Serie: Frühlingsanfang
Im Kuh-Galopp geht es in den Frühling
Traditionell werden rund um den Frühlingsanfang die Kühe in Ostfriesland zum ersten Mal nach dem Winter wieder auf die Weiden gelassen. Wir waren beim Kuh-Galopp auf einem Emder Hof dabei.
Emden - Das Brüllen der Kühe im Stall wird schon ungeduldiger. „Die wissen, das gleich was passiert“, sagt Ihno Groeneveld. Der Landwirt, der einen Hof im Uphuser Hammrich in Emden betreibt, wirft einen letzten prüfenden Blick auf die Weide direkt am Stall. Für heute hat er extra viele helfende Hände organisiert. Die stehen an den Ecken der Weide, die mit Draht abgesteckt ist. Am Draht ist Flatterband befestigt: „Ich mach das schon zig Jahre“, sagt der 53-Jährige. Trotzdem wisse man nie so recht, wie die Kühe beim ersten Gang auf die Weide nach dem Winter reagieren. Wohin werden sie laufen? Sehen die jungen Kühe den Draht? „Es ist immer ein bisschen Nervenkitzel“, sagt er mit einem Lachen.
Was und warum
Darum geht es: In Ostfriesland gehören sie einfach dazu: die Kühe auf den Weiden. Jetzt zum Frühlingsbeginn kommen die meisten zum ersten Mal nach dem Winter wieder raus.
Vor allem interessant für: Menschen, die gerne die Schwarz-Bunten auf den Weiden beobachten
Deshalb berichten wir: Der Frühling beginnt. Wir stellen dazu ein paar Themen in den Fokus, die jetzt interessanter werden. Dieses Mal geht es um die Kühe, die nach dem Winter wieder rausgelassen werden - und freudig galoppieren. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Mit dem Anblick draußen ist er aber zufrieden. Die Bedingungen insgesamt sind gut - obwohl die Sonne fast ein wenig zu hell strahlt. Die Tiere, die aus dem Stall preschen, könnten davon geblendet sein und deswegen den Draht nicht sehen. Aber dann müssen die Helfer extra wachsam sein. Der erste Weidegang hätte eigentlich schon in der vergangenen Woche stattfinden sollen, da kam der Regen dazwischen, der das Land aufgeweicht hatte.
Ein Austrieb der Tiere hätte da zu viele der jungen Grasnarben zerstören können. Ihno Groeneveld ist im Stall und von draußen hört man nur das Brüllen der Kühe, ein Knarzen des Holztors - da! Es geht auf.
700-Kilo-Kuh im flotten Galopp
Es ist ein besonderer Anblick, wenn eine 700-Kilo-Kuh plötzlich wie ein junges Pferd galoppiert. Einige stolpern, so schnell wollen sie nach draußen drängen. Die ersten Luftsprünge werfen Erdbrocken auf. Staub wirbelt auf, als immer mehr der 102 Milchkühe nach draußen preschen. Ein Schnaufen, Prusten und Muhen ist in der Luft. Die Helfer an dem Drahtzaun haben alle Hände voll zu tun. Sie rufen laut, klatschen auch mal in die Hände, als die Kühe direkt auf sie zukommen. „Das legt sich auch relativ schnell wieder“, sagt der Emder Landwirt und steht jetzt selbst am Draht. „Die merken gleich, dass auch leckeres Gras auf der Weide ist.“ Er lächelt. Die Stimmung bei allen Helfern ist ausgelassen, die Freude der Kühe ansteckend. „Da geht einem selbst das Herz auf“, sagt der 53-Jährige.
Die letzten Nachzüglerinnen - ein paar junge Kühe - werden mit einem auffordernden „Hep!“ auch aus dem Stall getrieben. Sie blinzeln noch etwas gegen die Sonne, sehen dann ihre Kameradinnen toben und tun es ihnen nach. Einige Kühe reiben die großen Köpfe aneinander. Sie spielen, tragen aber auch Rangkämpfe aus. Eine Kuhherde hat immer ein Leittier, erklärt der Landwirt. Viele Tiere allerdings haben auch schon ihre Köpfe gen Gras gesenkt. Mit der großen, rauen Zunge nehmen sie dieses büschelweise auf.
Obwohl das erste Gras des Jahres am energiereichsten ist, würde das allein für die Ernährung der Hochleistungs-Milchkühe nicht reichen. „Das Hauptfutter bekommen sie drinnen“, sagt Ihno Groeneveld. Durch einen Sensor an dem Halsband der Schwarzbunten „weiß“ die Futtermaschine drinnen, wie viel Milchleistung eine Kuh hat und wie viel Futter sie entsprechend braucht. Die Rinder, also die jungen weiblichen Tiere, die noch nicht gekalbt haben und daher auch noch keine Milch geben, sollen übrigens Mitte April nach draußen kommen. Aber auf etwas weiter entfernte Weiden. Noch werde es für die Jungtiere zwischendurch zu kalt, sagt der Landwirt.
So viele Kühe kommen in der Region jetzt raus
Anders als in anderen Landesteilen - Ihno Groeneveld nennt das nahe Beispiel Emsland - kommen in Ostfriesland noch die meisten Kühe auf die Weiden. Und das sind eine ganze Menge. Allein in Emden gibt es 29 Milchviehbetriebe mit insgesamt fast 3200 Tieren, kann in einer Tabelle (Stand Mai 2021) nachgelesen werden, die die Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen dieser Zeitung bereitgestellt hat. Im Landkreis Aurich sind es fast 50.800 Milchkühe, im Landkreis Wittmund rund 31.200 und im Landkreis Leer sogar mehr als 62.600. Nicht umsonst gilt Ostfriesland als Milchland. Knapp 20 Prozent der niedersächsischen Milchkuh-Haltungen befinden sich hier.
Rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Ostfriesland sind noch Grünland, heißt es vom Landesamt für Statistik. Das wird auch benötigt, denn „bei reiner Weidehaltung und guter Grasqualität können es bis zu 90 kg Gras sein“, die eine Milchkuh am Tag verdrückt, so Christine Licher, Sprecherin der Landesvereinigung der Milchwirtschaft. Schmeckt man das eigentlich bei der Milch? „Viele Faktoren beeinflussen den Geschmack der Milch“, erklärt sie. Etwa das Futter oder die Rasse.
„Sie haben insbesondere Einfluss auf den Fettgehalt der Milch, und Fett ist bekanntlich ein Geschmacksträger“, so die Sprecherin. Da die Rohmilch vieler Milchbauernhöfe in den Molkereien zusammen zu einer standardisierten Konsummilch mit verlässlich hoher Qualität und eingestelltem Fettgehalt verarbeitet werde, kämen diese Unterschiede im Endprodukt nicht zum Tragen.
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