Bäderwesen

Wann es in Schwimmbädern kalt werden kann

Gabriele Boschbach
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Von Gabriele Boschbach
| 11.04.2022 19:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Markus Tippelt, Badleiter im Leeraner Plytje, sieht eine Senkung der Wassertemperaturen kritisch. Fotos: Ortgies
Markus Tippelt, Badleiter im Leeraner Plytje, sieht eine Senkung der Wassertemperaturen kritisch. Fotos: Ortgies
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Wegen der steigenden Energiepreise wollen bundesweit etliche Bäder die Wasser- und Lufttemperaturen drosseln. In Ostfriesland zieht man das derzeit nicht in Erwägung. Der Bäderverband denkt aber weiter.

Ostfriesland - Bibbern im Becken? Droht Schwimmbadbesuchern ein Kälteschock, wenn sie ins Wasser gehechtet sind? Wegen der steigenden Energiepreise denken bundesweit etliche öffentliche Bäder darüber nach, die Wasser- und Lufttemperaturen zu drosseln. Das hat die Deutsche Gesellschaft für das Badewesen (DGfdB) in Erfahrung gebracht. Im Schnitt solle die Wassertemperatur um zwei Grad Celsius gesenkt werden. Ostfriesische Bäder wollen bei diesem Trend nicht mitschwimmen. Die Redaktion hat in einigen Betrieben nachgefragt. Im Schnitt soll das Wasser weiter wohlige 28 Grad behalten. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich. Im Freibad Hengstforde etwa will man das „sehr gute Image“ der Einrichtung nicht gefährden. „Wir mussten unseren Besuchern in den zurückliegenden zwei Jahren durch die Corona-Pandemie bereits etliche Einschränkungen zumuten. Das wollen wir jetzt nicht fortsetzen“, sagt Peter Rosendahl. Der Fachbereichsleiter für Bäder, Sport, Kultur und Verkehr bei der Gemeinde Apen sagte, man werde das Bad am 7. Mai öffnen. Es sei ein Aushängeschild für die Gemeinde und ziehe auch viele Auswärtige an. „Als es in Leer kein Bad gab, kamen von dort viele Gäste zu uns.“

In Leer gibt es allerdings seit 2018 das Hallenbad „Plytje“. In der Einrichtung am Burfehner Weg werde man freiwillig nicht am Thermostat drehen, versicherte Badleiter Markus Tippelt. Wenn die Bundesregierung die entsprechende Warnstufe in ihrem Notfallplan Gas ausrufe, werde man alles Erforderliche umsetzen. Experimente mit der Senkung von Temperaturen hält Tippelt allerdings nicht für sinnvoll. Das „Plytje“ werde über ein Blockheizkraftwerk mit Energie versorgt. Die Produktion von Wärme und Strom sei aneinander gekoppelt. Die Anlage sei nach dem Wärmebedarf der Einrichtung ausgelegt. Wenn der gedrosselt werde, verringere sich auch die Strommenge. Im Übrigen könne es auch für die Gebäudesubstanz fatal sein, die Temperatur runterzufahren: „Man muss genau schauen, ob sich nicht Spannungsrisse bilden.“

Keine Einschränkungen für Gäste

Auf eine Gebäudehülle muss Markus Bakker keine Rücksicht nehmen. Er ist zuständig für das Friesenbad in Weener, das am 30. April öffnen wird. Es ist in der Region das Bad, das immer als erstes seine Gäste empfängt. Der Grund ist naheliegend: Die Einrichtung wird durch Fernwärme der Firma Klingele beheizt, die umweltfreundliche Wellpappe herstellt. „Wir sind von Gas unabhängig“, sagte Markus Bakker. Es werde keine Einschränkungen für die Badegäste geben. Die können sich Ende April in 28 Grad Celsius warmes Wasser werfen.

Wohlig warm ist es derzeit im Leeraner Bad Plytje. Markus Tippelt dokumentiert das mit einem Thermometer.
Wohlig warm ist es derzeit im Leeraner Bad Plytje. Markus Tippelt dokumentiert das mit einem Thermometer.

„Wenn das Wasser nur eine Temperatur von 22 Grad hat, ist das Wohlfühl-Erlebnis nicht mehr gegeben“, sagt Elke Fehren-Schmitz. Die Pressesprecherin des van-Ameren-Bades in Emden sieht es deshalb kritisch, die Wassertemperaturen zu senken. Der Vorstand des Fördervereins, der das Bad betreibt, habe sich vor Kurzem entschieden, an dieser Stellschraube nicht zu drehen: „Wir können es uns leisten, für das Gas zu zahlen.“ Im Übrigen nutze man auch eine Solaranlage. Das van-Ameren-Bad wird am 7. Mai eröffnen. Erwachsene müssen für den Eintritt 50 Cent mehr als im vergangenen Jahr zahlen. Damit sei man auf dem Preisniveau, das andere Bäder auch verlangten, so Elke Fehren-Schmitz. Der steigende Gas-Preis ängstigt sie nicht so sehr wie ein anderes Problem: Derzeit fehle noch der vierte Bademeister, um einen vollwertigen Betrieb zu gewährleisten.

Weniger Badegäste durch kaltes Wasser

Ob es im Familien- und Freizeitbad „De Baalje“ im Wasser kälter wird als sonst, wird in der kommenden Woche entschieden. „Wir setzen uns mit den Verantwortlichen und dem Leiter des Gebäudemanagements zusammen, um das Für und Wider abzuklären“, sagte Erster Stadtrat Hardwig Kuiper. Man müsse dabei ins Kalkül einbeziehen, dass ein nicht gut beheiztes Bad auch weniger Besucher anziehen werde. „Das ist dann eine betriebswirtschaftliche Berechnung“, so Kuiper.

Die DGfdB sieht noch etwas weiter in die Zukunft als die meisten Bäder in Ostfriesland: „Natürlich bereiten auch wir uns auf die massiven Folgen von drohenden Lieferengpässen und Gasrationierungen oder gar eines vollständigen Embargos vor“, sagt DGfdB-Geschäftsführer Christian Mankel, dessen Verband etwa 1000 der rund 7000 öffentlichen Hallen- und Freibäder vertritt. „Um in diesen Szenarien einen Basisbetrieb der Bäder dennoch aufrechterhalten zu können, wird über Maßnahmen wie Schließung von Außenbecken und Rutschen sowie ‚Luxus-Angeboten‘ nachzudenken sein“, sagt Mankel. Neben der Wasser- könnten auch die Lufttemperatur gesenkt und Blockheizkraftwerke außer Betrieb gesetzt werden müssen. Mankel: „Unser Arbeitskreis Energie und Ressourcen bereitet gerade eine umfassende Checkliste vor.“ Sollte es in Deutschland vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs zu einem russischen Gaslieferstopp kommen, könnten städtische Bäder sogar komplett geschlossen werden.

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