Inseln

Konkurrenzkampf auf den Inseln: Miet- gegen Ferienwohnungen

| | 06.04.2022 14:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
So haben es auch Spiekeroog-Urlauber gern: viel Strand, viel Weite, viel Himmel. Foto: Nordseebad Spiekeroog GmbH
So haben es auch Spiekeroog-Urlauber gern: viel Strand, viel Weite, viel Himmel. Foto: Nordseebad Spiekeroog GmbH
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Die Inseln versuchen auf unterschiedliche Weise, Dauerwohnraum für die eigene Bevölkerung zu schaffen. Spiekeroog scheiterte mit seinem Weg zuletzt vor Gericht. Jetzt gibt es einen neuen Anlauf.

Spiekeroog - Der zunehmende Inlandstourismus an der ostfriesischen Nordseeküste hat eine Kehrseite, die auf den Inseln wie unter einem Brennglas zu beobachten ist: der Kampf um Platz für die eigene Bevölkerung. „Wohnraum ist der Schlüssel für fast alles“, sagt Patrick Kösters (parteilos), seit November Bürgermeister auf der Insel Spiekeroog. Um das mal in Zahlen zu fassen: Auf Spiekeroog leben rund 800 Insulaner, die Zahl der Gästebetten liegt bei etwa 4200.

Was und warum

Darum geht es: Spiekeroog will Wohnraum für die eigene Bevölkerung sichern und möglichst nicht noch mehr Ferienwohnungen zulassen.

Vor allem interessant für: Insulaner

Deshalb berichten wir: Nach einem Urteil im vergangenen Herbst haben wir im Spiekerooger Rathaus nachgefragt, wie es weitergehen soll.

Die Autorin erreichen Sie unter: i.oltmanns@zgo.de

Das Problem: Anders als auf dem Festland ist der Raum für neue Bauten auf den Inseln naturgemäß begrenzt. Gleichzeitig ist das Vermieten an Feriengäste deutlich lukrativer als das dauerhafte Vermieten an Leute, die auf der Insel leben. Doch ohne dauerhaft dort lebende Menschen geht es eben nicht. Nicht nur sind sie überlebenswichtig für eine funktionierende Gemeinschaft mit Vereinen, freiwilliger Feuerwehr und Kommunalpolitik; sie halten den Laden auch am Laufen, arbeiten in den Verwaltungen, in Betrieben und im Tourismus.

Der Wohnungsbau

Die Inseln finden unterschiedliche Wege, mit dem Problem umzugehen: Auf Spiekeroogs Nachbarinsel Langeoog etwa hat eine Wohngenossenschaft gerade erst mehrere Häuser mit fast drei Dutzend Wohnungen gebaut. Und die Gemeinde will auf eigenem Land noch mehr Dauerwohnraum bauen, die Planungen dort laufen schon. Langeoogs Bürgermeisterin Heike Horn (parteilos) betont immer wieder, wie schwierig es sei, dringend benötigte neue Mitarbeiter auf die Insel zu holen, ohne angemessenen und bezahlbaren Wohnraum anbieten zu können.

Blick ins Inseldorf. Foto: Oltmanns/Archiv
Blick ins Inseldorf. Foto: Oltmanns/Archiv

Auch auf Spiekeroog hat die Inselgemeinde schon eigene Wohnungen zum dauerhaften Vermieten an Insulaner gebaut. Und wollte außerdem mithilfe des Bebauungsplans Grenzen für den weiteren Verlust von Dauerwohnraum zugunsten von Ferienwohnungen schaffen. Grob gesagt sollte das neue Schaffen von Ferienwohnungen an die gleichzeitige Schaffung von Dauerwohnraum gekoppelt werden. Das wurde allerdings im Oktober 2021 vom Oberverwaltungsgericht in Lüneburg gestoppt. Eine Eigentümerin, die eine mit zwei Ferienwohnungen und einer Dauerwohnung genehmigte Anlage ausschließlich mit Ferienwohnungen nutzen wollte, hatte geklagt.

Was jetzt passiert

„Wir haben das als Zäsur genutzt“, sagt Spiekeroogs Bürgermeister Kösters dazu. Die Gemeinde habe sich auf den Weg gemacht, den beanstandeten Bebauungsplan „Dorf – Teil A“ neu zu erarbeiten. Dazu habe man sich juristischen Beistand geholt. Auch ein auf Bauleitplanung spezialisiertes Unternehmen solle an Bord geholt werden. Das Ziel: „Dauerwohnraum soll so gut wie möglich gesichert werden“, sagt der Bürgermeister. Im Sommer soll die Arbeit an dem Plan losgehen. So ein bisschen drängt wohl auch die Zeit: Kurz nach dem Urteil in Lüneburg hat der Gemeinderat eine Veränderungssperre für die vom Plan „Dorf – Teil A“ betroffenen Flächen verhängt. Dieser Plan deckt allerdings fast das ganze Inseldorf ab. Dort geht jetzt also vorerst nix mehr.

Spiekeroogs neuer Bürgermeister Patrick Kösters (parteilos). Foto: Kösters
Spiekeroogs neuer Bürgermeister Patrick Kösters (parteilos). Foto: Kösters

Aber eigentlich richtet sich der Wohnraum-Blick vom Inseldorf aus etwas weiter nach Norden, auf eine Fläche, die bisher noch ganz unbebaut ist: Zwischen der Feuerwache und den Häusern am Lütt Slurpad liegt eine rund drei Hektar große Fläche, die dem Land Niedersachsen gehört und die die Inselgemeinde nun wohl pachten wird. Es soll ein Neubaugebiet entstehen, ohne Ferienhäuser oder -wohnungen. Und wahrscheinlich wird es auch etwas anders aussehen: „Von der Art, wie wir hier bisher gebaut haben, also süß und klein, müssen wir wohl Abstand nehmen“, glaubt Kösters. 15 neue Häuser für 15 Familien würden eben nicht reichen, um den Mangel an Wohnraum abzudecken. Zur Insel passen müsse das neue Wohngebiet natürlich trotzdem. Wie viele Wohnungen konkret gebraucht werden, wird noch ermittelt.

Die Inseln und der Tourismus

Wie drängend das Wohnraumproblem auf den Inseln ist oder auch werden könnte, lässt sich auch an den Tourismus-Zahlen ablesen, die die Marketinggesellschaft Ostfriesische Inseln GmbH kürzlich veröffentlichte. Demnach war schon der Sommer 2021 „extrem gut“. Und der Herbst habe sogar noch die Übernachtungszahlen des Rekordjahres 2019 übertroffen, heißt es. Dieses Jahr werde es wohl so weitergehen. Das heißt auch: Der Wunsch nach mehr Ferienwohnungen wird voraussichtlich weiter mit dem Bedarf an Dauerwohnraum konkurrieren.

Und noch ein paar Zahlen: Die ostfriesischen Inseln erwirtschaften durch den Tourismus einen Bruttoumsatz von rund einer Milliarde Euro im Jahr, heißt es bei der Marketinggesellschaft. Dabei leben dort insgesamt nur etwa 17.000 Menschen. Je nach Größe der Insel zwischen rund 600 auf Baltrum und und gut 6000 auf Norderney.

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