Interview

Geplante Zentralklinik: Chancen, Risiken und 720 Millionen Euro

Gordon Päschel
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Von Gordon Päschel
| 05.04.2022 19:13 Uhr | 3 Kommentare | Lesedauer: ca. 11 Minuten
Claus Eppmann ist seit 2016 Geschäftsführer der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden. Foto: Ortgies
Claus Eppmann ist seit 2016 Geschäftsführer der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden. Foto: Ortgies
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Die geplante Zentralklinik ist das größte Infrastruktur-Projekt für Ostfriesland. Claus Eppmann soll es umsetzen. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer über Chancen, Risiken – und 720 Millionen Euro.

Emden/Aurich - Seit fast zehn Jahren wird in Ostfriesland über die Zusammenlegung der drei Krankenhäuser Aurich, Emden und Norden an einem zentralen Standort gesprochen. Die Vorbereitungen sind weit vorangeschritten – trotz massiven Widerstands und eines Bürgerentscheids, bei dem in Emden zwischenzeitlich eine Mehrheit gegen die Pläne abstimmte (siehe dazu auch der chronologische Verlauf).

Was und warum

Darum geht es: die medizinische Versorgung für die Menschen in Ostfriesland

Vor allem interessant für: alle, die sich Gedanken über die Chancen und Risiken der geplanten Zentralklinik in Uthwerdum machen

Deshalb berichten wir: Im Februar waren die Kosten des Megaprojekts öffentlich gemacht worden. Seitdem wollten wir mit dem Geschäftsführer der Trägergesellschaft sprechen. Das Interview musste aus terminlichen Gründen mehrfach verschoben werden. Jetzt hat es endlich geklappt.

Den Autor erreichen Sie unter: g.paeschel@zgo.de

Die finale Entscheidung des Landes steht aus. Es muss das bedeutendste Zukunftsprojekt in der Region finanziell ermöglichen. Danach sind in diesem Herbst voraussichtlich ein letztes Mal die Mitglieder des Emder Rates und Auricher Kreistages gefragt. Claus Eppmann ist seit 2016 Geschäftsführer einer von Emden und Aurich gegründeten gemeinsamen Trägergesellschaft. Sein Job ist es, die Zentralklinik Wirklichkeit werden zu lassen.

Frage: Wissen Sie, wie hoch ein Turm aus übereinander gestapelten 100-Euro-Scheinen ist, so dass 720 Millionen Euro zusammenkommen?

Claus Eppmann (lacht): Interessante Frage, aber nein, das kann ich Ihnen nicht sagen.

Frage: Beeindruckt es Sie, wenn ich Ihnen sage, dass der Turm 720 Meter hoch wäre?

Eppmann: Das tut es. Mich beeindruckt aber auch die Summe von 720 Millionen Euro oder besser: 567 Millionen.

Frage: Für die Höchstsumme soll Ostfriesland ein Krankenhaus bekommen, das den Ansprüchen eines Maximalversorgers entspricht. Was heißt das eigentlich? Maximalversorger?

Eppmann: Zunächst muss man dazu wissen, dass das niedersächsische Krankenhausgesetz novelliert wird, es soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden...

Frage: ...und sieht vor, dass das Land in acht Regionen aufgeteilt wird, in denen je ein Krankenhaus der Maximalversorgung stehen soll.

Eppmann: Richtig. Mit einem 800-Betten-Neubau, der mindestens in Niedersachsen der größte und modernste wird, wollen wir dem Anspruch eines Maximalversorgers gerecht werden. Das soll kein Krankenhaus werden, das alles vorhält, was die Medizin auf dieser Welt zu bieten hat. Ein Maximalversorger soll die Behandlungen zum Beispiel in den Bereichen Kardiologie, Gefäße, Innere Medizin oder Geburtshilfe bei den wesentlichen Erkrankungen in einer Tiefe und Fallschwere anbieten, die es für bestimmte Patienten sonst nur in weiter entfernten Zentren wie Hannover oder Münster gibt.

Ein Großkrankenhaus im Grünen: Die Visualisierung zeigt die Ansicht von Norden. Grafiken: gmp International GmbH, Aachen
Ein Großkrankenhaus im Grünen: Die Visualisierung zeigt die Ansicht von Norden. Grafiken: gmp International GmbH, Aachen

Frage: Uthwerdum und Oldenburg trennen gerade mal 70 Kilometer Luftlinie. Auch in Oldenburg soll ein Maximalversorgerhaus entstehen. Ist das nicht zu viel des Guten?

Eppmann: Dann haben Sie auch ausgerechnet, wie viele Kilometer Uthwerdum und Osnabrück trennen?

Frage: Nein. Steht Oldenburg als Maximalversorger-Standort denn etwa auf der Kippe?

Eppmann: So meine ich das nicht. Aber wenn Sie diesen Punkt ansprechen, dann müssen wir auch den gesamten Versorgungsraum betrachten. Unser Augenmerk richtet sich darauf, welche Leistungsbereiche und Spezialisierungen wir in Uthwerdum anbieten, um in diesem Raum mit Oldenburg und Osnabrück dem Anspruch eines Maximalversorgers gerecht werden zu können. Denn auch dort wird nicht alles gemacht werden können, was die Medizin anbietet.

Frage: Zeigt die Konkurrenzsituation mit dem Klinikum Leer nicht, dass solche Absprachen schwierig sind.

Eppmann: Leer ist ein ganz anderes Thema. Die Oldenburger sind beispielweise mit uns gemeinsam im Neurovaskulären Netzwerk Nord-West organisiert, genau wie Westerstede und Sande aus der Region. Da klappt Kooperation sehr gut.

Frage: Im Kern geht es auch dabei um die Frage, wie der Markt aufgeteilt wird.

Eppmann: Ich habe nicht gesagt, dass wir einen Markt aufteilen. Wir müssen analysieren, welche Leistungen in Oldenburg und Osnabrück nicht angeboten werden. Danach wird geguckt, ob wir das machen können und machen wollen. Sie haben nicht überall eine Dermatologie oder Augenheilkunde. Wir reden hier über eine High-End-Versorgung. In dem Zusammenhang finde ich im Übrigen den Begriff Markt völlig fehl am Platz. Es geht um die Gesundheitsversorgung von Hunderttausenden Menschen im Nordwesten, die wir mit drei Maximalversorgern, verschiedenen Schwerpunkthäusern und gemeinsam mit Grundversorgungshäusern sicherstellen wollen. So ist die Erwartung des Landes Niedersachsen.

Der Lageplan verdeutlicht die Größenordnung des 37-Hektar-Areals in Uthwerdum.
Der Lageplan verdeutlicht die Größenordnung des 37-Hektar-Areals in Uthwerdum.

Frage: Die meisten Patienten sind mobil, viele fahren schon jetzt lieber nach Oldenburg oder Westerstede, um sich behandeln zu lassen. Wie lassen sich diese überzeugen, künftig in Ostfriesland zu bleiben, damit die 814 geplanten Betten wirtschaftlich betrieben werden können?

Eppmann: Die Patienten werden sich auch in Zukunft eigene Wege suchen. Sie werden immer dorthin gehen, wo sie die größte Expertise vermuten. Für bestimmte onkologische Behandlungen fahren einige auch jetzt bis nach Heidelberg. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit dem Neubau und einer exzellenten Medizin und Pflege die Patienten von der Zentralklinik überzeugen werden.

Frage: Für welche Fachbereiche soll die Zentralklinik stehen?

Eppmann: Zum Beispiel im Bereich der Kardiologie oder der neurovaskulären Behandlung, da wollen und werden wir eine qualitativ hochwertige Spezialisierung und Expertise anbieten. Wir haben bereits Abteilungen wie die Neurologie in Emden und die Kardiologie in Aurich, die heute schon weit über die Grenzen Ostfrieslands hinaus Patienten versorgen, weil sie sich einen exzellenten Ruf erarbeitet haben.

Frage: Trotzdem wird es nicht ohne zusätzliche Fachärzte gehen, die davon überzeugt werden müssen, aufs Land nach Uthwerdum zu kommen. Sind Sie wirklich überzeugt von der Strahlkraft Ostfrieslands?

Eppmann: Ja, das bin ich. Das glaube ich nicht nur, sondern das lässt sich auch belegen. Das zeigen Untersuchungen, nach welchen Kriterien Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz wählen. Nicht alle jungen Menschen wollen in die Großstadt. Diese Annahme ist einfach falsch. Wenn wir die Anziehungskraft von Ostfriesland – und hier machen jedes Jahr Millionen Gäste Urlaub – mit einer exzellenten Arbeitsstätte kombinieren, wo ich verlässliche Dienstzeiten und modernste interdisziplinäre medizinische Einrichtungen vorfinde: Warum sollte ich Zweifel haben, dass wir nicht attraktiv genug sind?

Frage: Weil es schon jetzt einen Fachkräftemangel gibt und Krankenhäuser in einem harten Konkurrenzkampf ums Personal stehen.

Eppmann: Wir besetzen aber bereits jetzt auslaufende Chefarztstellen. Diese Menschen kommen wegen der Perspektive und der geplanten Ausrichtung der Zentralklinik. Für die ist die Region in Verbindung mit einer Zentralklinik offenbar attraktiver als Großstädte wie Berlin, Hamburg oder München. Wenn Ihre These stimmen würde, dürften wir heute schon keine Mitarbeiter haben beziehungsweise bekommen.

Viel Licht und weiße Möbel: Der Entwurf zeigt die zentrale Notfallaufnahme.
Viel Licht und weiße Möbel: Der Entwurf zeigt die zentrale Notfallaufnahme.

Frage: Werden die Ärzte künftig vertraglich verpflichtet, in Uthwerdum oder Georgsheil zu wohnen, damit die Notfallbereitschaft auf Maximalversorgerniveau gewährleistet werden kann?

Eppmann: Nein. Das können wir gar nicht. Die Mitarbeiter sind auch heute nicht verpflichtet, in Aurich, Emden oder Norden zu wohnen. Das machen auch andere Krankenhäuser nicht.

Frage: Ihnen liegen zwei Gutachten vor, die die Wirtschaftlichkeit der geplanten Zentralklinik bescheinigen. Was passiert eigentlich, wenn die Rechnung nicht aufgeht?

Eppmann: Bei allem Respekt, aber was ist das für eine Frage? Wir haben hier zwei unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die diesen Stresstest unabhängig voneinander vorgenommen haben. Es ist doch nicht die Planungsgrundlage, dass das Krankenhaus unwirtschaftlich wird. Diese Klinik wird gebaut, um die Versorgung für die Bevölkerung zukünftig zu sichern. Sie haben selber den Fachkräftemangel hinterfragt. Wir werden in Deutschland und auch in Ostfriesland nicht in der Lage sein, die jetzige Anzahl von Krankenhäusern in zehn oder fünfzehn Jahren zu betreiben. Die Prüfgesellschaften haben – wie wir auch – nach aller kaufmännischer Vorsicht gearbeitet und im Ergebnis die Wirtschaftlichkeit bescheinigt. Selbstverständlich passieren immer wieder Dinge, die kein Mensch, keine Geschäftsführung, keine Beratungsgesellschaft vorhersehen kann, zum Beispiel der grauenhafte Krieg in der Ukraine und die damit verbundenen Folgen. Deswegen kann man auf der anderen Seite aber doch nicht sämtliche Planungen in dieser Republik in Frage stellen.

Frage: Weder die Stadt Emden noch der Landkreis Aurich können sich dauerhaft eine defizitäre Zentralklinik leisten.

Eppmann: Richtig, deswegen soll die Zentralklinik auch grundsätzlich zuschussfrei betrieben werden. Und das wurde festgestellt.

Frage: Trotzdem ist es eine Frage, mit der sich die Kommunen auseinandersetzen müssen.

Eppmann: Selbstverständlich. Und natürlich wird auch die Zentralklinik kein Selbstläufer sein. Sie wird nur dann funktionieren, wenn wir das einhalten, was wir mit dem Neubau versprechen. Ich wundere mich allerdings, dass wir immer nur an mögliche Risiken denken und viel zu selten über die Chancen sprechen.

Frage: Man kann und darf die Risiken nicht ausblenden.

Eppmann: Selbstverständlich nicht, aber darum geht es nicht. Wir haben sehr deutlich gemacht, dass wir uns bei der gesamten Planung mit allen Themen verantwortungsvoll und kaufmännisch vorsichtig auseinandergesetzt haben. Und wir brauchen die Identifikation der Risiken, um daraus unser Tun für die Chancenerhöhung ableiten zu können. Genau das ist geschehen. Ich beteilige mich deswegen nicht an irgendwelchen wilden, ausschließlich risikoorientierten Spekulationen.

Frage: Was macht Sie so sicher, dass es bei den Baukosten bei den veranschlagten 567 Millionen Euro zuzüglich eines Puffers für Preissteigerungen von 153 Millionen Euro bleibt? Es gibt genügend Beispiele für Projekte, die jede Anfangskalkulation gesprengt haben.

Eppmann: Ich habe jetzt eine ganz schlechte Nachricht für Sie… (lacht)

Frage: Die da wäre?

Eppmann: Dass es viel mehr Projekte gibt, die im Budget geblieben sind. Nur wird darüber nicht berichtet. Dieses Krankenhaus ist tatsächlich bis zur letzten Steckdose durchgeplant. Da kommt nichts Unvorhergesehenes dazu. Natürlich gibt es völlig unkalkulierbare Risiken, die sie in keiner Wirtschaftlichkeitsberechnung finden werden. Nehmen Sie zum Beispiel den vorhin schon angesprochenen Krieg in der Ukraine. Aber das hat nichts mit einem Unvermögen von Planern, politisch Verantwortlichen oder Geschäftsführern zu tun, die sich hasardeurhaft der Risiken entledigen.

Frage: Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, was passiert, wenn selbst 720 Millionen Euro, aus welchen Gründen auch immer, nicht reichen?

Eppmann: Darauf werden Sie keine Antwort bekommen. Ich beteilige mich nicht an dieser Endlosspekulation. Die Aufgabe ist, durch eine gute, stringente Planung, möglichst nicht über die 567 Millionen Euro plus Indexierung (Anm. d. Red: erwartete Baukostensteigerung, die aus der Entwicklung des Marktes der vergangenen Jahre abgeleitet wird) zu kommen.

Vor dem Haupthaus soll ein großer Klinikplatz entstehen.
Vor dem Haupthaus soll ein großer Klinikplatz entstehen.

Frage: Würden Sie sich auch mit einem Schwerpunktversorger für Uthwerdum zufriedengeben?

Eppmann: Das Krankenhaus ist von vornherein als Schwerpunktversorger mit Maximalversorgeranteilen geplant worden und darauf ausgerichtet, künftig komplette Aufgaben der Maximalversorgung übernehmen zu können. Es geht hier doch nicht darum, Eitelkeiten auszuleben. Entscheidend ist, dass das Land sehr viel Geld in die Hand nehmen wird – wie hoch der Stapel der Fördermittel ist, werden Sie dann vielleicht auch noch ausrechnen. Wir sind es dem Land schuldig, dem Anspruch als Maximalversorger gerecht zu werden. Das ist ein Stück weit auch ein Auftrag an uns.

Frage: Kommt Ihnen bei der Planung das Klinikum Leer in die Quere? Müssen Sie die Konkurrenz fürchten?

Eppmann: Nein, weder noch. Die Planung unserer Zentralklinik deckt sich erfreulicherweise mit der Novellierung des niedersächsischen Krankenhausgesetzes. Ich glaube, dass Krankenhäuser gut darin beraten sind, im Sinne der Bevölkerung miteinander zu arbeiten und nicht gegeneinander. Das ist jedenfalls meine Philosophie.

Frage: Arbeitet Leer im Sinne der Zentralklinik mit?

Eppmann: Das werde ich nicht kommentieren.

Frage: Es werden landesweit enorme Summen in den Umbau der Krankenhauslandschaft gesteckt. Wird damit nicht am Symptom gearbeitet und weniger an den Ursachen? Oder anders gefragt: Lassen sich die Defizite vieler Kliniken nicht vor allem mit Schwächen und Fehlanreizen im Gesundheitssystem erklären und weniger mit schlecht aufgestellten Krankenhäusern?

Eppmann: Wir hatten gerade die Mitgliederversammlung der Krankenhausgesellschaft. Im Grunde ist dabei genau über diese Frage mit der Gesundheitsministerin gesprochen worden. Frau Behrens (Daniela Behrens, SPD; Anm. d. Red.) hat zweimal auf unser Krankenhausprojekt verwiesen, um deutlich zu machen, dass es das ist, was die niedersächsische Gesundheitspolitik unbedingt entwickeln will, nämlich die trägerübergreifende Zusammenarbeit. Die Möglichkeiten der Landesregierung, auf einzelne Träger Einfluss zu nehmen, sind ja begrenzt. Das ist der Unterschied zum Beispiel zu Dänemark, wo das Gesundheitssystem zentralistisch gesteuert wird. In Uthwerdum bietet sich die Chance, die Bevölkerung mit vollkommen anderen Strukturen zukunftssicher zu versorgen.

Frage: Die Kassen drängen aus Kostengründen auf eine bessere ambulante Versorgung und wollen weniger stationäre Leistungen in einem Krankenhaus.

Eppmann: Deswegen brauchen wir weniger Krankenhäuser. Dann sind wir mit einem 814-Betten-Haus der Maximalversorgung genau auf der richtigen Linie. Da versorgen wir die Menschen, die in dieser Tiefe eben nicht ambulant oder in einem anderen Krankenhaus behandelt werden können. Die Menschen werden doch nicht weniger krank. Dass es gleichzeitig immer weniger niedergelassene Ärzte gibt, hat mit Fragen der Demographie – weniger junge Menschen stehen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung – und der Work-Life-Balance sowie veränderten Ansprüchen an die Lebenswirklichkeiten zu tun.

Das ambulante Versorgungssystem muss also genauso wie das stationäre reformiert werden. Das muss gemeinsam passieren. Genau das haben wir in unseren Planungen für Ostfriesland abgebildet. Das komplette Haus ist so ausgerichtet, dass sie jederzeit Bereiche, die heute ambulant sind, morgen stationär nutzen können. Und umgekehrt können sie stationäre Bereiche ohne große Umbauten für eine ambulante Versorgung oder als Tagesklinik nutzen.

Frage: Eine letzte direkte Frage, Herr Eppmann: Wie sehr nervt es Sie, dass die öffentliche Diskussion selten über medizinisch-gesundheitliche Aspekte der Zentralklinik geführt wird und fast immer die immensen Kosten im Vordergrund sind?

Eppmann: Sehen Sie es mir nach, wenn ich darauf, wie sehr es mich nervt, nicht direkt antworte. Ihre Frage macht es ja deutlich: Sie sprechen von immensen Kosten und nicht auch von den immensen Chancen. Ich denke aber, dass bei ganz vielen Menschen inzwischen angekommen ist, dass wir mit der Zentralklink weitaus mehr Chancen als an den Altstandorten haben, wenn es darum geht, zum Beispiel dem Fachkräftemangel erfolgreich zu begegnen.

Chronologie des Projekts Zentralklinik

  • 22. Oktober 2013. Der Auricher Landrat Harm-Uwe Weber und der Emder Oberbürgermeister Bernd Bornemann stellen zusammen mit den beiden Klinik-Chefs Jann-Wolfgang de Vries (Aurich/Norden) und Ulrich Pomberg (Emden) erstmals öffentlich Pläne für den Bau einer neuen gemeinsamen Großklinik vor. In einer ersten Kostenschätzung wird von gut 240 Millionen Euro ausgegangen.
  • 3. Juli 2014: Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO (Bremen) präsentiert das Ergebnis einer ersten Machbarkeitsstudie. Zum Bau einer Zentralklinik gebe es keine Alternative, heißt es. Ein Festhalten an den drei Krankenhausstandorten Aurich, Emden und Norden sei keine Lösung.
  • 24. Oktober 2014: Das Ergebnis eines Gutachtens zur Standortfrage liegt vor. Demnach ist Georgsheil der am besten geeignete Ort.
  • März 2015: Der Emder Rat und der Auricher Kreistag stimmen jeweils für die Gründung einer gemeinsamen Krankenhaus-Trägergesellschaft
  • 1. Mai 2016: Die Zentralklinik hat einen Chef: Claus Eppmann wird zum Geschäftsführer der Trägergesellschaft bestellt.
  • 29. September 2016: Der Auricher Kreistag und der Emder Rat beschließen einen Konsortialvertrag. Der Vertrag regelt die Zusammenarbeit der Kliniken in Aurich, Emden und Norden bis zur Gründung einer Zentralklinik.
  • 11. Juni 2017: Bei einem Bürgerentscheid in Emden spricht sich die Mehrheit für den Erhalt des Krankenhauses in der Stadt und damit gegen die geplante Zentralklinik aus. Damit ist das Projekt gescheitert – obwohl im Landkreis Aurich eine Mehrheit für die Zentralklinik stimmt.
  • 28. Juni 2018: Der Auricher Kreistag und der Emder Rat beschließen jeweils mit breiter Mehrheit, dass die Planung einer Zentralklinik weiter vorangetrieben wird.
  • 4. April 2019: Das Verwaltungsgericht Oldenburg weist eine Klage gegen den Rat der Stadt Emden ab. Geklagt hatten Gegner des geplanten Zentralklinikums. Ihr Vorwurf: Der Rat hätte das Großprojekt mit dem Landkreis Aurich wegen des Bürgerentscheids nicht weiter voranbringen und im Juni 2018 keinen entsprechenden Beschluss fassen dürfen.
  • 26. Mai 2019: Bei einem zweiten Bürgerentscheid in Emden stimmt eine knappe Mehrheit für den Bau der Klinik. Einen Monat machen auch der Emder Rat und der Kreistag in Aurich den Weg frei, das Projekt weiter voranzubringen.
  • 5. Juni 2020: Die Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden gibt bekannt, dass sie Grundstückverträge für ein 37 Hektar großes Gelände an der B 72, östlich der Uthwerdumer Straße geschlossen hat.
  • 9. Oktober 2020: Das geplante Krankenhaus bekommt ein „Gesicht“. Aus einem Architektenwettbewerb geht ein Siegerentwurf hervor.
  • 18. Februar 2022: Ein Förderantrag wird in Hannover eingereicht. Die Unterlagen umfassen knapp 70 Ordner und enthalten die abgeschlossene Entwurfsplanung sowie eine Kostenberechnung für das 814-Betten-Haus.
  • 25. Februar 2022: In Emden wird die Kostenrechnung publik gemacht. Die Planer gehen von reinen Baukosten in Höhe von 567 Millionen Euro aus. Zusätzlich wird eine wahrscheinliche Steigerung auf bis zu 720 Millionen Euro eingepreist. Sofern das Land 70 Prozent dieser Summe trägt, gehen die Planer davon aus, dass die Klinik wirtschaftlich betrieben werden kann.
  • 10/2022: Es wird mit dem Erhalt des Förderbescheids gerechnet, danach müssen der Emder Rates und des Kreistags Aurich dem Bau noch einmal final zustimmen.
  • 2023: möglicher Baubeginn
  • 2028: geplante Eröffnung
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