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Teddys nur für ukrainische Flüchtlinge?

| | 13.04.2022 19:09 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Unterschiede bei Spielzeugspenden? Irgendwas läuft schief, findet Helene Frieden von den Johannitern. Foto: Wenisch/dpa
Unterschiede bei Spielzeugspenden? Irgendwas läuft schief, findet Helene Frieden von den Johannitern. Foto: Wenisch/dpa
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Bei den Spenden für die ukrainischen Kriegsflüchtlinge werden oft die Flüchtlinge aus anderen Ländern vergessen. Viele haben ähnliches erlebt. Ein Einblick in die aktuelle Flüchtlingsarbeit.

Aurich - Spielzeugspenden nur für ukrainische Kinder in einem Flüchtlingsheim: Die anderen Kinder gehen leer aus? Mit solchen Situationen haben es Flüchtlingshelfer in diesen Tagen der enormen Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung auch zu tun. „Das geht natürlich nicht. In solchen Momenten wird deutlich, in welchem Zwiespalt die Flüchtlingsarbeit momentan steckt“, sagt Helene Frieden. Sie ist Dienststellenleiterin im Ortsverband Aurich der Johanniter-Unfall-Hilfe und leitet die Stabsstelle Integration der Hilfsorganisation im Regionalverband Weser-Ems. Wie andere, die sich um Flüchtlinge kümmern, „bin ich natürlich trotzdem völlig überwältigt von der großen Hilfsbereitschaft, die wir momentan erleben“, sagt Frieden.

Was und warum

Darum geht es: Sind Flüchtlinge in Deutschland wirklich gleichberechtigt? Helene Frieden, Leiterin der Stabsstelle Integration bei den Johannitern, zweifelt daran.

Vor allem interessant für: Flüchtlingshelfer, Politiker und Verantwortliche in der Flüchtlingsarbeit

Deshalb berichten wir: Wir haben Helene Frieden bei der Konferenz zum Zivilschutz in Ihlowerfehn sprechen gehört und wollten es genauer wissen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Auf der anderen Seite fühlen sich einige Entscheidungen der Politik an wie eine Ungleichbehandlung der Flüchtlinge. Deshalb hatte sie vor zwei Wochen Landesinnenminister Boris Pistorius (SPD) bei der Konferenz zum Zivilschutz in Ihlowerfehn darauf hingewiesen: Flüchtlinge müssen gleich behandelt werden. „Es ist schwer, afghanischen Frauen, die seit Jahren auf einen Integrationskurs warten, zu erklären, warum es bei anderen Flüchtlingen plötzlich so schnell geht“, sagt Frieden. Natürlich gebe es jetzt die rechtliche Grundlage durch die Massenzustrom-Richtlinie. Die habe es 2015 allerdings ebenfalls gegeben. Sie sei nur nicht aktiviert worden. „Wir sehen heute, wie viel einfacher wir es damit den von Krieg und Vertreibung betroffenen Menschen gemacht hätten“, sagt Frieden. „Und selbst wenn wir es damals nicht konnten, warum gilt sie jetzt nicht für alle, die in einer ähnlichen Situation geflüchtet sind und hier in Deutschland sind?“

Gleicher Zugang zu Kursen und Arbeit

Sprachkurse sofort nach Ankunft, Aufnahme in Familien, Zugang zum Arbeitsmarkt und alles, was Menschen brauchen, um sich zu entwickeln. Das wäre ihr Wunsch für alle von Krieg und Vertreibung Betroffenen. Statt lange in Asylbewerberunterkünften ohne Perspektive und Aufgabe zu sitzen, hätten die Flüchtlinge aus Syrien sofort für den Arbeitsmarkt fit gemacht werden können. „Sie wurden damals genauso aus dem Leben und dem Beruf gerissen und konnten plötzlich gar nichts mehr tun. Sie saßen jeden Tag eng auf eng mit vielen anderen Menschen in den Unterkünften. Sie hatten keine Privatsphäre, konnten nur abwarten. Das macht Menschen fertig.“

Helene Frieden leitet die Stabsstelle Integration der Johanniter im Regionalverband Weser-Ems. Foto: Böning
Helene Frieden leitet die Stabsstelle Integration der Johanniter im Regionalverband Weser-Ems. Foto: Böning

Ein großer Vorteil bei der aktuellen Regelung ist der Verzicht auf ein langwieriges Asylverfahren. Das entlastet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Stattdessen können sich die Behörden darauf konzentrieren, die Menschen zu versorgen. Das ist ein großer Unterschied zur Flüchtlingskrise von 2015. Warum man das nicht schon 2015 so geregelt hat: „Damals gab es keine Mehrheit dafür, die Massenzustrom-Richtlinie in Kraft zu setzen“, sagt Frieden. Der Konsens war, dass die Syrer in der Türkei bleiben sollten. Beim Krieg in der Ukraine ist das nicht möglich, denn nun sind die EU-Staaten selbst die Erstaufnahmeländer. Mit diesem Unterschied argumentiert die Politik die unterschiedlichen Entscheidungen.

Mitten im Leben statt in der Unterkunft

Die Argumentation kann Frieden verstehen – auf der anderen Seite sieht sie jetzt, was dadurch damals möglich gewesen wäre. „Die Menschen wären direkt mitten im Leben angekommen“, so Frieden: „Das macht einen riesigen Unterschied.“ Seit der Flüchtlingskrise 2015 ist der Ortsverband Aurich der Johanniter ebenfalls in der Flüchtlingsarbeit aktiv, bietet Alphabetisierungskurse, Erstorientierungskurse und Integrationskurse für geflüchtete Frauen mit Kinderbetreuung an.

Zu Beginn der Krise hatten die Johanniter außerdem die Notunterkunft in der Blücherkaserne betrieben. Bis Ende März waren sie für die Flüchtlingsunterkunft in der Auricher Jugendherberge verantwortlich. Weitere Einrichtungen im Regionalverband gibt es noch heute zum Beispiel in der Gemeinde Edewecht.

Ein weiteres Problem sieht Frieden für ihre Arbeit bei zweckgebundenen Geldspenden – ausschließlich für ukrainische Flüchtlinge. „Wenn dieses Geld nicht abfließen kann, können wir es nicht für dringende andere Aufgaben verwenden“, sagt Frieden. Auch in anderen Ländern gebe es schließlich Krieg, Flucht und Vertreibung. Für Helene Frieden ist eine gleichberechtigte und gute Integrationsarbeit der Schlüssel: „Nicht nur für die Menschen, die zu uns kommen, sondern auch für unsere Gesellschaft. Denn sie kann von dem Potenzial profitieren, das die Menschen mitbringen, die zu uns kommen.“ Aus dem aktuellen Umgang mit den Flüchtlingen könne man viel Gutes lernen – und hoffentlich auch für Menschen mit Kopftuch und mit einer anderen Hautfarbe anwenden.

„Wir können bei den Bedürftigen keine Unterschiede machen“

Helmut Wendt von der Flüchtlingshilfe Aurich spricht über Spenden für Ukrainer und darüber, dass Flüchtlinge aus anderen Ländern momentan in der Wahrnehmung der Spender in den Hintergrund rücken.

Aurich - Helmut Wendt engagiert sich für die Flüchtlingshilfe Aurich und ist momentan dabei, Angebote für ukrainische Flüchtlinge im Landkreis ins Leben zu rufen und zu unterstützen. Die Flüchtlingshilfe betreibt unter anderem eine Kleiderkammer und verteilt Spenden an Projekte, die den Menschen helfen, sich im neuen Alltag zurechtzufinden und die deutsche Sprache zu lernen. Die Redaktion hat mit Helmut Wendt darüber gesprochen, wie er allgemein mit Spenden umgeht, die ausschließlich für ukrainische Flüchtlinge abgegeben werden.

Frage: Gibt es Menschen, die bei Ihnen Spenden ausschließlich für ukrainische Flüchtlinge abgeben?

Helmut Wendt: Ja, das kommt schon vor. Dann kläre ich in einem persönlichen Gespräch, dass wir keine Unterschiede machen können. Schließlich sind nicht nur Menschen aus der Ukraine in Not. Auch die Helfer in der Kleiderkammer weisen die Spender darauf hin, dass wir bei den Bedürftigen keine Unterschiede machen können. Wir sind für alle da. In die Kleiderkammer kann auch jeder kommen, der von Grundsicherung lebt. Vor allem können die Spenden für die Ukrainer momentan noch gar nicht so schnell abfließen. Der Kontakt zu den über Utlandshörn ankommenden Kriegsflüchtlingen ist aktuell schwierig und eher dem Zufall geschuldet. Der Landkreis hat aber wieder zu einem runden Tisch eingeladen, bei dem hoffentlich geregelt wird, wie die Zusammenarbeit zukünftig anders laufen kann. Es ist natürlich klasse, dass die Menschen so engagiert spenden – diese Spendenbereitschaft hilft uns bei unserer Arbeit enorm.

Frage: Nicht nur die Spender, sondern auch die Politiker machen Unterschiede. Die ukrainischen Flüchtlinge haben über die EU-Massenzustrom-Richtlinie ganz andere Möglichkeiten, hier anzukommen. Sie bekommen mehr Geld, dürfen arbeiten und können Sprachkurse besuchen. Andere müssen je nach Herkunft nach dem Asylbewerberleitungsgesetz jahrelang auf Sprachkurse und eine Arbeitserlaubnis warten. Wie bewerten Sie die Situation?

Wendt: Auch wenn es rechtlich vielleicht korrekt ist, menschlich ist das eine schwierige Situation. Wie geht man zum Beispiel mit Menschen aus anderen Ländern um, die in der Ukraine gelebt haben, von dort geflüchtet sind, aber keine Aufenthaltsgenehmigung nachweisen können? Auch sie sind vor dem Krieg geflüchtet, haben vielleicht Schlimmes erlebt, werden aber anders behandelt. Auch die Situation der afghanischen Flüchtlinge ist aus dem Blickfeld der Bevölkerung gerückt. Wer dort unter den Taliban gelitten hat und nicht zur Schule gehen konnte, hätte hier die gleichen Chancen verdient. Diese unterschiedliche Bewertung ist für uns Helfer eine belastende Situation.

Frage: Bekommen die Menschen, die sie betreuen, davon etwas mit?

Wendt: Nein, sie bekommen davon nichts mit. Wir sind offen für alle, die bei uns Hilfe suchen, und verteilen unsere Spenden nach Bedürftigkeit. Wenn jemand für einen afghanischen Flüchtling Ausstattung benötigt, können wir ihn ja nicht wegschicken. Ich verteile momentan auch Bildwörterbücher und Lehrmaterial so, wie der Bedarf ist.

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