Riga
Wir sind Putins nächste Opfer! Was Letten jetzt fürchten
Lettland grenzt direkt an Russland und Belarus - wie die Ukraine. Unser Volontär war in Lettland unterwegs und hat die Menschen dort gefragt, wie sie sich wegen des Ukraine-Kriegs aktuell fühlen.
„Es ist nicht irgendein Krieg in Syrien. Der Krieg ist sehr nah, wir verstehen das hier. Ich fühle mich aber sicher und habe keine Angst“, sagt Harijs Grundmans (36), der in Riga als Illustrator arbeitet. Am Morgen nach dem Angriff habe er sofort gedacht, dass er seine Meinung ausdrücken will. Daher habe er mit 39 anderen Menschen eine etwa 70 Meter lange und knapp fünf Meter hohe Wand in Riga bemalt - hauptsächlich in den Farben blau und gelb.
Martins Sirmais ist einer der bekanntesten Köche des Landes und war auch schon im lettischen Fernsehen zu sehen. „Wir akzeptieren den Krieg, denn wir haben immer gewusst, dass das passiert“, sagt der 39-Jährige. „Natürlich fürchte ich mich. Jeder tut das. Das geht gar nicht anders! Niemand weiß, was als nächstes passiert. Klar ist nur, dass Putin auch die baltischen Länder zurückhaben will.“ Wichtig sei deshalb, dass man nun die schönen Seiten des Lebens genieße.
„Wir haben immer gewusst, das was passiert. Wir dachten nur, dass wir die ersten sind“, sagt die Deutsch-Lettin Kristine Bähr-Gulinde, die in Riga lebt und sich dort als Reiseleiterin selbstständig gemacht hat. „Ich habe mit meinem Mann beschlossen, dass wir in Riga bleiben, wenn uns Putin angreift. Das ist nun mal unsere Heimat“, sagt die 45-Jährige.
Mit Blick auf die Invasion in die Ukraine sagt Bähr-Gulinde, es sei „schlimm, dass das so möglich war. Russland will ein Imperium sein. Das hat sich seit der Zarenzeit nicht verändert.“ Wenn Lettland 2004 nicht in die Nato eingetreten wäre, dann wären die Letten nach ihrer Aussage heute nicht mehr vor Ort. „Putin hätte dann mit dem Baltikum angefangen. Wir fühlen immens, dass die Ukrainer für uns kämpfen“, sagt sie mit Tränen in den Augen.
„Eine Invasion im Baltikum halte ich für möglich. Wenn es passiert, wird es sehr einfach sein, uns einzunehmen“, sagt Kaspers Pasters (20, Foto unten, links), der in der lettischen Hauptstadt im Finanzwesen arbeitet. „Ich habe dennoch keine Angst. Es ist völlig offen, was in den kommenden sechs Monaten passiert.“
Sein Freund Edgars Fescenko (Foto oben, rechts) ist vor allem wegen seiner Freunde besorgt, die er in der Ukraine hat: „Ich habe direkt mit denen kommuniziert und gefragt, wie ich helfen kann.“ Der 22-jährige Youtuber habe nicht erwartet, dass ganz Westeuropa so hilft. „Die Ukraine ist super tapfer. Das ist in so einer Situation nicht normal.“ Sicherheit gebe ihm vor allem, dass die Nato „uns vermutlich beschützen“ würde.
„Wie kann eine Person so verrückt sein?“ fragt sich die Professorin Ieva Margevica-Grinberga, die an der Universität von Lettland lehrt. „Wir hatten immer schon Angst. Unter anderem weil die Flugzeuge der Russen immer schon nah an die Grenze kamen“, berichtet die 45-Jährige. „Trotzdem haben wir nie geglaubt, dass das passieren kann.“
Ein Problem sieht die in Riga lebende Lettin schon jetzt aufgrund der großen russischen Anteile in der Bevölkerung: „Viele ukrainische und russische Schüler und Studenten haben schon jetzt wegen des Krieges Konflikte untereinander.“ Etwa 25 Prozent der Menschen in Lettland sind Russen. „Es ist aber ein schönes Gefühl, dass Westeuropa eine Gemeinschaft ist und alle zusammen auf der ukrainischen Seite seien.“
„Ich habe keine Angst, weil ich nicht glaube, dass die uns angreifen“, ist sich Oskar Okonovs sicher. „Das Schlimmste an der ganzen Situation ist, dass es einfach sehr viele Menschen gibt, die keine Ahnung haben von Politik“, sagt der Experte für Politik und Geschichte, der Führungen im geheimen sowjetischen Bunker nahe der lettischen Stadt Ligatne macht. „Die Gesellschaft sollte nicht ängstlich sein. Sie sollte vorbereitet sein. Es ist nicht entscheidend, was jetzt ist. Die Zukunft wird entscheiden, was passiert.“
„Am Anfang war es sehr beängstigend“, sagt die 30-jährige Geologin Ieva Kalka, die am Wochenende im Nationalpark Kemeri Moorwanderungen führt. „Ich war in der Slowakei im Urlaub und habe auf dem Rückweg den langen britischen Militär-Korso gesehen. Das war komisch“, sagt Kalka. Mittlerweile habe man sich schon an die Situation gewöhnt. Angst vor einer russischen Invasion im Baltikum hat auch sie nicht wirklich: „Wir sind vorbereitet. Die Nato ist unsere Sicherheit.“