Hamburg

Katja Suding: „Ich habe mich als Mensch nicht wohlgefühlt“

Jakob Drechsler
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Von Jakob Drechsler
| 08.04.2022 19:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
„Ich habe mich natürlich ans Reden gewöhnt. Aber der schönste Moment war immer der, als ich wieder von der Bühne runter konnte. Das ist geblieben“, sagt die ehemalige stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende und heutige Buchautorin Katja Suding. Foto: Verlag Herder
„Ich habe mich natürlich ans Reden gewöhnt. Aber der schönste Moment war immer der, als ich wieder von der Bühne runter konnte. Das ist geblieben“, sagt die ehemalige stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende und heutige Buchautorin Katja Suding. Foto: Verlag Herder
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Katja Suding gehörte zu den bekanntesten Gesichtern der FDP. Mancher hätte ihr auch ein Ministeramt in der Bundesregierung zugetraut. Doch Suding warf hin und verließ die Politik. Warum? Ein Gespräch über den Politbetrieb und das Menschsein.

Wie fühlt sich eine Frau, die trotz selbstbescheinigter „riesiger rhetorischer Defizite“ im öffentlichen Rampenlicht steht und täglich vor Mikrofone, Kameras und an Rednerpulte treten muss? Katja Suding hat diese Frage früh für sich selbst beantwortet, ein halbes Jahr nach ihrem viel beachteten Ausstieg aus der aktiven FDP-Politik teilt die 46-Jährige die Erkenntnisse auch mit der Allgemeinheit.

„Ich überlegte, wie ich es anstellen kann, die Treppe von meinem Rathausbüro hinunter in den Plenarsaal so geschickt herunterzufallen, dass ich mich schwer genug verletze, um meine Rede nicht halten zu können“, reflektiert Suding mit Abstand etwa ihre Zeit als Chefin der Hamburger FDP-Bürgerschaftsfraktion.

Es sind drastische Sätze und Bilder, mit denen sie in ihrem Buch „Reißleine: Wie ich mich selbst verlor – und wiederfand“ äußerst intime Einblicke in ihr Seelenleben als politische Person liefert, die sie zum Ende der Karriere auch als Mitglied des FDP-Bundesvorstandes auswies. Auch in unserem Video-Telefonat, das sie von ihrer Hamburger Wohnung aus führt, redet sie offenherzig über diese Zeit.

Elf Jahre führte Katja Sudings Weg steil nach oben. 2011 wird sie unerwartet zur Spitzenkandidatin der Hamburger Liberalen gewählt, die sie dann auch prompt zurück in die Bürgerschaft führt. Vier Jahre später bestätigt sie den Erfolg, inzwischen als Landeschefin ihrer Partei. 2015 steigt sie zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden hinter Parteichef Christian Lindner auf, 2017 zieht sie in den Bundestag ein.

Die Erfolge sind für die politische Seiteneinsteigerin der schöne Schein. Das Sein dagegen bleibt zunehmend auf der Strecke. „Mich hat immer der Widerspruch begleitet, dass ich im innerparteilichen Wettstreit durchaus auch ausgeteilt habe“, sagt sie. Das sei etwa der Ruhe im Landesverband Hamburg zwar zuträglich gewesen. „Aber als Mensch habe ich mich damit nicht wohlgefühlt.“

Differente Gefühle begleiten auch ihren ersten öffentlichkeitswirksamen Gang übers bundespolitische Parkett. Einerseits fast schon kindliche Freude über die telefonische Einladung Guido Westerwelles, den damaligen Bundesaußenminister im Januar 2011 als „Tischdame“ zum traditionellen Stuttgarter Dreikönigsball zu begleiten.

Andererseits diese Nervosität und Unsicherheit, als sie dem Bundesparteichef dann tatsächlich erstmals so richtig persönlich begegnet. „Wird er mich überhaupt erkennen?“, fragt sich die damalige Polit-Novizin. Die so im Buch beschriebenen Zweifel sind unbegründet – auch über ihren anschließenden Auftritt, der „keine Glanzleistung von mir war“, wie sich Suding in unserem Gespräch erinnert.

„Er hat gesagt: ‚Das haben sie toll gemacht, Frau Suding!‘ Ich fand das ganz rührend, wie er mich unterstützt hat.“ Die Unterstützung hält an, Westerwelle sucht Suding fortan wiederholt in Hamburg auf. „Er wusste, dass ich ganz neu im Business war und Unsicherheiten da waren.“ Viele Telefonate folgen. „Jemanden zu haben, den man direkt fragen kann und der einen unterstützt, ist natürlich Gold wert. Dafür bin ich ihm sehr dankbar“, sagt Suding über ihren 2016 verstorbenen Förderer.

Die Medien wiederum interessieren längst nicht nur Inhalte der Bildungspolitikerin, sondern vermehrt Sudings Erscheinungsbild. „Westerwelles next Topmodel“ titelt etwa Spiegel Online, auch in Anlehnung an die ebenfalls als attraktive Hoffnungsträgerin geltende Parteifreundin Silvana Koch-Mehrin. Als PR-Expertin kennt Suding die Mechanismen.

„Ohne Medien keine Wahrnehmung beim Wähler. Und damit keine Stimme am Wahltag. So einfach ist das“, schreibt sie und macht sich daher das Spiel um Aufmerksamkeit mit mehreren Kampagnen zu Nutze. 2015 lässt sich Suding für ein Foto-Shooting der „Gala“ inszenieren. Von den „Drei Engeln für Lindner“ wird bald nur noch die heutige Europaabgeordnete Nicola Beer als aktive Politikerin übrig sein.

Co-Engel Lencke Wischhusen – damals noch Steiner – hat es Suding dieser Tage gleichgetan und mit einem Jahr Vorlauf ihren Ausstieg angekündigt. 2023 soll für die Bremer Fraktionschefin Schluss sein. Auf Instagram zollte Suding ihrer Parteifreundin dafür als eine der ersten Respekt und schrieb: „Als jemand, der vor Kurzem einen ähnlichen Schritt gegangen ist, kann ich Dich sehr gut verstehen.“

Hat sich Wischhusen bei Suding womöglich sogar Ratschläge eingeholt? „Wir waren in den letzten Wochen durchaus im Gespräch“, sagt Suding. Mehr möchte sie sich nicht entlocken lassen, auch nicht über die inzwischen ebenfalls aus der Politik geschiedene ehemalige EU-Parlamentarierin Koch-Mehrin.

Suding selbst kündigt schließlich im September 2020 auf dem Parteitag der Hamburger FDP ihren politischen Rückzug für das darauffolgende Jahr an. Für Beobachter und Wegbegleiter bis auf wenige Eingeweihte ein Knall, für Suding selbst ein Befreiungsschlag. „Es war schon ein krasser Wechsel und eine Vollbremsung, nach elf Jahren aus der Politik zu gehen“, sagt sie heute.

Bereut hat sie diesen Schritt auch nach dem Wahlerfolg ihrer Partei nicht – obwohl ihr nicht nur Parteichef Lindner innerhalb einer Ampel-Koalition durchaus einen Posten zugetraut hätte. „Das war alles richtig“, sagt Katja Suding über ihren Grundsatz-Entschluss. „Ich habe meine Entscheidung in der Voraussicht getroffen, dass eine Regierungsbeteiligung bevorsteht.“ 

Für ihren Ausstieg gab es nicht den einen ausschlaggebenden Grund. „Ich bin vor nichts weggelaufen“, sagt Suding, auch nicht vor dem Stress. „Ich habe eine gute Kondition, auch für 16-Stunden-Tage.“ Trotzdem habe ihr der Politbetrieb als Mensch nicht gutgetan. „Es ist eher der öffentliche Druck und die Auseinandersetzung in den Parteien, die auch mit harten Bandagen geführt werden. Das hat mir mehr zugesetzt als die vielen Stunden.“

Zeit investieren muss Katja Suding dieser Tage nun allerdings auch wieder in die Präsentation ihres Erstlings, Lesereisen füllen den Terminkalender dieser Tage erneut bis zum Rand. „Das ist das gleiche wie in der Politik“, sagt sie. „Als Autorin freue ich mich, dass das Buch erfolgreich ist und ich die Möglichkeit habe, es vorzustellen. Was natürlich öffentlich passiert. Aber als Mensch könnte ich darauf gut verzichten.“

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