Osnabrück
Nach zwei Jahren im virtuellen Raum: EMAF findet wieder live statt
Zweimal hintereinander ist das EMAF Opfer der Corona-Beschränkungen geworden. Nach zwei virtuellen Ausgaben findet das Festival nun wieder in all seiner bunten Vielfalt an verschiedenen Orten der Stadt
Die Unwägbarkeiten beim European Media Art Festival, kurz: EMAF, bewegen sich dieses Jahr im marginalen Bereich, und genau genommen sind sie ein Grund zur Freude. Denn sie besagen, dass das Medienkunst-Festival das digitale Ghetto verlassen hat, in das Corona es zwei Jahre lang verbannt hat. Jetzt kann Alfred Rotert von der Festivalleitung in Sachen Corona-Auflagen auf die Bedingungen der jeweiligen Veranstaltungsorte hinweisen. Von Mittwoch nächster Woche bis Sonntag findet das EMAF in Osnabrück statt. Live und in Farbe.
Das weckt Vorfreude. Kathrin Mundt - sie leitet mit Rotert das Festival - berichtet von den vielen Filmemachern, „denen es wichtig ist, dass ihre Filme im Kino laufen.“ Auch Ausstellungs-Kuratorin Inga Seidler bestätigt das. „Das gemeinsame Erleben ist ganz wichtig“, sagt sie.
Damit wird das EMAF in diesem Jahr zum Plädoyer für die Kunst als gemeinsames Erlebnis im realen Raum. Die Kunsthalle wird wieder zum Schauplatz der Ausstellung, die Lagerhalle und das Filmtheater Hasetor zeigen Filme, die Studierenden des Campus bespielen den Neubau der Kunsthalle, Hase 29, das Haus der Jugend. Dort findet auch eine der beiden Talkrunden statt, die die Berliner Kuratorin und Autorin Daphne Dragona gemeinsam mit Rotert organisiert hat. Wie früher.
Tatsächlich erzwingt das Festivalmotto die Präsenz geradezu. Das Motto „The thing is“ schwebt wie ein Thesenfragment über dem Festival, ein Halbsatz, der beliebig viele Denk- und Erlebensräume öffnen kann. Allerdings gibt das Festival sehr wohl Richtungen vor, in dem es das Verhältnis des Menschen zur dinglichen Welt untersucht. Wobei natürlich auch die Frage verhandelt wird, was unter der dinglichen Welt zu verstehen ist. Aber ein Ansatzpunkt fürs Festivalmotto ist der Umstand, dass mittlerweile die „von Menschen gemachte Masse die Biomasse auf der Erde übersteigt“, sagt Ausstellungskuratorin Seidler.
Wir sind also umgeben von einer Welt aus Dingen, und wie das so ist in unserer Welt: Die Grenzen sind fließend. Deshalb widmet sich in der neuen Film-Sektion „Artist in Focus“ die puerto-ricanische Künstlerin Beatriz Santiago Muñoz der Natur ihrer Heimat und unserem Verhältnis zur Natur, das aber natürlich nicht im Arte-Doku-Format, sondern mit den Mitteln des Experimentalfilms – da wird die Naturaufnahme durch unterschiedliche Linsen vor der Kamera im buchstäblichen Sinn gebrochen. Die britische Filmkünstlerin Emily Wardwill hingegen befasst sich mit der unbeständigkeit von Sprache, mit Technologie und der Materialität von Erinnerung.
Auch die Talks – drei im Online-Format auf der Homepage des Festivals, einer im Haus der Jugend und einer als Performance in der Kunsthalle – widmen sich dem Verhältnis zum „Ding“. Dabei geht es genauso um künstliche Intelligenz wie um Rechte, die der Natur zugesprochen werden.
Das Zentrum der Filmsektion bildet auch im Jahr nach Corona der internationale Wettbewerb. Daneben zeigen die Akademie der bildenden Künste Wien und die Nederlandse Filmacademie Amsterdam im Rahmen des Campus Filmprogramme im Hasetor.
Insgesamt sind 2600 Arbeiten eingereicht worden, sagt Rotert; daraus ist ein Festivalprogramm mit 200 Beiträgen geworden. Mit den vielen Einreichungen einher geht „eine hohe Zahl der Anmeldungen“, sagt er weiter: Die Künstler genießen die wiedergewonnene Freiheit, Reisen zu können – und ihre Werke vor Ort zu präsentieren. Deshalb gibt sich Rotert einigermaßen optimistisch: „Wir können Zuschauerzahlen wie in den Vorjahren erwarten“, sagt er. Damit stehen die Chancen gut, dass nächsten Mittwoch ein Höhepunkt des Osnabrücker Kulturjahres ansteht: Bei der Eröffnung des EMAF im Innenhof der Kunsthalle.