Geschichte
Die Pionierin von der Manningaburg
Vor 150 Jahren wurde Hermine Heusler-Edenhuizen in Pewsum geboren. Sie wurde Frauenärztin – was damals nicht selbstverständlich war.
Pewsum - Sie gilt als erste offiziell anerkannte und niedergelassene Frauenärztin Deutschlands. Diesen Titel musste sich die gebürtige Pewsumerin Hermine Heusler-Edenhuizen allerdings hart erkämpfen. Denn die dafür notwendige akademische Laufbahn war damals eigentlich nur den Männern vorbehalten.
Als Hermine Edenhuizen am 16. März 1872 – also vor 150 Jahren – geboren wurde, war es in Deutschland mit der Gleichberechtigung noch nicht sehr weit her. Wenn Frauen zum Gynäkologen gehen wollten, hatten sie meistens gar keine andere Wahl, als mit einem Mann vorlieb zu nehmen. Praktizierende Frauenärztinnen wie Josepha von Siebold (1771-1849) und deren Tochter Charlotte (1788- 1859) oder Emilie Lehmus und Franzsika Tiburtius, die nach ihrer Promotion in der Schweiz ab 1877 gemeinsam in Berlin eine „Poliklinik weiblicher Ärzte für Frauen und Kinder“ eröffneten, blieben zunächst die große Ausnahme.
„Häusliche Pflichten“ auf dem Lehrplan
Grundsätzlich hatten Frauen zwar die Möglichkeit, zu studieren. Aber so etwas galt als gesellschaftlich unüblich, um nicht zu sagen „unweiblich“, und war mit vielen Hindernissen verbunden. Das fing schon in der Schule an. Für Mädchen endete der Bildungsweg im günstigsten Fall auf einer Höheren Töchterschule, die jedoch keine Optionen zur Erlangung der Hochschulreife bot. Der Lehrplan beschränkte sich auf die Vermittlung „häuslicher Pflichten“ wie Handarbeiten oder Kochen und enthielt ansonsten allenfalls ein paar künstlerisch-musische Angebote. Die vorrangige Zielsetzung bestand darin, die Mädchen zu „vorbildlichen“ Haus- und Ehefrauen zu erziehen.
Auch Hermine Edenhuizen besuchte Höhere Töchterschulen in Pewsum und Emden, bis sie 16 Jahre alt war. Danach ging sie auf ein Mädchenpensionat in Berlin. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie. Die Edenhuizens besaßen diverse Ländereien und Immobilien im Rheiderland und in der Krummhörn. Unter anderem gehörte ihnen die Pewsumer Manningaburg, wo Hermine geboren wurde.
Symbolfigur der Frauenbewegung
Sie war das vierte von neun Kindern – zwei starben bereits im Säuglingsalter, weswegen in späteren Erzählungen meistens von sieben Geschwistern die Rede ist. Ein älterer Bruder starb mit 18 Jahren an Tuberkulose. Ein jüngerer Bruder beging 1898 Selbstmord. Zu dem Zeitpunkt war die Mutter längst tot. Sie verstarb 1881. Im Anschluss an das Mädchenpensionat kehrte Hermine 1890 nach Pewsum zurück und wusste nicht so recht, was sie nun anfangen sollte. Per Zufall stieß sie 1893 in einer Emder Buchhandlung auf eine Zeitschrift der Frauenrechtlerin Helene Lange. Die gebürtige Oldenburgerin war eine der zentralen Symbolfiguren der damaligen Frauenbewegung in Deutschland.
Als gelernte Pädagogin setzte sie sich besonders im Bereich der Bildung für mehr Chancengleichheit ein und organisierte in Berlin Abiturvorbereitungskurse speziell für Frauen. Davon inspiriert, entschloss sich Hermine Edenhuizen, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten und Ärztin zu werden. Mit Bitten und Betteln rang sie ihm das Einverständnis ab, in Berlin den Vorbereitungskursus besuchen und ihr Abitur machen zu dürfen. Er stimmte zu, erlebte den erfolgreichen Abschluss seiner Tochter jedoch nicht mehr. Dr. Martin Edenhuizen starb 1896 im Alter von nur 59 Jahren.
Der Tumult der jungen Herren
1898 hatte Hermine schließlich ihr Abitur in der Tasche. „Wir legten es im Luisenstädtischen Gymnasium in Moabit vor ausschließlich fremden Lehrern ab, von denen nur einer, der Schulrat Pilger, wohlwollend war“, schrieb sie in ihrer Autobiografie. „Man verlangte von uns an fünf aufeinanderfolgenden Tagen fünf schriftliche Arbeiten in Mathematik, Latein, Griechisch, Deutsch und Französisch. Vier Wochen später folgte die mündliche Prüfung an einem einzigen Tag, aber von morgens neun Uhr bis abends sieben Uhr mit nur einer Stunde Mittagspause; dies, obgleich die schriftlichen Arbeitsproben so ausgefallen waren, dass wir normalerweise von der mündlichen Prüfung hätten dispensiert werden müssen.“
Das Gefühl, dass sie als Frau in ihren Leistungen kritischer beurteilt wurde und daher stets härter und besser arbeiten musste als ihre männlichen Kollegen, sollte sich wie ein roter Faden durch das gesamte Leben der Hermine Heusler-Edenhuizen ziehen. Das erste Semester ihres Medizinstudiums, das die Ostfriesin ebenfalls in Berlin absolvierte, wurde für sie in doppelter Hinsicht zum Spießrutenlaufen.
Einerseits steckten die männlichen Kommilitonen offensichtlich noch halb in der Pubertät: „Unter Scharren und Tuscheln mussten wir uns den Weg bahnen“, erinnerte sich Hermine Heusler-Edenhuizen in ihrer Autobiografie. „Den jungen Herren wurde dieser Tumult das ganze Semester hindurch nicht langweilig. Sie erlaubten sich im Gegenteil sogar noch einen Extraspaß, indem sie taktlose Witze auf unsere Visitenkarten schrieben.“ Andererseits mussten die Studentinnen für jede Vorlesung von Behörden und Professoren Genehmigungen einholen, um an den Vorlesungen teilnehmen zu dürfen. Und nicht immer stießen sie auf Wohlwollen. Einstweilen wurden Frauen an deutschen Universitäten lediglich als Gasthörerinnen toleriert. Dass sie offiziell anerkannt wurden, geschah zum Beispiel in Preußen erst 1908.
Skandalöse Beziehung
Anderswo in Europa war man da schon wesentlich weiter. In der Schweiz waren Frauen seit 1863 zum Studium zugelassen, was auch Hermine Edenhuizen zu einem Abstecher an die Züricher Universität veranlasste. Über Halle setzte sie ihr Studium fort in Bonn, wo sie 1903 an der dortigen medizinischen Fakultät zusammen mit Frida Busch, einer alten Schulfreundin aus ihrer Gymnasialkurs-Zeit bei Helene Lange, ihre Doktorarbeit mit der Bestnote „summa cum laude“ abschloss.
Während Frida Busch die medizinische Karriere zugunsten einer Ehe an den Nagel hängte, ging ihre Freundin Hermine unbeirrt ihren Weg weiter. Nach der Assistenzzeit in Bonn, Bern, Dresden und Freiburg wollte sie sich in Köln als Fachärztin für Frauenkrankheiten und Geburtshilfe niederlassen. Dies klappte nicht – was weniger an mangelnder fachlicher Kompetenz lag. Hermine Edenhuizen hatte in Bonn den Internisten Dr. Otto Heusler kennengelernt und sich in ihn verliebt.
Dummerweise war ihr Auserwählter bereits verheiratet und musste sich erst von seiner Frau scheiden lassen, bevor er und Hermine 1912 in den Stand der Ehe treten konnten. Die Beziehung der beiden war ein Riesenskandal. Hermine flüchtete deshalb 1909 aus dem Rheinland und setzte sich wieder nach Berlin ab. Dort arbeitete sie bis 1911 in der von Emilie Lehmus und Franzsika Tiburtius gegründeten Poliklinik für weibliche Ärzte. Parallel dazu baute die Ostfriesin eine eigene Poliklinik auf, die sie bis 1922 betrieb, und richtete sich in ihrem Wohnhaus in Charlottenburg eine Praxis ein. Dort war sie nach 1922 fast nur noch als Privatärztin tätig und betreute zumeist Patienten aus höheren gesellschaftlichen Kreisen.
Internationale Kontakte
Entgegen der damaliger Gepflogenheiten war es für Otto Heusler selbstverständlich, einen Ehevertrag zu unterschreiben, in dem er auf jegliche Entscheidungsgewalt hinsichtlich der Berufsausübung seiner Gattin verzichtete. Auch unterstützte er seine Frau in ihrem Kampf gegen den bis heute diskutierten Abtreibungsparagrafen 218. Den lehnte Hermine Heusler-Edenhuizen ab und plädierte in Zeitungsartikeln und auf Veranstaltungen auch öffentlich für die Abschaffung. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass der Paragraf nichts brachte und Frauen scharenweise in die Illegalität trieb. Abgesehen davon konnte und wollte sie nicht begreifen, warum Männer straffrei ausgehen sollten, zumal sie nicht selten diejenigen waren, die sich bei einer Schwangerschaft der Verantwortung entzogen und auf eine Abtreibung bestanden. Zudem war Hermine Heusler-Edenhuizen Gründungsmitglied des Verbandes Deutscher Ärztinnen, dem sie in den Jahren 1924 bis 1928 auch vorstand.
Über den Verband knüpfte sie auch internationale Kontakte und reiste 1924 mit einer Delegation zu einem Frauenkongress nach London. Nichtsdestotrotz war ihre Vorstandsarbeit nicht unbedingt politisch motiviert, sondern in erster Linie darauf ausgerichtet, das Image des Ärztinnenberufs aufzupolieren. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zogen sich Hermine Heusler-Edenhuizen und ihr Mann ins Privatleben zurück, wodurch ihre Biografien aus dieser Zeit heute nur noch lückenhaft nachvollziehbar sind. Sympathien für die Nazis hegten sie sicherlich keine. Schon in den 1920er Jahren kehrten die beiden begeisterten Bergwanderer empört ihrem Alpenverein den Rücken, als dort antisemitische Kräfte die Oberhand gewannen. Verschiedenen Erzählungen ist zu entnehmen, dass die Heuslers während der Nazi-Zeit so gut sie eben konnten, jüdischen Mitbürgern zu helfen versuchten. Dass sie nicht denunziert wurden, lag vermutlich an ihren nach wie vor guten gesellschaftlichen Kontakten.
„Eine ganz schöne Männerhasserin“
Otto Heusler überlebte den Krieg nicht. Er starb 1943 an einer Nierenbeckenentzündung. Hermine kehrte 1945 nach Pewsum zurück und erlebte danach noch ein paar rastlose Wanderjahre, die sie zwischen Ludwigshafen, Celle und Hannover hin und her trieben. Sie starb am 26. November 1955 in einer Berliner Pension an einem Schlaganfall. In ihren letzten Jahren hat sie sich hauptsächlich auf das Schreiben ihrer Memoiren konzentriert. Veröffentlicht wurden diese Aufzeichnungen erst in den 1990er Jahren. Warum Hermine Heusler-Edenhuizen in den 1970er Jahren, als die Diskussion um den Paragrafen 218 neu aufflammte, keine tragende Rolle gespielt hat, lag sehr wahrscheinlich an dem wertkonservativen Frauenbild in ihren Artikeln. Auch in ihrer Autobiografie ist des Öfteren von typisch weiblichen Attributen wie Mütterlichkeit und Fürsorglichkeit die Rede.
Analog dazu scheint Hermine Heusler-Edenhuizen ein recht antiquiertes Männerbild der Marke „edler Ritter“ gehabt zu haben. Diesem wohl durch ihre großbürgerliche Herkunft geprägten hohen Ansprüchen vermochte nicht einmal der von ihr selbst als geduldig und einfühlsam beschriebene Gatte Otto Heusler permanent zu genügen. Ein ihr nahestehender Zeitzeuge hat einmal gemeint, Hermine Heusler-Edenhuizen sei bisweilen gar eine ganz schöne „Männerhasserin“ gewesen. Dazu passt, dass sie einen Paragrafen 218, der bei einer Abtreibung einzig und allein die dafür verantwortlichen Männer bestrafen würde, durchaus befürwortet hätte. Eine Ursache für diese kompromisslose Haltung mag gewesen sein, dass sie in ihrer Praxis oft genug mitgekriegt hat, wie Frauen unter Diskriminierungen solcher und ähnlicher Art zu leiden hatten. Dabei sollte eigentlich für alle Geschlechter das gelten, was der Dekan der medizinischen Fakultät in Bonn 1903 der seinerzeit frisch gekürten Doktorin Hermine Edenhuizen in seiner feierlichen Ansprache mit auf den Weg gegeben hat: „Stets habe ich mich auf den Standpunkt gestellt, dass, wenn die Frauen dasselbe leisten wie die Männer, sie auch dieselben Rechte haben sollen. Beschränkt und ungerecht ist der, der anders denkt .“
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