Frankfurt
Fußball-Stiftungen: „Wer oben ist, darf die unten nicht vergessen!“
Viele Fußballer engagieren sich in Stiftungen. Kolumnist Udo Muras hat nun eine besondere Preisverleihung der Sepp-Herberger-Stiftung besucht, die ihm Hoffnung gemacht hat.
Falls es jemanden interessiert, wo ich zu Wochenbeginn war: auf einer Oscar-Verleihung! Keiner richtigen zwar, dafür wurde zu wenig geohrfeigt, geheult oder den Eltern gedankt. Die Gewinner nahmen sich alle nicht allzu wichtig, es waren Helden des Vereinsalltags.
Die Stiftung des Alt-Bundestrainers Sepp Herberger ehrte anlässlich dessen 125. Geburtstags das Ehrenamt und vergab „Awards“, die zwar nicht so golden glänzten wie die in Hollywood, dafür aber war das Strahlen in den Gesichtern derjenigen, die sie erhielten, irgendwie viel authentischer.
Endlich sieht sie einer, endlich bekommen sie Resonanz dafür, dass sie Kinder von der Straße holen, dass sie Strafgefangenen Werte vermitteln, dass sie in Pandemiezeiten kreative Lösungen zum Fortleben der Vereine mittels Digitalisierung entwickeln. Und dass sie Flüchtlinge integrieren und Menschen helfen, die Schicksalsschläge erlitten haben.
Es ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was da am Montag im Schatten des Gendarmenmarkts beleuchtet wurde und es tut in diesen unfriedlichen Zeiten doppelt gut zu sehen, mit wie viel Selbstlosigkeit Menschen im Stillen wirken.
All das wäre gewiss im Sinne des Gründers der Stiftung gewesen, von dem so viele Sprüche und Lebensweisheiten bekannt sind. Dass der Ball rund ist und das Spiel 90 Minuten dauert, der nächste Gegner immer der schwerste sei und man am besten gewinnt, wenn elf Freunde auf dem Platz stünden.
Herbergers wichtigster Satz ist keine Fußballweisheit und wurde zum Motto der einen Monat vor seinem Tod im April 1977 gegründeten Stiftung: Wer oben ist, darf die unten nicht vergessen! In diesem Sinne handelte der Alte von der Bergstraße noch in Tagen als Fußballer noch nicht mit obszönen Gehältern zugeschüttet wurden. Wodurch heute so mancher Kicker zu den oberen Zehntausend zählt, aber leider so viel Bodenhaftung verloren hat, dass ihm beim Blick nach unten schwindelig werden muss, so dass er es gleich wieder sein lässt.
Der Montagabend in Berlin war voller Gegenbeispiele und mancher Festgast wunderte sich, wie viele Fußballer ebenfalls Stiftungen gegründet haben oder für sie aktiv sind. Von Franz Beckenbauer weiß man es. Der Kaiser wurde ebenfalls ausgezeichnet. Aber auch Philipp Lahm, Jimmy Hartwig, Pierre Littbarski, Hansi Müller, Ewald Lienen oder Otto Rehhagel stehen für soziales Engagement, wozu sie niemand gezwungen hat. Viele Ungenannte seien um Nachsicht gebeten, hier entsteht kein Buch, nur eine Kolumne.
Es geht ihnen allen darum „einfach etwas zurückzugeben“, um den Ex-Schalker Gerald Asamoah zu zitieren, der ebenfalls einer Stiftung vorsitzt. Nicht alle Einwanderer aus Afrika haben vor 40 Jahren so ein gutes Leben führen können wie seine Familie, „Asas“ Integration in Schule und Verein ist ein Musterbeispiel dafür wie es gehen kann. Er kam als kleiner Junge aus Ghana und als Mann stand er für Deutschland im WM-Finale. Er hat als Profi Erfahrungen mit Rassismus gemacht, aber sich nie unterkriegen lassen, wurde ein Publikumsidol und hat immer ansteckend gute Laune.
Viele von denen, die heute zurückgeben, wissen wie es unten ist. Sepp Herberger selbst musste nach dem Tod des Vaters als 14-jähriger Hilfsarbeiter Mutter und Schwestern versorgen, konnte deshalb kein Abitur machen und blieb sein Leben lang demütig.
Kaum bekannt die Anekdote, dass er die Prämie für die Weltmeister von 1954, die der DFB im Überschwang auf 5000 DM pro Kopf ansetzen wollte, auf 1000 kürzen ließ (und 200 DM pro Einsatz). So blieben seine Helden von Bern (fast) alle auf dem Boden und vergaßen die nicht, für die sie spielten. Fritz Walter und Horst Eckel gründeten eigene Stiftungen. All das unter dem Dach des viel gescholtenen DFB, dessen neuer Präsident Bernd Neuendorf so viel Kluges und Sympathisches von sich gibt, dass wir auch im Fußball auf eine Zeitenwende hoffen können. Zum Guten.