Interview
Hilfsbereitschaft: Gute und nicht ganz so gute Flüchtlinge?
Viele Menschen sind bereit, Ukrainer in ihrem Haushalt aufzunehmen. Bei Flüchtlingen aus Syrien oder Mali ist das schwieriger. Warum ist das so?, haben wir Psychotherapeuten Holger Siemann gefragt.
Ostfriesland - Der Krieg in der Ukraine entsetzt ganz Deutschland und auch die Ostfriesen. Die Hilfsbereitschaft ist riesig. Die Menschen, die so viel schreckliches erlebt haben, sollen sich hier willkommen fühlen. Das Engagement für Flüchtlinge aus Syrien oder afrikanischen Ländern, die ebenfalls oft traumatisiert sind und zu Hause oder auf der Flucht Grausamkeiten aushalten mussten, tritt daneben deutlich zurück. Warum ist das so? Wir haben den Psychotherapeuten Holger Siemann aus Leer gefragt.
Was und warum
Darum geht es: Uns fällt es leichter, Ukrainern zu helfen als Flüchtlingen aus Afrika. Das ist normal, sagt Psychotherapeut Holger Siemann.
Vor allem interessant für: alle, die ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie diese Reaktion bei sich feststellen.
Deshalb berichten wir: Wir haben beobachtet und bei uns selber festgestellt, dass die Hilfsbereitschaft jetzt weiter geht, als bei der Flüchtlingskrise 2015. Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
Redaktion: Es scheint gute und nicht so gute Flüchtlinge zu geben.
Holger Siemann: Wie meinen Sie das denn?
Redaktion: Für ganz viele Menschen ist es im Moment denkbar, ukrainische Flüchtlinge in ihrem Haushalt aufzunehmen. Bei Syrern oder Ivorern ist die Hemmschwelle deutlich höher. Das erlebe ich auch bei mir und ich frage mich, warum das so ist.
Siemann: Das ist eine ganz normale und erst einmal natürliche Reaktion. Menschen, die aussehen wie wir, fühlen wir uns näher, als Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder einer anderen Gesichtsausprägung. Ganz abgesehen davon, dass der Krieg ja in großer Nähe stattfindet und viele Angst haben, dass er auch zu uns kommen kann. Dazu kommt noch eine kulturelle Prägung. Beispielsweise assoziieren wir bei Japanern, die ja auch ganz anders aussehen als wir, unbewusst, dass sie aus einem Land mit einer ähnlichen Zivilisation kommen. Das ist bei Syrern anders.
Redaktion: Und Fremdes halten wir lieber auf Abstand?
Siemann: Was uns fremd ist, erzeugt zunächst einmal Angst. Wir können das nicht richtig einschätzen, wissen nicht, was auf uns zukommt. Im Falle von Flüchtlingen, von denen wir annehmen, dass sie vor allem der Armut in ihrem Land entfliehen wollen, haben wir zusätzlich noch das Gefühl, dass sie uns etwas wegnehmen wollen.
Redaktion: Keine sehr sympathischer Haltung.
Siemann: Aber auch angeboren. Das sehen wir bei Kindern. Wenn das letzte Würstchen auf dem Tisch liegt, gibt es regelmäßig Streit, wer das haben darf.
Redaktion: Also alles in Ordnung?
Siemann: Man ist jedenfalls nicht per se ein schlechter Mensch, wenn man sich Ukrainern näher fühlt als Menschen aus Syrien. Aber als erwachsene Menschen sind wir natürlich in der Lage, solche Reaktionen zu erkennen, zu hinterfragen und gegebenenfalls unser Verhalten anzupassen.
Redaktion: Wie kann so eine Anpassung aussehen? Müssen wir jetzt auch andere Flüchtlinge in die eigene Wohnung holen?
Siemann: Ich würde empfehlen, zunächst einfach mal zu versuchen, den einen oder anderen Menschen kennenzulernen. Dann ist die andere Kultur auch nicht mehr so fremd. Ob jemand bereit ist, fremde Menschen in seine eigenen vier Wände zu lassen, muss jeder selber entscheiden. Das ist schon eine sehr große Geste. Aber nicht jeder hat tatsächlich die Räumlichkeiten oder die Persönlichkeit, die das möglich machen. Das ist auch in Ordnung so. Aber was sicher jeder kann, ist, ab und zu mal ein Lächeln zu verschenken und die Vorbehalte, die vielleicht da sind, nicht allzu offen zur Schau zu tragen.
Redaktion: Als 2015 die Flüchtlingswelle begann, war die Willkommenskultur in Deutschland beeindruckend. Das hat später deutlich nachgelassen. Blüht den Ukrainern eine ähnliche Entwicklung?
Siemann: Das kann definitiv passieren. Wenn Menschen schlechte Erfahrungen mit den Flüchtlingen machen, kann das die Stimmung grundlegend verändern. Die Übergriffe von Flüchtlingsgruppen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln war so ein Beispiel.