Osnabrück

Emaf wieder live: „Der Reichweiten-Fetisch ist trügerisch“

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 18.04.2022 11:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Blick in die Zeit vor Corona: Die Performance „The Materialist Cult“, die 2019 beim Emaf zu sehen war. Foto: Jörn Martens
Blick in die Zeit vor Corona: Die Performance „The Materialist Cult“, die 2019 beim Emaf zu sehen war. Foto: Jörn Martens
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Nach zwei Online-Ausgaben findet das European Media Art Festival (Emaf) in diesem Jahr wieder als richtiges Festival statt.

Was die Macher aus den Online-Ausgaben gelernt haben, wie sie ihre Festivalthemen finden: Darüber sprachen die Festivalleiter Katrin Mundt und Alfred Rotert im Interview.

Frage: Die letzten beiden EMAF-Ausgaben waren reine Online-Festivals. Wie ist es, ein Festival fürs Netz zu konzipieren?

Antwort: Katrin Mundt: Die direkte Reaktion hat uns absolut gefehlt. Wir haben versucht, die fehlende Liveerlebnis zu kompensieren, aber die konkrete Festivalerfahrung war für alle Beteiligten so, als wäre uns der Stecker gezogen worden.

Frage: Was fehlte denn besonders?

Antwort: Katrin Mundt: Die direkte Rückmeldung, Lob, Kritik, die Auseinandersetzung. Die Kontroversen, die sich manchmal aus gezeigten Werken ergeben. Im Hintergrund findet das aber trotzdem statt; Leute sprechen miteinander, tauschen sich über SMS aus. Sie haben sich, wenn auch nicht am gleichen Ort, aber zum gleichen Zeitpunkt verabredet, ein Filmprogramm zu schauen und währenddessen SMS ausgetauscht. Das hat mich sehr berührt: diese besondere Lagerfeuer-Situation. Das war für alle eine Chance auszuprobieren, was Festival noch alles sein kann.

Frage: Welche Fragen ergeben sich für Sie als Festivalmacher daraus?

Antwort: Katrin Mundt: Gibt es eine Nachfrage, die wir bedienen müssen? Tatsächlich gibt es mittlerweile die Erwartung, Online-Programme zu machen, und mir haben Leute ihre Enttäuschung darüber ausgedrückt, dass wir das nicht tun, dass sie nicht in New York oder Melbourne unser Programm mitverfolgen können.

Frage: Liegt bei Online nicht eine große Chance für Emaf, nämlich ein viel breiteres Publikum zu erreichen, und zwar weltweit?

Antwort: Katrin Mundt: Auf jeden Fall. Wir haben das für dieses Festival an den Einreichungen gemerkt. Da kamen bemerkenswerte Werke aus Ecken, die wir gar nicht auf dem Schirm hatten. Auch haben wir tatsächlich ein erweitertes Publikum gefunden. Aber dieser Reichweiten-Fetisch ist auch trügerisch. Denn die Art, wie audio-visuelle Werke gesehen und gehört werden, ist eine andere. Es macht einen Unterschied, ob man im Kino sitzt und einen Film von Anfang bis Ende guckt, oder ob man zuhause sitzt, vorspulen oder springen kann. Zuhause weiß ich nicht, wie jemand anders auf den Film reagiert; die ganzen Mikroebenen der gemeinsamen Erfahrung fallen weg.

Antwort: Alfred Rotert: Außerdem ist es schwierig, als Festival gegen große Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime anzutreten. Wir müssten einen permanenten Kanal unterhalten, aber das können wir nicht, und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Das Kernelement unseres Festivals ist es, vor Ort zu sein.

Frage: Deshalb gab es auch gar nicht die Überlegung, Online-Formate ans Emaf anzudocken?

Antwort: Katrin Mundt: Dagegen habe vor allem ich als Filmkuratorin mich stark gemacht. Ich wäre ja die einzige gewesen, die Inhalte in Online-Kanäle hätte hineingeben können. Für die Ausstellung funktioniert das allenfalls ganz, ganz eingeschränkt, und wir sind eben kein reines Filmfestival. Bestimmte Dinge lassen sich online nicht darstellen. Würden wir dauerhaft auf die Ausstellung verzichten, auf Performances – die mir sehr am Herzen liegen –, auf die Studierenden der Campus-Sektion, die hier zusammenkommen, ohne all das wären wir nicht mehr das Festival, das wir sind.

Frage: Trotzdem: Werden Festivals künftig wenigstens zum Teil online stattfinden?

Antwort: Katrin Mundt: Das kann ich mir schon vorstellen. Die Talks zum Beispiel entfalten online ein ganz anderes Potenzial. Man kann ganz andere Teilnehmer einladen, man ist nicht lokal und zeitlich eingeschränkt. Oder die Filmgespräche, die wir vorab aufzeichnen: Das ist ein großartiges Recherchetool für Personen, die die Filme möglicherweise spielen wollen. Das speisen wir Inhalte in die Community zurück, und das ist ein Standard, der sich durchgesetzt hat.

Antwort: Alfred Rotert: Was sich jetzt schon verändert hat, ist die Bedeutung der Website und der sozialen Medien wie Facebook und Instagram, die wir viel stärker nutzen und bespielen als in vorherigen Jahren.

Frage: Wie finden Sie ihre Festivalthemen wie jetzt im aktuellen Fall das Motto, „The Thing Is…“?

Antwort: Alfred Rotert: Zum einen werten wir das vorherige Festival aus und überlegen, welche Entwicklungen sich daraus ableiten lassen. Zum anderen schauen wir, welche aktuellen Diskurse sich in Kunst und Medien abspielen. Schwierig ist dabei: Wir müssen das Thema spätestens im Herbst entwickeln und prognostizieren, was im Frühjahr aktuell ist. Deshalb müssen wir Querschnitts- oder Überblicksthemen setzen, die nicht an einer absoluten Aktualität hängen, sonst könnten wir das nicht vorbereiten. Solche Themen entwickelt jeder für sich im eigenen Kopf, vieles wird verworfen, andere werden stark vertreten. Daran sind aber nicht nur wir beide beteiligt, sondern unsere Kuratorinnen werden in den Prozess mit einbezogen.

Frage: Und wie kam es zum konkreten diesjährigen Motto?

Antwort: Katrin Mundt: Mich treibt schon länger die Schnittstelle zwischen Kunst und Design um. Die Diskussion um die Materialität der Kunst schon sehr lange geführt, und mich hat interessiert, das zuzuspitzen auf die Frage, was Design in den Künsten und Kunst im Design leisten können. Kann sich unser Verhältnis zur Wirklichkeit erneuern, kann es sich schärfen oder entschärfen? Design wird ja vielfach verstanden als „schöner machen“ oder optimieren von Dingen. Tatsächlich gibt es aber eine lange Tradition in der Kunst, die versucht, genau das Gegenteil zu tun, durch die Betonung von Materialität Dinge aufzurauen, um Umgang mit Materialen darüber nachzudenken, was diese Materialien eigentlich sind, woher sie kommen oder welche Geschichte in sie eingelagert ist. Es gibt Künstler, die stark kollaborativ arbeiten, die mit Amateuren arbeiten, also losgelöst von der Disziplin des Designs.

Frage: Können Sie dazu Beispiel nennen?

Antwort: Katrin Mundt: Objekte, die gut industriell gefertigt werden könnten, werden von Künstlern selbst gemacht. Zum Beispiel gibt es eine starke Tendenz zum Textilen. Während das früher unter dem Motto, naja, Frauen nähen, stricken und häkeln, belächelt wurde, erlebt es in der Kunst eine Renaissance, genauso wie die Keramik. All das ist nah am am Körperlichen und galt lange als zweitklassige, angewandte Kunst und wird plötzlich wiederentdeckt als eine andere Form des Ausdrucks. Dabei steht nicht die Perfektion im Vordergrund, nicht das glatte, geschlossene, in sich ruhende Objekt. Es muss nicht alles glänzend, absolut neutral und zeitenthoben sein, sondern wir sehen die Zeitlichkeit am Objekt, wir sehen, wie lange es gedauert hat, das herzustellen, und wir sehen, dass es anstrengend war, das herzustellen.

Frage: Wo findet sich das exemplarisch beim Festival?

Antwort: Katrin Mundt: Zum Beispiel in der Position „The Table That Eats Itself“ von Valentina Karga in der Ausstellung. Die versucht, Design neu zu wenden, nachhaltig zu interpretieren. Wir haben uns in unserer Diskussion vom Design-Konzept – das für mich ein sehr politisches ist – wegbewegt, und durch die Hintertür ist es wieder hereingekommen. Das macht mir große Freude, dass wird „Das Ding“ als designtes „Ding“, aber eben als anders designtes „Ding“ im Programm haben.

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