Kinderbetreuung
Eine Mutter hat Angst, keinen Krippenplatz zu bekommen
Eine 29-jährige Auricherin sitzt auf heißen Kohlen: Weil sie im September eine Ausbildung beginnt, ist sie auf Betreuung für ihren Sohn angewiesen. Doch eine Zusage lässt auf sich warten.
Aurich - Im Februar 2019 hat die Stadt Aurich ein zentrales Anmeldesystem für die 15 städtischen und 15 freien Kindertagesstätten eingeführt. Damit wollte man Doppelstrukturen abbauen und einen besseren Überblick über Bedarf und Nachfrage bekommen. Am Anfang mehrten sich Beschwerden von Eltern und Erziehern. Es laufe nicht rund, hieß es. So gab es Pannen: Anstatt die Anmeldungen abzuspeichern, sortierte das System sie im Frühjahr 2019 in den Spam-Ordner. Doch dann schien sich alles eingespielt zu haben. Jetzt meldete sich eine Mutter in der Redaktion, weil sie Sorge hat, dass ihr Sohn nicht rechtzeitig zum September einen Krippenplatz bekommt. Ihr Vertrauen in das Anmeldesystem, das eher ein Vormerksystem ist, scheint nicht sehr groß zu sein.
Was und warum
Darum geht es: Eltern stellen das zentrale Kita-Anmeldesystem infrage.
Vor allem interessant für: Auricher, die einen Betreuungsplatz für ihr Kind suchen.
Deshalb berichten wir: Weil sich eine Mutter wegen massiver Zweifel an der Funktionstüchtigkeit des Systems an die Redaktion gewandt hatte. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
Warum? Worum geht es? Ihren Zeitplan hatte die heute 29-jährige Auricherin schon immer im Griff: Bereits eine Woche nach der Geburt im Dezember 2020 war ihr Sohn über ein zentrales Online-System der Stadt Aurich für eine Krippe vorgemerkt. Wer was will, muss auf Draht sein, sagte sich die Verwaltungsfachangestellte, die anonym bleiben möchte. Womit sie nicht gerechnet hatte: Sie erhielt für das Kindergartenjahr 2021/2022 keinen Krippenplatz. „Das war nicht so tragisch, weil ich bis Dezember in Elternzeit war“, sagte sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie habe ohnehin vorgehabt, sich beruflich zu verändern und will eine neue Ausbildung anfangen. Die soll im September beginnen: „Bis dahin benötige ich einen Krippenplatz für meinen Sohn.“
Eigenes Ranking für Plätze
Also gab sie über das Online-Erfassungssystem drei Betreuungseinrichtungen an. An erster Stelle stand der Pinguin-Kindergarten, dann kam die Kita Kunterbunt und an dritter Stelle stand die Kita Frechdaxe. Vor Kurzem erhielt sie von der Stadt eine Information, dass die ersten beiden Wunsch-Krippen nicht zur Verfügung stehen. Bei der dritten prüfe man noch. Eine Antwort erhalte sie in einigen Wochen. Für die 29-Jährige ist das ganze System undurchsichtig: „Ich verstehe nicht, warum scheinbar jede Einrichtung ihr eigenes Ranking zur Platzvergabe nutzen kann. Soziale Kriterien wie Berufstätigkeit und Geschwisterkind in der Einrichtung werden offenbar nicht berücksichtigt.“
Diese Einschätzung der jungen Auricher Mutter trifft offenbar nicht zu. Das hat eine Umfrage dieser Zeitung in Kindertagesstätten ergeben. Gerade das Geschwisterkind sei ein ganz entscheidendes Kriterium, sagt etwa Daniela Brandes. Die Leiterin der Kindertagesstätte Pinguin legte auch Zahlen auf den Tisch. Ihre Einrichtung verfüge derzeit über 150 Plätze. 100 davon entfielen auf die Kita, 30 auf die Krippe, 20 auf den Hort. Dass ihr Team und sie Betreuung in vielen Altersbereichen anbieten könne, werde von vielen Eltern sehr geschätzt. Sie wüssten: Wer sein kleines Kind in der Kita Pinguin in der Krippe untergebracht hat, findet dort später auch einen Platz in der Kita und im Hort.
Wenig Kapazität für Neuaufnahmen
Diese Kontinuität zu gewährleisten, sei ein vorrangiges Anliegen ihrer Einrichtung, sagte Brandes. Natürlich schaue man auch danach, ob man ein Geschwisterkind unterbringen können. „Es ist den Eltern nicht zuzumuten, dass sie für ein zweites oder drittes Kind eine weitere Einrichtung ansteuern müssen“, so die Kita-Leiterin. Die Berufstätigkeit der Eltern sei ebenfalls ein Kriterium. Alle Parameter flössen in ein Punktesystem, das letztlich über den Zuschlag für einen Platz entscheide. Am Ende bleib durch dieses interne Management nur wenig Kapazität für Neuaufnahmen: „Das werden im kommenden Kindergartenjahr nur sieben Externe sein.“
Eng werde es aber insgesamt bei der Vergabe der Plätze in Aurich nicht, ist sich Erster Stadtrat Hardwig Kuiper sicher: „Das System funktioniert eigentlich.“ Stand August 2021 sind in Aurich insgesamt 1931 Plätze in Kindertagesstätten vorhanden, also 36 mehr als noch vor zwei Jahren. Davon sind 1265 Kindergarten-, 327 Krippen-, 280 Hort- und 59 Plätze für Integrationskinder. Rund 800 Anmeldungen seien zum Stichtag am 13. Februar 2022 eingegangen. Die arbeite man jetzt systematisch ab. Zuerst versuche man die Erst-, dann die Zweitwünsche zu erfüllen. Das gehe natürlich nur „händisch“ mit Rücksprache bei den jeweiligen Kitas.
Wenn die 29-jährige Mutter keine Zusage für einen Krippenplatz erhält, muss sie sich an den Landkreis wenden. Der könnte ihr eine Tagesmutter vermitteln. Doch auch da sieht die Auricherin schwarz: „Die sind ja derzeit Mangelware.“ Stichwort Landkreis: Der hatte vor Wochen angekündigt, die Kindertagesstätten im Landkreis übernehmen zu wollen. Wenn das tatsächlich so kommt, wird das derzeitige Anmeldesystem wohl auch zu den Akten gelegt werden.