Berlin

Campino plant Wende-Jacke mit zwei Motiven: So soll sie aussehen

Katharina Golze
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Von Katharina Golze
| 25.03.2022 12:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 9 Minuten
Campino von den Toten Hosen (l.) und Marten Laciny aka Marteria besingen die „Scheiss Wessis“ und „Scheiss Ossis“. Foto: Philipp Gladsome
Campino von den Toten Hosen (l.) und Marten Laciny aka Marteria besingen die „Scheiss Wessis“ und „Scheiss Ossis“. Foto: Philipp Gladsome
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„Scheiss Wessis“ und „Scheiss Ossis“ singen die Toten Hosen und Marteria. Im Interview spricht Sänger Campino über Kumpel Marten Laciny, eine gemeinsame Wende-Jacke und das womöglich letzte Hosen-Album.

„Scheiss Wessis“ heißt die neue Single, mit der sich die Toten Hosen zurückmelden. Der Song ist einer von sieben neuen Stücken, die am 27. Mai auf dem Album „Alles aus Liebe - 40 Jahre Die Toten Hosen“ erscheinen. Entstanden ist der Song mit dem Rostocker Musiker Marteria, mit dem Sänger Campino eine jahrelange Freundschaft verbindet. Gleich nach dem Release feiert die ARD-Doku „Auswärtsspiel - Die Toten Hosen in Ost-Berlin“ Premiere, die die Ostberliner Punkszene und einen Auftritt der Band 1983 dokumentiert. Trotz des Trubels findet der 59-Jährige in seiner Berliner Wohnung Zeit für ein Gespräch über Marteria, die Band und ihre Tour, bei der auch Feine Sahne Fischfilet spielen wird. 

Frage: In „Scheiss Wessis“ und „Scheiss Ossis“ wirbeln Sie und Marteria uns die Ost-West-Klischees um die Ohren. Was ist die Idee hinter dieser Provokation?

Antwort: Campino: Wir haben diese Lieder vor drei Monaten eingespielt und kurz vorher geschrieben. Das war noch eine andere Welt als heute. Wir wollten ein bisschen provozieren und das Thema behandeln: Wie kann es sein, dass über 30 Jahre nach dem Fall der Mauer immer noch Befindlichkeiten zwischen Ost- und Westdeutschen vorliegen? Durch den Angriffskrieg von Putin hat sich der gesellschaftliche Kontext der Lieder komplett verändert. Heute ist wahrscheinlich niemand unglücklich darüber, dass er in der Bundesrepublik lebt. Diese Befindlichkeiten zwischen Ost und West, Nord und Süd sind gerade kein wirkliches Thema. Für Marten und mich ist es wichtig zu unterstreichen, dass beide Lieder vor allem ein Plädoyer für das Zusammenwachsen, für Gemeinschaft und Freundschaft sind.

Frage: Ist trotzdem die richtige Zeit für „Scheiss Ossis” und „Scheiss Wessis”?

Antwort: Unser Lied kommt unter Vorzeichen, die wir nicht vorher ahnen konnten. Das macht aber nichts, denn sie zelebrieren unsere Verbundenheit und das Glück, dass es die alte Trennung von Ost- und Westdeutschland nicht mehr gibt. Natürlich muss man bereit sein, die Ironie in unseren Zeilen zu erkennen.

Frage: Wie kam das Musikprojekt zustande?

Antwort: Wir sind eng miteinander befreundet, fahren zusammen in die Ferien, treffen uns zum Kniffel- und Fußball-Spielen. Immer wieder führt es uns dann aber auch zum Schreibtisch und wir fangen an zu texten. So auch dieses Mal: Ich hatte Marten zu Hause besucht. Irgendwann rief mir jemand „Scheiß Wessi“ hinterher. Das war zwar aus Spaß, aber tatsächlich ist das Thema immer noch im Raum. Das könnte einem Ostdeutschen im Westen auch passieren. 

Antwort: Daraufhin haben wir den Text zu „Scheiss Wessis” geschrieben, auch mit dem Gedanken im Hinterkopf, wie genial es sein würde, wenn uns das Publikum in Leipzig und Dresden aus vollem Hals „Scheiss Wessis” entgegenschreit. Die besondere Pointe ist unsere ironische Herangehensweise, dass wir über uns selbst als „Scheiss Wessis” lachen. Dann kam uns die Idee, dass es noch frecher wäre, wenn es ein ordentliches Gegengewicht gäbe. So wurde „Scheiss Ossis“ geboren, in dem Marten die Dinge aus seiner Perspektive aufzeigt. Es ist alles aus einer spielerischen Laune entstanden, mit der wir unsere Freundschaft feiern, die diese Grenzen nie kannte. Es wird zum Beispiel eine Wende-Jacke geben: Auf der einen Seite das Konterfei der Toten Hosen, auf der anderen das von Marteria.

Frage: Wie haben Sie beide sich kennengelernt?

Antwort: Bei einem Auftritt von ihm im Backstagebereich. Im Grunde war es Liebe auf den ersten Blick. Es hat keine 20 Sekunden gedauert, bis wir intensiv miteinander gesprochen haben. Sehr schnell stellten wir fest: Wir haben sehr häufig denselben Humor.

Frage: Kurz darauf schrieb Marten Laciny mit Ihnen am Tote-Hosen-Album „Ballast der Republik”.

Antwort: Ich hatte ihm gesagt, dass ich seine Texte sehr gut finde und selbst gerade in einer Schreibphase bin, in der ich mit mir hadere. Er sagte ganz spontan: Wenn du willst, komm einfach mal auf einen Kaffee vorbei und ich sag dir, was ich von deinen neuen Liedern halte. Das habe ich gemacht. Uns hat es dann so viel Spaß gemacht, über Musik und Lyrics zu reden, dass wir beschlossen haben, uns zum Schreiben zu verabreden. Mittlerweile ist es eine eingespielte Sache.

Frage: Also finden sich auch ein paar Zeilen von Ihnen auf Marterias jüngstem Album „5. Dimension”?

Antwort: Da habe ich nicht mitgewirkt. Ansonsten spielen wir uns gegenseitig alles vor, was wir machen. Meist hören wir unsere Demos in einem Frühstadium und geben dazu unseren Senf ab. Jeder kann dann daraus machen, was er will.

Frage: Und das obwohl Sie aus dem Punkrock und Marteria aus dem Rap kommen.

Antwort: Ich denke nicht in Genres, sondern unterteile in Musik, die ich mag und die ich eben nicht mag. So lege ich zum Beispiel auch mal eine Techno-Scheibe, Klassik oder alten Hardrock auf. Ich kenne da keine Grenzen und finde sie auch bei Marten nicht. Im Rap und Punkrock herrscht eine ziemliche Seelenverwandtschaft, nur drückt sich jede Generation anders aus. Das hat etwas mit Tabubrüchen und einem Leben abseits des Mainstream zu tun. Viele Punks von früher wären heute Rapper. Heutzutage findet in Deutschland der gesellschaftliche Diskurs am deutlichsten in der Hiphop- und Rap-Welt statt.

Frage: Die Toten Hosen sind auch eine Band, die der Gesellschaft immer den Spiegel vorgehalten hat.

Antwort: Das war immer eine Rolle, mit der wir gut klargekommen sind. Seit 1982 waren wir Underdogs. Wenn es unbequem wurde, haben wir dazu oft Worte gefunden und uns öffentlich positionieren können.

Frage: Im Mai erscheint das Geburtstagsalbum „Alles aus Liebe - 40 Jahre Die Toten Hosen“. Seit 1882 machen Sie zusammen Musik. Was ist Ihr Geheimrezept?

Antwort: Das Rezept ist nicht geheim, es ist offensichtlich: Wir haben als Freunde unseren Weg begonnen und waren keine musikalischen Ausnahmetalente. Es war uns wichtig, auf gute Freunde zu setzen und nicht auf großartige Musiker. Bei einem Marathonlauf wie unserem muss man immer wieder auch Krisen durchschreiten. Diese meistert man nur, wenn man miteinander tief befreundet ist und sich vertraut.

Frage: Was ist in Ihrer Karriere wahr geworden, was Sie 1982 niemals geahnt hätten?

Antwort: So ziemlich alles. Wir waren eine Spaßkombo. Ursprünglich wollten wir eine Big Band mit möglichst vielen Mitgliedern gründen. Es war nur kein anderer außer uns fünf daran interessiert. Wir sind nicht über Nacht berühmt geworden. Damals waren wir schon froh, wenn jemand Spritgeld geboten hatte, damit wir in seine Stadt kommen. Es hat uns Spaß gemacht, im Proberaum Krach zu machen. Musikalisch waren wir aber immer ehrgeizig und haben zum Beispiel im Dunklen im Proberaum geübt, um nicht auf die Gitarrengriffe gucken zu müssen. Wir konnten uns nicht vorstellen, davon einmal leben zu können. Aber wie man sieht, ist uns das doch ganz gut gelungen und es ist auch noch jede Menge Neugier da, die uns vorantreibt.  

Frage: Das klingt so, als wenn die Reise noch weitergeht.

Antwort: Zu Ende ist sie noch nicht. Wir haben mindestens noch den Sommer vor uns. Aber es ist völlig klar, dass wir in unserer Schlussphase stecken. Dieses herrliche Abenteuer wollen wir bis zuletzt auskosten und vielleicht noch ein Album aufnehmen. Vielleicht ist es dann das Letzte. Noch sind wir aber da und wir haben einen Riesenspaß, man muss sich also noch keine Sorgen um uns machen.

Frage: Und mit dem eigenen Plattenlabel JKP ist zudem für Nachwuchs gesorgt.

Antwort: Wir geben unser Bestes. Wir freuen uns, andere Bands und Projekte auf ihrem Weg begleiten können. Zum Beispiel die Antilopen Gang oder Feine Sahne Fischfilet. Es ist schön, Erfahrungen weiterzugeben und zugleich von den jungen Leuten akzeptiert zu werden.

Frage: Feine Sahne Fischfilet ist eine Punkrock-Band aus Mecklenburg-Vorpommern. Wie haben Sie zusammengefunden?

Antwort: Wir sind neugierig und hören uns immer Musik von Newcomern an. Irgendwann sind wir auf Songs von ihnen gestoßen, die uns sehr gefallen haben. Also haben wir sie zu einem Konzert von uns eingeladen. Dort haben wir sofort gemerkt, dass die Jungs eine richtige Gang sind - so wie wir früher. Inzwischen haben wir durch einige gemeinsame Aktionen gegen Rechts ein Grundvertrauen zueinander. Wir freuen uns, dass Feine Sahne Fischfilet uns bei vielen Konzerten im Sommer begleiten wird. Auch weil es Spaß macht, mit ihnen rumzuhängen.

Frage: Die Tour von Juni bis August wurde auch sehr amüsant angekündigt. Campino und Charly Hübner beim Angeln am Rhein. Ich dachte erst, es wäre Stralsund.

Antwort: Stralsund wäre auch schön gewesen. (Lacht.)

Frage: Mal davon abgesehen: Charly Hübner, Marteria, Feine Sahne Fischfilet, Campino beim „Nicht komplett im Arsch“ 2016, Jamel rockt den Förster 2015. Es scheint, die Band ist mit Mecklenburg-Vorpommern eng verbunden.

Antwort: Wir haben ganz viele, tolle Erlebnisse dort gehabt. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein echt gutes Konzert in Stralsund in den 1990ern. An dem Tag hatte ich Geburtstag. Von Rostock über Leipzig und Dresden hatten wir in den neuen Bundesländern richtig schöne, wilde Abende. Und überhaupt Charly Hübner. Der ist eine Granate, einer der tollsten deutschen Schauspieler, die wir zurzeit haben.

Frage: Also angeln Sie normalerweise auch zusammen?

Antwort: Das war nur für diesen Clip. Ich bin zu hibbelig, um ein guter Angler zu sein.

Frage: Im Gegensatz zu Freund und Musikerkollege Marteria.

Antwort: Ich geselle mich gern dazu und war schon das eine oder andere Mal mit ihm unterwegs. Wir haben aber eine klare Arbeitsteilung: Ich mache die Drinks auf, während er die Angel ins Wasser hält. Nicht viele Menschen sind so hart drauf beim Angeln wie Marten.

Frage: Da wären wir wieder bei Marteria und den „Scheiss Ossis” und „Scheiss Wessis”. Zu guter Letzt also ein Vorgeschmack auf die neuen Singles und das Musikvideo: Rotkäppchen oder Champagner?

Antwort: Seit dem Lied natürlich Rotkäppchen-Sekt. Da hat Schampus keine Chance mehr.

Frage: Villa oder Campingplatz?

Antwort: Unbedingt Camping. Aber Wildcampen ist das Motto. Auf normalen Campingplätzen geht es spießiger zu als in jeder Vorortsiedlung.

Frage: Und zum Schluss: Trabi oder Opel Admiral?

Antwort: Ich bin für Opel. Das muss so sein. Ich finde Trabis okay - aber wir sind die Jungs von der Opel-Gang, wir können da nicht mehr umschwenken.

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