Weltrekord

Vor 15 Jahren wurde Suurhuser Kirchturm offiziell der weltweit schiefste

| | 13.04.2022 11:32 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
So schief wie der Suurhuser Turm ist keiner. Er bietet sich für viele spielerische Fotomotive an. Foto: Ortgies/Archiv
So schief wie der Suurhuser Turm ist keiner. Er bietet sich für viele spielerische Fotomotive an. Foto: Ortgies/Archiv
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Seit 15 Jahren ist der Kirchturm in Suurhusen weltweit der offiziell schiefste. Wir haben mit dem Suurhuser Pastor Frank Wessels über die enorme Wirkung dessen gesprochen - sowie die Konkurrenz inspiziert.

Suurhusen - Der Weltrekordstitel „schiefster Turm“ ist dem Dorf Suurhusen in der Gemeinde Hinte praktisch in den Schoß gefallen. Vor 15 Jahren hatte ein Redakteur des Guinness-Buchs aus Hamburg bei der Kirchengemeinde angerufen, erinnert sich Pastor Frank Wessels aktuell im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das war schon ungewöhnlich“, sagt er. Andere, die gerne einen Rekord aufstellen wollten, müssten sich sonst abmühen. „Und der Redakteur rief einfach bei uns an und fragte, ob wir ins Guinness-Buch wollen“, so Wessels.

Was und warum

Darum geht es: Ostfriesland hat einen ganz besonderen Weltrekord vorzuweisen, der sogar innerhalb der Region schon übertrumpft werden sollte.

Vor allem interessant für: Menschen, die sich für Weltrekord interessieren, in Suurhusen leben oder den Ort gerne besuchen

Deshalb berichten wir: Vor 15 Jahren wurde der schiefe Turm von Suurhusen offiziell in das Guinness-Buch der Rekorde eingetragen. Das haben wir zum Anlass genommen, um uns einmal die Anfänge und auch die Konkurrenz anzuschauen.

Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de

Man habe dann schnell geklärt, was dafür nötig war - eine amtliche Messung und ein Foto - und beides in Auftrag gegeben. Der Neigungsgrad von 5,19 wurde festgestellt, womit der schiefe Turm von Pisa (3,97 Grad Neigung) übertroffen wurde. Das zahlte sich aus: Am 8. November 2007 wurde im feierlichen Rahmen in einer Live-Übertragung in der Suurhuser Kirche die Urkunde übergeben. Und das auf Wunsch der Guinness-Buch-Redaktion am „World Records Day“, also dem weltweiten Tag des Weltrekords. „Das war das nächste Bonbon für uns“, so Wessels. Etwa fünf Fernsehteams seien bei der Veranstaltung dabei gewesen sowie zahlreiche Vertreter von Zeitungen. Selbst in der Tagesschau sei nachmittags darüber berichtet worden. Ein regelrechter Hype habe sich danach um den schiefen Turm entwickelt, dessen Rekord 2009 im Guinness-Buch abgedruckt wurde. Bezahlen musste die Gemeinde dafür nichts.

Tourismus ging „völlig durch die Decke“

„Es war und ist so: Der Rekord hat den Tourismus hier gewaltig gefördert“, sagt der Pastor. Die Besucherzahlen seien danach „völlig durch die Decke“ gegangen. Auch vor der Pandemie wurden noch busseweise Touristen in das kleine Hinteraner Dorf gebracht. In der Pandemie war das zwar weniger, dafür machten sich viele Individualtouristen per Rad oder Auto auf den Weg. Die Kirche liege optimal an der Bundesstraße, die zu den Inseln führe, so Wessels.

Der Turm von Pisa galt bis 2007 als der offiziell schiefste. Dann löste ihn der Kirchturm aus Suurhusen ab. Foto: Pixabay
Der Turm von Pisa galt bis 2007 als der offiziell schiefste. Dann löste ihn der Kirchturm aus Suurhusen ab. Foto: Pixabay

Angst vor Konkurrenz, also einer Gemeinde mit einem schieferen Turm, hat er nicht. Anfangs habe er andere Bewerber um den Titel noch im Blick gehabt. Gleichzeitig sei Suurhusen auch von anderen beobachtet worden, meint er. „Es kamen auch kritische bis unverschämte Anfragen“, sagt der Pastor. Aus der Stadt Dausenau (Rheinland-Pfalz) etwa habe sich jemand gemeldet, der meinte, die Suurhuser seien unverschämt. Ihr Turm, der an der Lahn gelegen ist und Teil einer mittelalterlichen Stadtmauer ist, sei viel schiefer. Tatsächlich wurde gemessen, dass der Turm sich um 5,22 Grad neigt. Aber: Ins Guinness-Buch kam er nicht, weil er als Ruine gilt.

Konkurrenz aus Ostfriesland

Auch die Gemeinde der Oberkirche in Bad Frankenhausen stellte schon den Rekord in Frage. Sie werben auf ihrer Website spitzfindig mit dem Slogan vom „schiefsten höchsten Kirchturm der Welt“. Er weist nur eine Neigung von 4,93 Grad auf, ist aber mit rund 56 Metern deutlich höher als der Suurhuser Turm, der nur knapp 27 Meter in den Himmel ragt. Der schiefe Turm der Oberkirche hat mit 4,6 Metern auch den größten Überhang aller deutschen Türme. Einen Eintrag ins Rekordbuch bekam er deswegen aber bislang nicht.

Der Turm der Oberkirche in Bad Frankenhausen ist zwar höher als der in Suurhusen, aber nicht schiefer. Foto: Bodo Schackow/dpa
Der Turm der Oberkirche in Bad Frankenhausen ist zwar höher als der in Suurhusen, aber nicht schiefer. Foto: Bodo Schackow/dpa

Selbst aus Ostfriesland gibt es Einwände an dem Suurhuser Rekord: „Der frei stehende Glockenturm der evangelisch-reformierten Kirche Midlum [Rheiderland] ist 14,0 Meter hoch und gilt weltweit mit einem Neigungswinkel von 6,74 Grad als der schiefste alleinstehende Kirchturm“, schreibt die Gemeinde Jemgum auf ihrer Website. Allerdings gilt der Bau nach gängiger Definition nicht als Turm im engeren Sinne, da seine Höhe nicht ein Mehrfaches seines Durchmessers beträgt. Ein Rekordeintrag blieb für den Glockenturm bislang also aus. Nicole Zimmer, Kirchenratsvorsitzende von Midlum, sagt auf aktuelle Nachfrage dieser Zeitung, dass das Thema derzeit auch nicht mehr im Raum stehe. „Geplant ist meines Wissens nichts“, sagt sie. Schon jetzt kämen viele Radtouristen in den Ort im Rheiderland, um sich die Kirche anzuschauen. Von Ostern bis Erntedank sei die Kirche täglich geöffnet. Ob die Gäste aber kämen, um sich speziell den schiefen Glockenturm anzuschauen, könne sie nicht einschätzen.

In Midlum im Rheiderland steht der weltweit wohl schiefste Glockenturm. Foto: Ostfriesland travel
In Midlum im Rheiderland steht der weltweit wohl schiefste Glockenturm. Foto: Ostfriesland travel

Frank Wessels sieht die ganze Sache indes sehr entspannt. Selbst wenn der Rekord irgendwann gebrochen werde, glaube er nicht, dass deswegen weniger Touristen nach Suurhusen kämen. „Ist man erst mal im Guinness-Buch, kriegt man das nicht mehr eingefahren“, sagt er. Allen anderen, die sich mit ihren schiefen Türmen bei ihm gemeldet hätten, habe er geraten, sich bei der Rekord-Redaktion zu bewerben. „Wir wären faire Verlierer“, meint er. Bis heute habe er aber nicht gehört, dass ernsthaft an dem Rekord gerüttelt werde.

→ Am 1. April hat die Führungssaison in der Suurhuser Kirche begonnen. Einer von vier Gästeführern stehe für Interessierte zu den festen Öffnungszeiten parat, so Pastor Wessels. Laut Website ist die Kirche dienstags, mittwochs und freitags von 10 bis 12 sowie von 15 bis 17 geöffnet und samstags von 10 bis 12 Uhr. Termine können außerhalb der Öffnungszeiten auch unter Telefon 04925/1895 vereinbart werden.

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