Aachen

Warum Alkohol schlimmer ist als Cannabis

Sina Wilke
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Von Sina Wilke
| 31.03.2022 17:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
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Der Suchtforscher Daniel Deimel fordert eine Reform der Drogenpolitik. Im Interview spricht er über die gefährlichste Droge Alkohol, die Biografien von Suchtkranken und Gefängnisse als Super-Spreading-Orte.

Der Suchtforscher Prof. Dr. Daniel Deimel arbeitet an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen (katho) und am Deutschen Institut für Sucht- und Präventionsforschung (DISuP). Zusammen mit seinem Kollegen Prof. Dr. Heino Stöver (Frankfurt University of Applied Sciences) fordert er die Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten, bessere Suchttherapien im Strafvollzug und eine Regulierung der Cannabis-Abgabe.

Frage: Herr Deimel, warum ist eine Reform der Drogenpolitik in Ihren Augen überfällig?

Antwort: Momentan werden Drogenkonsumenten stigmatisiert, ausgegrenzt und kriminalisiert, und es wird ein sehr teurer, großer Apparat für ihre Strafverfolgung am Leben erhalten, der aber wenig effektiv ist.

Frage: Die Ampel-Regierung will Cannabis legalisieren. Reicht das?

Antwort: Die Pläne der Bundesregierung sind erste wichtige Schritte. Ein weiterer Punkt, dessen sich die Koalition annehmen sollte, ist die Entkriminalisierung von allen Drogenkonsumenten nach dem Vorbild von Portugal. Außerdem sollte auch über die Legalisierung anderer Drogen nachgedacht werden, vor allem Ecstasy – eine Substanz mit hoher Verbreitung und geringem Risikopotenzial. 

Frage: Aber würde man Drogen nicht verharmlosen, wenn man sie legalisiert? Dass sie nicht erlaubt sind, schreckt doch ab...

Antwort: Nein, Kriminalisierung hat präventiv keinen Effekt. In Deutschland ist Cannabis illegal, trotzdem hat jeder Vierte es in seinem Leben konsumiert – eine abschreckende Wirkung hat das Verbot offenbar nicht. Und wenn wir in Länder mit einer liberalen Drogenpolitik wie Kanada oder Portugal schauen, gibt es nur kurzfristig einen Anstieg des Konsums, langfristig aber eindrucksvolle Effekte: In Portugal etwa ist die Mortalität von Drogenkonsumenten deutlich zurückgegangen. 

Frage: Die Niederlande leiden unter den Auswüchsen ihrer liberalen Drogenpolitik. Dort tobt ein Bandenkrieg, im letzten Jahr wurde der Kriminalreporter Peter de Vries auf offener Straße erschossen. Kein besonders gutes Vorbild...

Antwort: Niederlande ist ein ungünstiges Beispiel, weil sie zwar den Verkauf, nicht aber die Produktion und den Erwerb von Cannabis durch die Coffeeshops reguliert haben. Das ist nach wie vor Schwarzmarkt und öffnet die Tür für die organisierte Kriminalität. Deshalb fordern wir, dass auch Anbau und Vertrieb von Cannabis staatlich reguliert sein müssen. Außerdem ist es eine Mär, dass ein Anstieg von Cannabis-Konsumenten zu einem Anstieg von Heroinkonsumenten führt. Die Einstiegsdrogen in Deutschland sind Alkohol und Tabak.

Frage: Sind Schnaps und Zigaretten in Ihren Augen zu salonfähig?

Antwort: Ja, sie sind gesellschaftlich akzeptiert, verhältnismäßig günstig und sehr gut verfügbar, dabei sind sie volkswirtschaftlich und gesundheitspolitisch die viel größeren Problemfälle als die sogenannten harten Drogen. Alkohol ist ein Zellgift, das für 200 unterschiedliche Krankheiten verantwortlich ist, in Deutschland einen jährlichen Schaden von 57 Milliarden Euro und 74.000 Todesfälle pro Jahr verursacht! Der britische Suchtforscher David Nutt hat zusammen mit anderen Wissenschaftlern eine Einteilung vorgenommen, wie gefährlich Substanzen für den Einzelnen und die Gesellschaft sind: Alkohol ist in ihren Augen am gefährlichsten, auch im Vergleich zu Heroin und Kokain. Wenn Sie Alkohol heute erfinden würden, würden Sie niemals eine Zulassung als Nahrungs- und Genussmittel bekommen, niemals!

Frage: Was schlagen Sie vor?

Antwort: Wir fordern eine Einteilung von Substanzen gemäß dem wissenschaftlichen Forschungsstand – die Unterscheidung in weiche und harte Drogen ist Unsinn. Auf Alkohol bezogen, müsste man den Verkauf stark einschränken, man dürfte ihn nicht 24/7 an jeder Tankstelle bekommen, und der Preis müsste deutlich steigen.

Frage: Dass Alkohol schadet, ist bekannt. Trotzdem hat die Politik bislang nicht reagiert – weil der Staat so viele Steuern damit einnimmt?

Antwort: Nein. Die Einnahmen über die Alkoholsteuern stehen in einem Missverhältnis zu den exorbitanten Ausgaben, die wir durch die Schäden des Konsums haben. Aber ein Politiker kriegt keinen Wahlkreis gewonnen, wenn er fordert, Alkohol höher zu besteuern oder den Verkauf einzuschränken.

Frage: Cannabis und Ecstasy sollte man also in Ihren Augen ähnlich behandeln wie Alkohol: legaler, staatlich regulierter Verkauf. Und doch: Drogen sind gefährlich. Cannabis etwa hat heute einen höheren Anteil der psychoaktiven Substanz THC als früher. Ist es nicht riskant, sie legal zu verkaufen?

Antwort: Das wird ja bei Alkohol schon längst gemacht! Und da sagt auch niemand: Wir verbieten Alkohol, weil es so gefährlich ist, und dann braut jeder in seinem Keller, wie er lustig ist. Natürlich, sämtliche Substanzen bergen Risiken, und Cannabis ist gerade für junge Menschen ein Problem, weil es zu psychischen und schulischen Problemen führen kann. In der letzten Dekade hat sich der THC-Gehalt in Cannabis verdoppelt bis hin zu verdreifacht. Wenn wir das aber unter staatlich regulierten Bedingungen produzieren würden, wäre es ein viel besserer Verbraucherschutz: Mündige Konsumenten könnten sich in den Geschäften informieren, und der Staat könnte festlegen, was genau in den Substanzen enthalten ist und wie stark sie sind.

Frage: Die härteren Sachen würden dann wahrscheinlich doch wieder auf dem Schwarzmarkt verkauft...

Antwort: Ganz trockenlegen kann man den Schwarzmarkt wahrscheinlich nicht, aber man kann ihn deutlich einschränken. Und die Gelder, die jetzt in die Strafverfolgung fließen, kann man für Suchtforschung, effektive Prävention und Therapien nutzen.

Frage: Es gibt doch Suchttherapien, reichen die nicht aus?

Antwort: Wir haben ein sehr gut ausgebautes Suchthilfesystem in Deutschland, aber wir erreichen noch zu wenige Menschen, und die zu spät. Im Mittelwert dauert es zehn Jahre, bis ein Alkoholiker in einer Therapie ankommt. Einerseits schreckt die Abstinenzorientierung in den Kliniken viele Menschen ab: Sie haben Angst, dass sie ein Leben lang auf eine oder sogar alle Substanzen verzichten müssen. Außerdem fällt es Konsumenten illegaler Substanzen besonders schwer, sich in einer Beratungsstelle zu öffnen, weil sie ja strafbare Handlungen begangen haben. Es wäre viel besser, wenn sie sich nicht dafür schämen müssten.

Frage: Sie sollen also nicht als Kriminelle im Gefängnis landen, sondern als Kranke in der Therapie?

Antwort: Ja, oder zumindest als Konsumenten, die ihren Konsum reflektieren wollen. Nur ein Bruchteil der Drogenkonsumenten sind ja wirklich krank, es gibt viele, die gut klarkommen. Und in Haftanstalten wird die Schizophrenie der Drogenpolitik besonders deutlich: Offiziell darf es hier ja keine Drogen geben, faktisch kriegen Sie in jeder Haftanstalt alles an Substanzen! Und weil hier keine sterilen Spritzbestecke ausgegeben werden, sind das auch epidemiologische Hotspots, etwa für die Übertragung von Hepatitis. Das sind wahre Super-Spreading-Events! Außerdem gibt es dort einen deutlich schlechteren Zugang zu Therapien und Substitutionsbehandlungen.

Frage: Können Sie Leute verstehen, die mit Ihren Steuergeldern keine Spritzbestecke oder Suchttherapien subventionieren wollen? Die sagen, Süchtige seien selbst Schuld... 

Antwort: Das ist die Schizophrenie im Diskurs: Bei der einen Erkrankung wird über die moralische Perspektive diskutiert, bei der anderen nicht. Es gibt auch viele Lebensweisen, die zu Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Soll man jetzt jemandem die Schuld zuweisen? Ich habe zehn Jahre lang mit Heroinkonsumenten gearbeitet und im Laufe der Zeit gedacht: „Wenn ich das erlebt hätte, hätte ich auch Heroin genommen.“ Denn die Droge funktioniert total gut, um das Leid auszuschalten und sich einen Moment lang geborgen zu fühlen. Das hat überhaupt nichts mit Schuld zu tun. Die Erkrankten sind ja nicht verantwortlich dafür, dass sie als Kinder missbraucht wurden, in einem Krieg aufgewachsen sind oder schwere Gewalt erfahren haben.

Frage: Forderungen nach einer Reform der Drogenpolitik gibt es seit Langem. Warum tut sich Deutschland so schwer damit?

Antwort: Weil es kulturell so gesetzt ist, es passt nicht ins konservative Weltbild. Und ich denke auch, dass man durch die Kriminalisierung „harter Drogen“ von Alkohol und Tabak ablenkt. Dabei muss man sich nur mal ansehen, welche Ressourcen freigesetzt würden für die Verfolgung organisierter Kriminalität. Es ist doch unglaublich, dass ein großer gesellschaftlicher Schaden durch Konzerne wie Wirecard verursacht wird, aber gleichzeitig ein ganzes Justizsystem lahmgelegt wird, weil es sich mit den Endkonsumenten von Cannabis beschäftigt. Wie schizophren ist das denn?

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