Hamburg/Kiel

Pflanzliche Mittel? Warum viele Medikamente nicht vegan sind

Julia Wadle
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Von Julia Wadle
| 28.03.2022 18:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Auf Medikamente verzichten, weil sie tierische Inhaltsstoffe enthalten, und dafür gesundheitliche Risiken in Kauf nehmen? (Symbolbild) Foto: Altin Ferreira/Unsplash
Auf Medikamente verzichten, weil sie tierische Inhaltsstoffe enthalten, und dafür gesundheitliche Risiken in Kauf nehmen? (Symbolbild) Foto: Altin Ferreira/Unsplash
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Warum tierische Bestandteile immer noch in einem Großteil der Medikamente vorkommen, erklärt Pharmazie-Professorin Regina Scherließ von der Uni Kiel.

In diesem Artikel erfährst Du:

Dass in Gummibärchen, Pesto oder Parmesan tierische Inhaltsstoffe enthalten sein können, wissen inzwischen vermutlich die meisten. Auch dass Saft, Wein oder Cornflakes nicht immer vegan sind, ist zumindest vielen vegetarisch und vegan lebenden Menschen bekannt. Aber hast Du Dir schon einmal darüber Gedanken gemacht, was in Deinen Vitamin-D-Tabletten, Kopfschmerzmitteln oder der Antibaby-Pille steckt?

„Bei Medikamenten sind die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit die wichtigsten Kriterien, alles andere ordnet sich dem unter“, erklärt Regina Scherließ. Professorin für Pharmazeutische Technologie und Biopharmazie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Ob ein Medikament vegan ist oder nicht, richtet sich nicht nur danach, welche Wirk- und Zusatzstoffe verwendet werden. Vegan lebende Menschen verzichten zusätzlich zu Lebensmitteln tierischen Ursprungs auch auf an Tieren getestete Kosmetik oder einen Besuch im Zoo, wie die Tierschutzorganisation Peta erklärt:

Um ein für Menschen unbedenkliches Medikament zu entwickeln, werden Tierversuche nach wie vor als unerlässlich angesehen, wie der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Dr. Martin Stratmann, erklärt: „Grundsätzlich gilt für jedes Medikament mit wissenschaftlich belegter Wirksamkeit: Ohne Versuche an Tieren hätte es nicht entwickelt werden können.“

An welchen Stellen der Entwicklung Tierversuche erforderlich sind, erfährst Du in diesem Video:

Berücksichtigt man dagegen nur die Wirk- und Zusatzstoffe, sieht es schon anders aus. Es gebe eine Menge Präparate, die, ohne dass sie bewusst so produziert worden wären, keine tierischen Bestandteile haben, erklärt die Pharmazeutin. Diese als solche zu erkennen, ist jedoch nicht immer leicht:

Während manche davon nur tierischen Ursprung seien können, gibt es für andere auch pflanzliche Alternativen. Immer tierischen Ursprungs ist die Lactose (Milchzucker), ein typischer Füllstoff in vielen Tabletten und Kapseln. „Milchzucker kommt natürlich aus der Molke, einem Abfallprodukt, das in vielen milchverarbeitenden Betrieben entsteht. Aus der Molke wird der Milchzucker aufgereinigt und auskristallisiert“, erklärt Scherließ. Auch für die Produktion von Honig oder Wollwachs müssen keine Tiere sterben.

Gelatine gehört zu den Substanzen, die direkt aus tierischem Ausgangsmaterial gewonnen werden. Aus kollagenhaltigen Schlachtabfällen wie Rinderknochen werden die organischen Bestandteile aus dem Knochen geholt, aufgearbeitet und weiterproduziert.

Selbst wenn einzelne Substanzen mit pflanzlichen Alternativen ersetzt werden könnten, gibt es gute Gründe, auf tierische Produkte zurückzugreifen:

Ist in einem Medikament Chitosan enthalten, kann es tierischen oder pflanzlichen Ursprungs sein. Gleiches gilt für das Magnesiumstearat, ein Schmiermittel, das in vielen Tabletten beigesetzt wird.

Speziell gezüchtet für die Produktion von Medikamenten werden Blattläuse, um Schellack zu gewinnen, und Honigbienen. Letztere werden besonders in homöopathischen Mitteln verwendet.

Auch wenn die Frage, ob ein Medikament vegan ist, in der Arzneimittelentwicklung eine nachgeordnete Rolle spielt, gibt es mehrere gute Argumente, die dafür sprechen:

Ein Beispiel hierfür sei der BSE-Skandal Ende der 1990er-Jahre gewesen. Gerade wenn Länder unterschiedliche Anforderungen an das tierische Ausgangsmaterial stellen und Zertifikate nur aus bestimmten Teilen der Welt akzeptieren, steht die pharmazeutische Industrie vor Herausforderungen.

Auch Allergien gegen einzelne Inhaltsstoffe können Gründe sein, auf tierische Produkte zu verzichten, erklärt Scherließ. So könnte es in Einzelfällen passieren, dass Milchproteine in Lactose enthalten sind. Das könne für Patienten mit einer Milchproteinallergie bereits bei kleinen Menge gefährlich sein. Dies auszuschließen, sei mit erheblichem Aufwand verbunden. Gleiches gelte für Pestizide, die durch die Umwelt des Schafs in Wollfett und so gegebenenfalls in das Medikament gelangen

Bereits umgestellt von einer tierischen zu einer biotechnologischen Produktion wurde die Insulinproduktion. „Heutzutage muss ich mir nicht eine riesige Schweinefarm halten und die Tiere über Jahre großziehen, um Insulin daraus zu gewinnen, sondern kann in einem kontinuierlichen Verfahren sehr konstant Wirkstoffe biotechnologisch herstellen“, erläutert die Pharmazeutin. Es handele sich um ein effizienteres Verfahren, das geringeren Schwankungen ausgesetzt sei, was die Qualitätskontrolle erleichtere.

Dass ein Hersteller bewusst ein für vegetarische oder vegane Ernährung geeignetes Medikament herstellen möchte, sei in den wenigsten Fällen die zentrale Motivation für eine Entwicklung.

Erst in einem viel späteren Schritt der Entwicklung werde darüber nachgedacht, ob es pflanzliche Alternativen für einzelne Substanzen geben könnte. Sobald ein Medikament auf dem Markt ist, ist eine Veränderung der Rezeptur zudem nicht so einfach möglich. Die gezielte Auswahl von Arznei- und Hilfsstoffen passiere immer nur dann, wenn ein Präparat neu entwickelt werde. Da jedoch viele hunderttausende Präparate sind bereits seit Jahrzehnten auf dem Markt seien, wäre bei diesen eine Umentwicklung mit einem erheblicher Aufwand und mit erheblichen Kosten verbunden, wie Scherließ erklärt.

Diese auf sich zu nehmen, lohne sich für Pharmakonzerne nur, wenn sie dadurch eine sehr große Anzahl an neuen Kunden gewinnen würde. Doch gerade bei verschreibungspflichtigen Medikamenten gelte es aus Perspektive eines Pharmakonzerns nicht nur, den veganen Endkunden zu erreichen, sondern auch einen Arzt, der diese verschreibt. Eine verhältnismäßig kleine Zielgruppe, lange Zulassungsverfahren und wieder zahlreiche Tests an Tieren und Menschen: Dass bereits existierende Medikamente im großen Stil veganisiert werden, schließt Regina Scherließ deswegen aus.

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