Gesundheit

So oft muss der Mann über den Tüv

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 17.04.2022 13:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Prostatakrebs hat bei Früherkennung gute Heilungschancen. Krankenkassen empfehlen die Vorsorgeuntersuchung ab dem 45. Lebensjahr. Foto: Anspach/dpa
Prostatakrebs hat bei Früherkennung gute Heilungschancen. Krankenkassen empfehlen die Vorsorgeuntersuchung ab dem 45. Lebensjahr. Foto: Anspach/dpa
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Männer trauen sich seltener zur Vorsorge als Frauen. Wir wollten von einem Mediziner wissen, warum das so ist und welche Untersuchungen sie wie regelmäßig machen sollten.

Ostfriesland - „Was soll ich beim Arzt? Mir fehlt doch nichts!“ Diese oder eine ähnliche Antwort hören Millionen deutscher Ehefrauen vermutlich regelmäßig. Regelmäßiger zumindest als dass ihre Göttergatten tatsächlich zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen. Ob diese Sorglosigkeit nun echt oder nur vorgeschoben ist: Sie kann sich rächen. Schwere Krankheiten sind meist besser behandelbar, je früher sie erkannt werden. Und das passiert eben nicht selten bei einer routinemäßigen Vorsorgeuntersuchung.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs gehören zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Die Krankenkassen übernehmen deshalb in der Regel die Kosten für regelmäßige Untersuchungen in bestimmten Lebensphasen. Wir fragten Dr. Carsten Brinkmann, Allgemeinmediziner mit Praxen in Wiesmoor und Moormerland, welche Untersuchungen für Männer in welchem Alter wichtig sind.

Ab 35 Jahren

Ab dem 35. Lebensjahr übernehmen die Kassen einen allgemeinen Check-up alle drei Jahre. „Das ist eine relativ oberflächliche körperliche Untersuchung“, sagt Brinkmann. „Dazu gehört auch eine Blutuntersuchung auf Cholesterin und die Leberwerte, sowie eine Urinprobe.“ Darüber hinaus ist alle zwei Jahre ein Hautscreening bei Dermatologen oder berechtigten Hausärzten möglich. „Dabei wird die Haut am ganzen Körper auf Muttermale überprüft, um bösartige Melanome zu erkennen“, erklärt Brinkmann. „Hausärzte müssen für diese Untersuchung allerdings eine spezielle Weiterbildung machen.“

Ab 45 Jahren

Ab diesem Alter rückt die Prostatakrebsvorsorge in den Vordergrund. Dabei werden die Genitalien und die Prostata durch Ertasten auf Tumore untersucht. Von Männern wird das rektale Ertasten der Prostata auch scherzhaft „Große Hafenrundfahrt“ genannt. Möglich ist auch ein PSA-Test: Dabei wird in einer Blutprobe nach dem Prostataspezifischen Antigen (PSA) gesucht, einem Indikator für einen möglichen Tumor. „Der Test kostet 17 Euro, ist aber eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), die nicht von der Kasse bezahlt wird“, erklärt Brinkmann. Die Krankenkassen argumentieren, dass der Schaden möglicher falscher Befunde den Nutzen nicht aufwiege. „Ich habe in meiner Praxis bei acht Patienten durch den PSA-Test Prostatakrebs diagnostizieren können“, sagt Brinkmann. „Das mag für die Kasse nicht von Nutzen sein, für die acht Patienten war das die Rettung.“

Ab 50 Jahren

Ab dem 50. Lebensjahr wird zur Darmkrebsvorsorge geraten. „Die ersten fünf Jahre wird dazu jedes Jahr eine Stuhlprobe auf nicht sichtbares Blut untersucht“, erklärt Brinkmann. „Ab 55 Jahren gibt es die Stuhluntersuchung alle zwei Jahre oder alternativ eine Darmspiegelung alle zehn Jahre. Die führt ein Gastroenterologe durch.“ Die Untersuchungen sind zuverlässig, Brinkmann findet aber, dass sie verhältnismäßig spät einsetzen. „Wir haben in den letzten Jahren beobachtet, dass immer mehr jüngere Menschen an Darmkrebs erkranken“, sagt er. „Die Untersuchung sollte schon früher beginnen.“

Impfungen

„Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten und Kinderlähmung werden in einer Impfung alle zehn Jahre abgedeckt“, erklärt Brinkmann. Mit zunehmendem Alter empfiehlt er auch die jährliche Grippeimpfung. „Die ist ja immer in der Diskussion“, sagt Brinkmann. „Aber man muss bedenken, dass wir eben auch schon Jahre mit 30.000 Grippetoten hatten.“ In einigen Fällen empfiehlt er außerdem eine Impfung gegen Meningokokken. „Die sind bei uns relativ selten, aber Muslime, die nach Mekka pilgern wollen, müssen beispielsweise eine Meningokokken-Impfung nachweisen“, so Brinkmann

Sind Männer harte Memmen?

„Männer akzeptieren Fehlzustände eher als Frauen“, sagt Brinkmann. „Wenn etwas nicht stimmt, wird es unter Umständen eine ganze Weile erst einmal hingenommen. Ich habe zum Beispiel schon Männer erlebt, die Blut im Stuhl hatten, aber erst nach Wochen damit in die Praxis gekommen sind.“ Grundsätzlich hält der Arzt eine engere medizinische Betreuung für sinnvoll. „Kuba etwa hat eine geringere Müttersterblichkeit als die USA“, sagt er. „Weil es dort per Gesetz mehr Untersuchungen gibt und die Ärzte sich mehr um die Mütter kümmern müssen, während Frauen in den USA horrende Summen beim Arzt zahlen. Ein Beispiel hierzulande ist Diabetes. Wenn wir Diabetes ganz früh erkennen, können wir mit dem Patienten intensiv arbeiten und auch bei schlichteren Gemütern eine Verhaltensänderung bewirken.“

Dass Männer in der Regel sieben Jahre früher sterben als Frauen, sieht er aber nicht allein in zu wenigen Untersuchungen begründet. „Dass Männer mehr riskieren und Frauen gewissenhafter sind, ist so ein bisschen ein feministisches Narrativ“, sagt Brinkmann. „Dass aber zum Beispiel schwere körperliche Arbeit über ein ganzes Leben eher bei Männern angesiedelt ist und dort die Gesundheit negativ beeinflusst, ist meines Erachtens auch ein Faktor.“

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