Man wisse, dass der Schritt Ungerechtigkeiten schaffe, heißt es beim DAAD. Gleichzeitig sei es unumgänglich, die Förderung von Austauschbeziehungen mit Russland kritisch zu überprüfen.

Wird nun eine dauerhafte Mauer zwischen Russland und Deutschland errichtet? Zumindest in der Wissenschaft finden sich Zweifel an einem solchen Vorgehen. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Peter-André Alt (https://www.tagesspiegel.de/wissen/russischer-angriffskrieg-gegen-die-ukraine-der-einspruch-der-wissenschaft-muss-eindeutig-sein/28127148.html) befürwortete zwar Anfang März in einem Beitrag für den Tagesspiegel, die deutsch-russische Wissenschaftskooperation ruhen zu lassen. Alt schrieb aber auch darüber, dass sich gerade viele Wissenschaftler in Opposition zum Putin-Regime befänden. “Vor diesem Hintergrund ist die Frage erlaubt, ob nicht die Entscheidung zum Einfrieren der Wissenschaftsbeziehungen die Kritiker Putins eher treffe als sein brutales Regime.”

In diese Richtung geht auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) wenn er betont, viele Wissenschaftler in Russland hätten den Krieg verurteilt. "Diese mutigen Menschen verdienen unsere Unterstützung. Die Wissenschaftsgemeinschaft ist international.”

Einige Universitäten wie etwa die Uni Kiel erklärten, persönliche Kontakte zu russischen Kollegen könnten trotz der aktuellen Eiszeit weiter gepflegt werden. Von der Universität Greifswald heißt es: “Ob und wie Verbindungen auf kollegialer Ebene aufrechterhalten werden können, muss sicherlich im Einzelfall entschieden werden. Ein Austausch mit russischen Einrichtungen auf institutioneller Ebene ist in der derzeitigen Lage nicht vertretbar.” Die Uni Osnabrück teilte mit, man trage die Sanktionspolitik mit, setze sich aber für mittelfristige Politik ein, die die junge intellektuelle Schicht in Russland “nicht verloren gibt”.

Und selbst beim Alfred-Wegener-Institut, dessen Leiterin nun vorerst nicht nach Sibirien reisen wird, ist die Zusammenarbeit mit den russischen Kollegen nicht komplett ausgesetzt. AWI-Leiterin Antje Boetius sagte, zusammen mit dem Auswärtigen Amt und dem Bundesforschungsministerium seien Regeln für eine weitere Zusammenarbeit mit der russischen Seite getroffen worden. “Ein Verbot des gemeinsamen Denkens auf Basis einer nationalen Zugehörigkeit kennt die Wissenschaft nicht», betonte Boetius. (mit dpa)

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