Energie

Her mit dem Gas – doch wer soll‘s bezahlen?

| | 11.04.2022 18:13 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Manometer zeigt den Druck im Erdgasnetz auf dem Gelände eines Untergrund-Gasspeichers in Bad Lauchstädt, Sachsen-Anhalt, an. Foto: Woitas/dpa
Ein Manometer zeigt den Druck im Erdgasnetz auf dem Gelände eines Untergrund-Gasspeichers in Bad Lauchstädt, Sachsen-Anhalt, an. Foto: Woitas/dpa
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Die deutschen Erdgasspeicher waren letzten Winter bedrohlich leer. Ein neues Gesetz sorgt dafür, dass das nicht wieder passiert. Jetzt wird Gas gekauft, zu enormen Kosten. Wer kriegt die Rechnung?

Etzel/Düsseldorf - In den Gaskavernen unter Etzel wird sich in den kommenden Wochen und Monaten voraussichtlich viel tun. Es gilt, die Speicher zu füllen, um die weitere Versorgung mit Gas sicherzustellen. Der Bundestag hat dazu vor gut zwei Wochen ein Gesetz verabschiedet, die „Änderung des Energiewirtschaftsgesetzes zur Einführung von Füllstandsvorgaben“. Dahinter verbergen sich fest vorgegebene Füllstände der Gasspeicher, damit es im kommenden Winter nicht zu Engpässen kommt. Das gilt natürlich auch für die Anlagen in Etzel.

Konkret schreibt das Gesetz diese Füllstände vor: Zum 1. August müssen die Lagerstätten zu 65 Prozent gefüllt sein, zum 1. Oktober zu 80 Prozent, zum 1. Dezember zu 90 Prozent und zum 1. Februar noch zu 40 Prozent. „Damit sollen alle Betreiber in Deutschland verpflichtet werden, ihre Speicher schrittweise zu füllen“, heißt es dazu beim Bundeswirtschaftsministerium. Vor allem mit Blick auf den kommenden Winter sollten die Energie-Versorgung gewährleistet und heftige Preisausschläge eingedämmt werden. Das Ministerium schreibt zur konkreten Begründung des Gesetzes: Die Füllstände der Speicher seien im Winter 2021/2022 historisch niedrig gewesen – auch deswegen seien die Preise an den kurzfristigen Handelsplätzen stark angestiegen.

Wie viel Gas lagert in Etzel?

Im Salzstock unter Etzel sind 75 Kavernen in Betrieb, in 51 von ihnen lagert Gas, im Rest Rohöl. Wie viel Gas tatsächlich in den unterirdischen Hohlräumen vorhanden ist, zeigt ein Blick auf die aktuelle Füllstandsliste (https://agsi.gie.eu) der Gas Infrastructure Europe (GIE). Dort ist auch zu erkennen, dass zumindest bei einem der Gasunternehmen in Etzel noch viel Platz ist; und zwar beim größten, bei Uniper. Insgesamt lagern in Etzel vier Betreiberkonsortien Gas ein: Etzel Gas-Lager (EGL), ESE-Erdgasspeicher Etzel, Etzel-Kavernenbetriebsgesellschaft (EKB) und Friedeburger Speicherbetriebsgesellschaft Crystal (FSG-Crystal).

Das Düsseldorfer Energieunternehmen Uniper ist über EGL und ESE der größte Speicherkunde in Etzel. Tatsächlich ist Etzel nach Uniper-Angaben auch die größte Gas-Speicherstätte des Unternehmens. Die ESE-Speicher sind laut Füllstandsliste aktuell mit 6,8 Terawattstunden gefüllt, das entspricht einer Auslastung von knapp 30 Prozent. In den EGL-Speichern lagern aktuell zwei Terawattstunden, das entspricht gerade mal einer Auslastung von neun Prozent. Die Kavernen der beiden anderen Kunden sind aktuell zwischen 53 und 59 Prozent gefüllt. In der Füllstandsliste ist übrigens auch zu erkennen, dass Deutschlands größter Erdgasspeicher Rehden praktisch leer ist. Das Unternehmen Astora betreibt den Speicher in Rehden. Astora gehört zur Gazprom Germania, einer ehemaligen Tochtergesellschaft des russischen Unternehmens Gazprom. Seit April ist die Bundesnetzagentur Treuhänderin der Gazprom Germania.

Die Anlage des Erdgasspeichers (Astora GmbH) im niedersächsischen Rehden. Es handelt sich dabei um den größten Speicher in Westeuropa. Foto: Assanimoghaddam/dpa
Die Anlage des Erdgasspeichers (Astora GmbH) im niedersächsischen Rehden. Es handelt sich dabei um den größten Speicher in Westeuropa. Foto: Assanimoghaddam/dpa

Was sagen die Unternehmen?

In den Etzeler Kavernen mit Uniper-Beteiligung ist also noch deutlich Luft nach oben. Sind die vom Gesetzgeber verlangten Speicherstände überhaupt zu schaffen? „Können wir derzeit nicht beantworten“, heißt es auf diese Frage aus der Konzernzentrale in Düsseldorf. Es gebe ausreichend Gas am Weltmarkt, „wenn man bereit ist, die gestiegenen Preise zu zahlen“. Im Großhandel seien die Preise heute rund 500 Prozent höher als Anfang 2021, je nach Stichtag und bei enormen Schwankungen von Tag zu Tag. Uniper bezieht sein Erdgas und sein verflüssigtes Erdgas nach eigener Auskunft vor allem aus Russland, Norwegen, den Niederlanden, Azerbaidschan, Quatar und den USA.

Bei der FSG-Crystal ist man zuversichtlicher, was die verlangten Füllstände angeht. „Das ist auf jeden Fall zu schaffen“, erklärt der technische Geschäftsführer, Uwe Schormann. Technisch sei das keine Herausforderung, ökonomisch schon eher. Auch er verweist auf die stark gestiegenen Gaspreise am Weltmarkt.

Wer zahlt zum Schluss?

Gefüllt werden die Kavernen aber wohl auf jeden Fall, die Frage ist eher: von wem? Das neue Gesetz sieht ein zusätzliches Instrument vor, das zum Einsatz kommen kann, wenn die vorgesehenen Mindestfüllstände absehbar nicht erreicht werden. Konkret soll dann der sogenannte Marktgebietsverantwortliche, die Trading Hub Europe GmbH (THE), verpflichtet werden, die Gasspeicher schrittweise zu füllen. THE ist eine Tochtergesellschaft aller Gaspipeline-Betreiber in Deutschland.

Beim Branchenverband INES (Initiative Energien Speichern) geht man aktuell davon aus, dass wohl tatsächlich die THE wird einspringen müssen. „Marktwirtschaftlich gibt es gerade wenig Anreize, die Speicher zu befüllen“, erklärt INES-Geschäftsführer Sebastian Bleschke auf Nachfrage. Die Einspeicherung von Gas würde in der Folge vom Marktgebietsverantwortlichen vorgenommen werden müssen. Die damit verbundenen Kosten würden über eine Bilanzkreisumlage auf die Akteure im Gasmarkt umgelegt. Und damit zum Schluss auf die Gaskunden.

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