Hamburg/Wien
Versagensängste: Warum großartige Menschen wie Du an sich zweifeln
Masterabschluss und trotzdem Versagensängste, Verlobung und gleichzeitig Angst vor einer Trennung: Warum das Imposter-Phänomen uns an uns zweifeln lässt, obwohl es keinen Grund dafür gibt.
In diesem Artikel erfährst Du:
Wann warst Du das letzte Mal so richtig stolz auf Dich? Hast nach dem Bestehen einer Klausur gefeiert oder beim Abschluss eines Projekt nicht nur Deinen Kollegen, sondern auch Dir selbst auf die Schulter geklopft? Wenn Du an ein Erlebnis in den vergangenen Tagen gedacht hast: Klasse! Dann darf Du jetzt aufhören zu lesen und kannst Dir einen anderen Artikel aussuchen. Für alle anderen ist dieser Text.
Denn Du bist es, der das Gefühl von Unsicherheit kennt, dass Du Deinen Erfolg nicht verdienst. Dass Du Dich durch das Erwachsenenleben durchmogelst und Deine Fassade als guter Student oder verantwortungsbewusstem Angestellten irgendwann in sich zusammenfällt - es muss doch langsam mal jemandem auffallen, dass Du nur so tust, als könntest Du das, wofür Du gelobt, bezahlt und befördert wirst...
Wenn Du jetzt denkst: „Genau so fühle ich mich!“, dann habe ich eine gute Nachricht für Dich - am Ende dieses Textes wirst Du Dich nicht mehr so fühlen. Denn vermutlich liegt es am Imposter-Phänomen (manchmal auch Hochstapler-Syndrom genannt), dass Du Dich so fühlst. Und um das zu überwinden, ist das Wissen darüber der erste Schritt zur Besserung.
Marlene Kollmayer arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung der Universität Wien und forscht seit Jahren zum Imposter-Phänomen. „Was das Imposter-Phänomen von ,gesunden Selbstzweifeln‘ unterscheidet, sind der Leidensdruck und die Auswirkungen auf die persönliche Motivation. Wenn man hin und wieder denkt, dass nicht alles grandios war, führt das ja nicht dazu, dass man leidet, sich verstecken oder kündigen will“, erklärt die Wissenschaftlerin.
Doch wie zeigt sich das Imposter-Phänomen konkret? Ein Beispiel: Du bekommst eine neue Aufgabe bei der Arbeit, die Dich zwar fordert, aber auf Deinen Fähigkeiten und Qualifikationen aufbaut. Das sollte eigentlich kein Problem für Dich sein? Wer am Imposter-Phänomen leidet, spürt statt gesundem Respekt nur eines: Angst.
Obwohl man bereits gut vorbereitet sei, fixiere man sich auf Details und schlage sich die Nacht vorher um die Ohren, erklärt sie.
Der nächste Morgen: Du hast den Vortrag gerockt, die Klausur mit links geschafft oder den Kunden überzeugt. Herzlichen Glückwunsch? Nein, Du denkst: „Nochmal Glück gehabt, das war knapp“ oder „Das habe ich nur geschafft, weil ich mich so intensiv vorbereitet habe, einem anderen wäre es sicher viel leichter gefallen“.
Dieser negative Kreislauf hat Auswirkungen weit über die einzelne Aufgabe hinaus: Denn oft haben betroffene Personen Angst vor dem nächsten Karriereschritt oder scheuen einen Arbeitgeberwechsel, weil sie denken, sie würden dann „auffliegen“.
Das sei die Krux am Imposter-Phänomen: Egal was passiert, es ist nichts Gutes. Wenn es gut ausgeht, ist es schlecht, und wenn es schlecht ausgeht, ist es sowieso schlecht, erklärt die Wiener Wissenschaftlerin.
Auch zu Hause kann das Imposter-Phänomen betroffenen Personen das Leben zur Hölle machen: Sie haben oft ein geringes Selbstwertgefühl, denken, nicht dazuzugehören und haben Angst, zu sich selbst und ihren Interesse zu stehen. „Man denkt: Wenn ich ich selbst bin, ist es vorbei“, fasst es Kollmayer zusammen.
Doch so schlimm das alle klingt: Um eine Krankheit handelt es sich beim Imposter-Phänomen nicht, weswegen der Begriff „Imposter-Syndrom“, von dem Du vielleicht schonmal gehört hast, auch nicht wirklich passend ist. „Das Imposter-Phänomen ist ein Komplex verschiedener emotionaler und motivationaler Faktoren und kann im schlimmsten Fall mit Depressionen und Angststörungen einhergehen. Aber in frühen Phasen ist es erleichternd, wenn man es nicht als eine Krankheit sieht, sondern diese Gefühle als etwas annimmt, was nicht schlimm ist, und auch nicht heißt, dass man sofort in Therapie muss.“
Wie ist das bei Dir?
Denn nicht mit Dir ist etwas falsch, sondern mit unserem gesellschaftlichen Umgang mit Leistungen. Gerade in Bereichen, in denen man nur das fertige Produkte der Arbeit sieht und seinen eigenen steinigen Weg mit den scheinbar perfekten Ergebnissen von anderen vergleicht, kommt es zum Imposter-Phänomen. „Es wirkt alles bei den anderen leichter als bei einem selbst“, erklärt die Psychologin. Frauen, denen „das Diktat der Bescheidenheit anerzogen ist“, fällt es schwerer als Männern, ein realistisches Bild von den eigenen Leistungen zu haben. Das gleiche gilt für Bereiche und akademische Disziplinen, in denen man von erwartet, dass dafür ein besonderes Talent notwendig sei wie in Naturwissenschaften. Diese seien ein „Nährboden für das Imposter-Syndrom“, wie Kollmayer erklärt, womit sie einen der vielen Gründe erklärt, warum in manchen Bereichen deutlich weniger Frauen arbeiten als Männer.
Verstärkt wird das Imposter-Phänomen bei manchen durch die Arbeitskultur in vielen Bereichen: Kaum konstruktives Feedback, schlechte Kommunikation und Konkurrenz untereinander. Das Arbeitsumfeld generell und Dein Boss in Person haben es also in der Hand, Dein Imposter-Syndrom zu lindern oder zu verschlimmern.
Bereits in der Schule wird nur die Leistung belohnt, nicht die Anstrengungen und Mühen, die das Kind auf sich genommen hat. Dadurch werde dem Kind vermittelt, dass harte Arbeit nicht so viel Wert ist wie Talent, erklärt die Psychologin.
Ein anderes Verhältnis zu Leistungen, eine bessere Feedbackkultur und eine stärkere Berücksichtigung der Anstrengungen: Wäre so unsere Gesellschaft, würden wohl deutlich weniger Menschen am Imposter-Phänomen leiden. Doch das können wir nur gemeinsam schaffen. Drei Tipps hat Kollmayer für alle, die sich selbst Mut zusprechen wollen:
Schritt drei hast Du bereits erfüllt!