Kolumne: Artikel 1, GG
Der große Streit um das „N-Wort“
Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal in der Woche eine Kolumne. Mittwochs geht es immer um Recht.
Wenn Sie überregionale Medien verfolgen, haben Sie es vielleicht mitbekommen: An einer Schule in Offenbach gab es einen Rassismuseklat. Eine Schülerin weigerte sich, die Rede von Martin Luther King vorzutragen, weil in dem als „I Have a Dream“ bekannten Text das Wort „negro“ vorkommt, das in der Übersetzung der US-amerikanischen Botschaft ins Deutsche mit „Neger“ übertragen ist. In Medienberichten heißt es, dass die Lehrerin nach dem Protest der Schülerin einen anderen aus der Klasse den Text hat vorlesen lassen.
Zur Person
Canan Topçu (56) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Das und anderes sorgte für Zoff und gelangte an die Öffentlichkeit. Der Vorgang wird unterschiedlich kommentiert; die einen meinen, die Schülerin sei sensibler als die Lehrerin; denn das „N-Wort“ müsse aus der Sprache verbannt werden, weil es ein rassistisches und ein „gewaltvolles Relikt“ sei, das (re-)traumatisiere. Eine andere Position: Ob und wann das Wort ausgeschrieben wird, ist vom Kontext abhängig. Daran, dass ich das Wort ausgeschrieben habe und es nicht nur auf „N-Wort“ reduziere, können Sie erkennen, welche Position ich vertrete.
Es versteht sich von selbst, dass Menschen nicht als „Neger“ bezeichnet werden und über sie nicht so gesprochen wird! Dass aber aus historischen Texten dieses Wort getilgt und auch nicht in Zitaten verwendet werden soll: Das kann ich nicht nachziehen. Denn auch mit der Bezeichnung „N-Wort“ ist „der Elefant im Raum“ – will meinen, denkt man an das eigentliche Wort. Zudem fällt die Antwort auf die Frage, ob Wörter triggern können – je nach Empirie oder Ideologie –, unterschiedlich aus.
Mit dem Verbannen von Wörtern lässt sich Geschichte nicht wiedergutmachen; es sollte um respektvollen Umgang UND Stärkung von Resilienz gehen. Meine Standpunkte habe ich am Montag auf einer Fachkonferenz vorgetragen. Dafür kritisierte mich ein Teil der Teilnehmer so: Ich sei eine „weißgewaschene“ Migrantin. Mein Kommentar: Doppelmoral von antirassistischen Akteuren.
Kontakt: kolumne@zgo.de
Wer kennt Fury?
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
Muss man Namen richtig aussprechen?
Verbannung ist nicht immer der richtige Weg