Versorgung

Flüssiggas: Geliefert wird nur noch, wenn der Tank leer ist

Heiko Müller
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Von Heiko Müller
| 05.04.2022 18:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wieder gut gefüllt: der Gastank der Familie Saathoff steht auf dem Gelände des Campingplatzes Dyksterhusen im Schatten des Campener Leuchtturms. Foto: Wagenaar
Wieder gut gefüllt: der Gastank der Familie Saathoff steht auf dem Gelände des Campingplatzes Dyksterhusen im Schatten des Campener Leuchtturms. Foto: Wagenaar
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Haushalte, die mit Flüssiggas heizen, müssen wochenlang auf Lieferungen warten. Die Versorgung ist gesichert, aber die Tankwagen kommen nicht nach. Eine Krummhörner Familie hatte noch Glück.

Campen - Familie Saathoff hat Glück gehabt. Sie musste an den ersten und kühlen April-Tagen in ihrem Haus nicht frieren. Quasi in letzter Minute haben sie den Flüssiggas-Tank in ihrem Garten befüllen lassen können, um ihr Anwesen beheizen zu können. „Die Anzeige stand schon bei Null“, sagt Andreas Saathoff, der mit seiner Frau Alice Saathoff den Campingplatz Dyksterhusen sowie sechs Ferienwohnungen im Schatten des Campener Leuchtturms betreibt und dort auch wohnt.

Was und warum

Darum geht es: Probleme bei der Belieferung von Haushalten mit Flüssiggas LPG als Wärmequelle

Vor allem interessant für: Verbraucherinnen und Verbraucher, die mit Flüssiggas versorgt werden, oder darüber nachdenken, auf diesen Energieträger zu wechseln

Deshalb berichten wir: Die Familie Saathoff aus Campen berichtete unserer Redaktion von aktuellen Lieferschwierigkeiten bei Flüssiggas. Wir sind dem nachgegangen.

Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de

Zittern mussten die Saathoffs dennoch, allerdings nicht wegen der Kälte. Denn zunächst war unklar, ob sie überhaupt eine Lieferung des Heizstoffes bekommen. Weil sie aber Stammkunden eines Mineralölunternehmens im ammerländischen Apen sind und ihr Tank leer war, warteten sie „nur“ etwa eine Woche lang. Andere Abnehmer dieses Energieträgers müssen mittlerweile hingegen mehrere Wochen auf neue Tankfüllungen warten.

Bestellungen steigen massiv an

Denn der „Durst“ der Verbraucher nach Flüssiggas (LPG) ist groß. „Mit dem Beginn des Krieges in der Ukraine sind die Bestellungen massiv angestiegen“, bestätigt Olaf Hermann dieser Zeitung auf Nachfrage. Er ist Sprecher des Deutschen Verbandes Flüssiggas mit Sitz in Berlin. Viele Verbraucher seien verunsichert und wollten aus Sorge vor weiteren Preisanstiegen und der Verfügbarkeit von Heizenergie ihre Tanks auffüllen lassen. „Auch wenn diese noch ausreichend gefüllt sind“, fügt Hermann an.

Es ist ähnlich wie beim Hamstern von Klopapier nach Beginn der Corona-Pandemie oder Mehl nach Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. „In Deutschland ist genügend Flüssiggas vorhanden, um das aktuell hohe Bestellaufkommen zu bedienen“, sagt der Verbandssprecher. Allerdings haben die Händler bereits Konsequenzen ziehen müssen: Weil die Kapazitäten an Tankwagen zur Auslieferung begrenzt ist, werde gegenwärtig nach dem Bedarf und „dem individuellen Verbrauchsverhalten der Kunden“ ausgeliefert.

Flüssiggas LPG meist nicht aus Russland

Im Klartext heißt das: Kunden, deren Gastanks leer sind, werden bevorzugt. Andere Verbraucher, deren Behälter noch ausreichend gefüllt sind, müssen hingegen länger warten. „Damit sind Kunden auch in der aktuellen Situation sicher versorgt“, so der Sprecher.

Bei dem als Autogas bekannten Flüssiggas LPG, einem Abfallprodukt der Öl- und Gasförderung und Weiterverarbeitung, ist die Versorgungssicherheit höher als beim Erdgas. Es kommt nämlich meist nicht aus Russland, sondern aus Erdölraffinerien in Europa. LPG steht für „Liquified Petroleum Gas“ – nicht zu verwechseln mit verflüssigtem Erdgas (LNG, Methan).

Ein Energieträger für viele Zwecke

Der Energieträger wird für Heiz- und Kühlzwecke, als Kraftstoff, in Industrie und Landwirtschaft sowie im Freizeitbereich eingesetzt. Es ist ein Gemisch aus Butan und Propan, das Verbraucher auch von Gasflaschen kennen. Schon ein leichter Überdruck im Behälter reicht aus, um es bei Raumtemperatur flüssig zu halten oder im Tankwagen zu transportieren. Mit biogenem Flüssiggas aus Abfällen und Reststoffen ist auch ein Beitrag zur Energiewende möglich.

Die Saathoffs haben vor etwa fünf Jahren ihre Ölheizung ausgetauscht und auf Flüssiggas LPG als Heizquelle umgestellt. Zusätzlich ließen sie Solarkollektoren auf dem Dach ihres Anwesens installieren. Ihr Flüssiggas-Tank im Garten fasst 6400 Liter. „Das reicht im Normalfall für einen Winter“, sagt Andreas Saathoff, der sich als ehemaliger Bezirksschornsteinfeger und Gebäudeenergieberater mit der Materie auskennt. Mit dem Gas werden auch der Campingplatz und die Ferienwohnungen versorgt.

Zahl der Kunden wächst

Laut dem Deutschen Flüssiggas-Verband nutzen heute mehr als 650.000 Haushalte in Deutschland Flüssiggas (LPG) als Wärmequelle – insbesondere im ländlichen Raum. „Tendenz steigend“, sagt Verbandssprecher Olaf Hermann. Hintergrund für den Kundenzuwachs dürfte aktuell auch die Versorgungssicherheit sein.

Allerdings ist auch der Preis für LPG mit dem Ölpreis stark gestiegen. Das bekommen auch die Saathoffs zu spüren. „Im Februar war es im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 125 Prozent“, rechnet der Familienvater vor. „Der Ukraine-Krieg kommt noch oben drauf“, sagt er. Dennoch ist er froh, dass er, seine Frau und die Kinder nicht frieren müssen.

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