Pandemie

Schwänzen in der Schule nimmt durch Corona zu

Martin Alberts
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Von Martin Alberts
| 31.03.2022 11:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Thomas Thor ist Leiter der Fachstelle Schulvermeidung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Region Hannover. In dieser gestellten Szene spricht er vor einer Schultafel stehend mit Schulvermeidern. Foto: Frankenberg/DPA
Thomas Thor ist Leiter der Fachstelle Schulvermeidung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Region Hannover. In dieser gestellten Szene spricht er vor einer Schultafel stehend mit Schulvermeidern. Foto: Frankenberg/DPA
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Vielerorts in Niedersachsen verzeichnen die Behörden einen Anstieg bei den unentschuldigten Fehltagen in der Schule – so auch im Landkreis Wittmund. Es werden schwere Folgen befürchtet.

Ostfriesland/Hannover - Nach mehr als zwei Jahren Corona fällt einigen Kindern und Jugendlichen der regelmäßige Schulbesuch schwer. Nach Auskunft der Region Hannover steigt die Nachfrage nach Beratung zum Thema Schulverweigerung. Bei Kindern, die schon vor der Pandemie von Entwicklungsrisiken betroffen waren, müsse eine gute Begleitung und Unterstützung für die nächste Zeit gesichert werden, sagte Andrea Hanke, Dezernentin für Soziale Infrastruktur der Region Hannover. „Unser Eindruck als Schulträger ist, dass sich das Thema Schulabstinenz in der Pandemie verschärft hat“, teilte auch die Stadt Wilhelmshaven mit.

Auch im Landkreis Wittmund ist zu erkennen, dass das Problem zunimmt, wie die dortige Verwaltung auf Anfrage unserer Redaktion mitteilte: Zwar sei die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die den Unterricht schwänzen, seit Beginn der Pandemie relativ konstant geblieben, jedoch würden eben diese Schüler inzwischen häufiger fehlen als noch vor Corona. So wurden laut Angaben des Landkreises im Schuljahr 2019/2020, in das auch der Beginn der Pandemie fällt, insgesamt 84 sogenannte Schulvermeider gemeldet. Im darauffolgenden Jahr seien es 77 gewesen und im laufenden Schuljahr bisher 73. Man gehe davon aus, dass bis zu den Sommerferien noch einige dazukommen.

Regelmäßige Schulschwänzer fehlen jetzt noch häufiger

Zugenommen habe hingegen die Zahl der unentschuldigten Fehltage im Kreis Wittmund: Im Schuljahr 2019/2020 seien es 2964 gewesen, im darauffolgenden Jahr bereit 3221. „Hieraus lässt sich schließen, dass die Zahl der Langzeitvermeider zugenommen hat“, teilte Landkreissprecher Ralf Klöker mit. Auch im laufenden Schuljahr seien bereits 2680 Fehltage gemeldet worden. „Da das Schuljahr erst in circa vier Monaten endet und die Erfahrungswerte zeigen, dass im zweiten Schulhalbjahr deutlich mehr Meldungen von den Schulen eingehen, ist damit zu rechnen, dass in diesem Jahr die Anzahl der unentschuldigten Fehltage die Zahl aus dem Vorjahr noch übersteigen wird“, so Klöker.

Im Gegensatz zu den Fehltagen konstant geblieben sei die Zahl der Bußgelder, die der Landkreis Wittmund wegen des Schulschwänzens habe verhängen müssen: Im Schuljahr 2020/2021 seien es 99 gewesen, im laufenden Jahr bisher 46. Dies ist auch aus dem Landkreis Aurich zu hören: Einen Anstieg habe man diesbezüglich nicht feststellen können, teilte Kreissprecher Rainer Müller-Gummels auf Anfrage mit.

Längst nicht überall gibt es einen Anstieg zu verzeichnen

Die Stadt Emden beobachtet nach eigenen Angaben keine Verschärfung des Problems der Schulvermeidung. Gleiches gilt für die Landkreise Osterholz und Hildesheim. Landesweite Zahlen zu unentschuldigten Fehlzeiten von Schülerinnen und Schülern liegen laut niedersächsischem Kultusministerium nicht vor.

Im Landkreis Harburg aus wurden im vergangenen Jahr 517 Schulversäumnis-Meldungen registriert, 2020 waren es 349 und 2019 – also vor der Pandemie – 399. „Grundsätzlich befinden sich Schülerinnen und Schüler, die nicht regelmäßig zur Schule gehen, in schwierigen Lebenslagen“, sagte ein Behördensprecher. Diese seien im Verlauf der Pandemie oft noch schwieriger geworden.

Kontakt zu Schülern geht durch das Distanzlernen verloren

Auch im Kreis Wittmund kennt man diese Entwicklung: Bereits im vergangenen Jahr habe das Jugendamt im Gespräch mit weiteren Behörden, dem Präventionsrat Harlingerland und den Schulen angemerkt, dass die Pandemie die Arbeit mit den Familien deutlich erschwert habe, so Klöker. Auch von den Schulen sei die Rückmeldung gekommen, dass der Kontakt zu manchen Schülerinnen und Schüler durch das Distanzlernen verlorengegangen sei und diese für die Schulen kaum noch greifbar seien. Der Landkreis Leer teilte auf Anfrage unserer Redaktion mit, dass dem Jugendamt einige Fälle bekannt seien, in denen Eltern ihre Kinder derzeit nicht zur Schule schicken und dies mit Corona begründen würden. „Sofern wir davon Kenntnis erlangen, wird Kontakt mit den Familien aufgenommen und es werden Möglichkeiten gesucht, um das Kindeswohl sicherzustellen“, teilte Kreissprecher Jens Gerdes mit.

„Das Phänomen Schulvermeidung hat zugenommen“, sagte Thomas Thor, Leiter der Fachstelle Schulvermeidung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Region Hannover. Die betroffenen Schülerinnen und Schüler erhalten nach seiner Beobachtung in der Regel zu spät Hilfe. „Die Kinder bleiben lange unter dem Radar.“ Oft seien ohnehin halbe Klassen wegen positiver Corona-Tests krank, in Einzelfällen ließen Eltern ihre Kinder zu Hause, weil sie das Tragen von Masken im Unterricht und die Selbsttests ablehnen.

Experte will nicht den Lehrkräften die Schuld geben

Befragungen zufolge fehlen rund drei bis vier Prozent aller Schülerinnen und Schüler immer wieder längere Zeit in der Schule. Statistische Daten gibt es kaum. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung berichteten 26 Prozent der im September 2021 bundesweit befragten Lehrkräfte von einem Anstieg von Schulabsentismus seit dem Frühjahr 2020. An Schulen in sozialen Brennpunkten bejahten sogar 35 Prozent einen solchen Anstieg.

Thor glaubt, dass die weitreichenden Folgen der Pandemie erst in den kommenden Jahren deutlich werden. Die Stadt Braunschweig erwartet gar, dass als langfristige Corona-Folge vor allem Kinder aus bildungs- und finanzschwächeren Familien keine oder schlechter qualifizierte Schulabschlüsse erlangen werden. Es sei weit mehr Personal notwendig, um nach zwei Jahren Pandemie auf Lernrückstände oder auf die psychischen Probleme einzelner Schülerinnen und Schüler einzugehen, sagte Thor. Den Lehrkräften will er keinen Vorwurf machen: „Sie müssen Noten produzieren, Leistungen bewerten, das ist ihr Hauptgeschäft, das fordert das Bildungssystem.“

Mit Material von DPA

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