Osnabrück

Solidarität und Ausverkauf: Baltische Reaktionen auf Ukraine-Krieg

Sven Stahmann
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Von Sven Stahmann
| 01.04.2022 12:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Ukrainische Flaggen und pro-ukrainische Banner vor der russischen Botschaft in Estlands Hauptstadt Tallinn. Foto: Sven Stahmann
Ukrainische Flaggen und pro-ukrainische Banner vor der russischen Botschaft in Estlands Hauptstadt Tallinn. Foto: Sven Stahmann
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Der Ukraine-Krieg verschärft die Angst in den baltischen Ländern vor einem russischen Einmarsch. Wie ist die Stimmung vor Ort? Unser Volontär trifft auf viel Solidarität mit der Ukraine - und deutlich rabattierte russische Andenken.

In den baltischen Ländern Lettland und Estland ist der Ukraine-Krieg deutlich präsenter als in Westeuropa. Das liegt zum einen an der geographischen Nähe: Estland grenzt an Russland, Lettland an Russland und Belarus. Zum anderen liegt es aber auch am hohen Anteil der russischen Bevölkerung: In Lettland und Estland sind jeweils etwa 25 Prozent der Bevölkerung Russen. Unser Volontär war im lettischen Riga und im estnischen Tallinn unterwegs und hat festgehalten, wie in der Öffentlichkeit auf den Ukraine-Krieg reagiert wurde.

Bei der Besichtigung der lettischen Hauptstadt Riga könnte der Besucher aktuell denken, dass er durch eine ukrainische Stadt läuft. Überall hängen die blau-gelben Flaggen der Ukraine. Besonders eindrucksvoll ist vor allem ein riesiges Graffiti unweit der Innenstadt. Hier haben sich 40 Menschen zusammengetan, um eine etwa 70 Meter lange und knapp fünf Meter hohe Wand zu besprühen - in nur sechs Stunden war das Kunstwerk fertig.

Neben einer weißen Friedenstaube auf blauem Hintergrund sind auch blau-gelbe Peace-Zeichen zu sehen. Zudem sind zahlreiche Schriften zu erkennen, wie beispielsweise „Make Art, not war“ (deutsch: Mache Kunst, keinen Krieg). An einem Ende befindet sich eine Waage: Ein Mensch mit einer Ukraine-Flagge überwiegt russische Panzer und Raketen.

Ein weiteres eindrucksvolles Zeichen hat das Museum für Medizingeschichte gesetzt. Die Mitarbeiter der russischen Botschaft, die sich direkt gegenüber des Museums befindet, blicken zur Zeit auf ein riesiges Poster, auf dem Putin als Totenkopf zu erkennen ist. Die Straße, an der die russische Botschaft liegt, wurde zudem unbenannt. Sie heißt jetzt „Straße der Ukrainischen Unabhängigkeit“.

Auch im Zentrum der Altstadt Rigas findet man die ukrainischen Flaggen überall. Wie beispielsweise am Eingang des Schwarzhäupterhauses auf dem Rathausplatz der lettischen Hauptstadt.

Zahlreiche Flaggen findet man in der estnischen Hauptstadt Tallinn nicht. Und dennoch muss man nicht genau hingucken, um zu erkennen, dass die Mehrheit auf der ukrainischen Seite steht. Vor allem vor der russischen Botschaft befinden sich viele Botschaften gegen Krieg und für die Ukraine.

Auch Russen haben sich hier verewigt. „Russen gegen Krieg“ oder „Ich bin ein Russe und ich bin gegen Putins Krieg“ stehen auf Kartons, die an den extra aufgestellten Zäunen befestigt sind.

Auch gegenüber der „Olde Hansa“, einem alten Packhaus, in dem sich heute eine Gaststätte befindet, macht sich der russische Angriffskrieg auf die Ukraine bemerkbar. In zwölf verschiedenen Sprachen sind Speisekarten an einer Werbetafel angebracht. Um klar zu machen, welche Sprache wo zu finden ist, sind die jeweiligen Flaggen zu erkennen. Nur eine einzige wurde durchgestrichen: die russische.

Nicht besonders auffällig, aber dennoch aussagekräftig: Die russischen Souvenir-Läden in der Hauptstadt Estlands bieten aktuell 20 bis 50 Prozent Rabatt an - auf alles. Eines ist den Besitzern wohl klar: Hier kommt sonst erstmal keiner mehr rein, um die weltbekannten russischen Matroschkas zu kaufen.

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