Osnabrück

Emaf-Ausstellung setzt Gegenpol zur Corona-Isolation

Tom Bullmann
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Von Tom Bullmann
| 19.04.2022 17:43 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Kuratorin Inga Seidler arrangiert Exponate, die die Archäologie der optischen Forschung vermitteln. Foto: Andre Havergo
Kuratorin Inga Seidler arrangiert Exponate, die die Archäologie der optischen Forschung vermitteln. Foto: Andre Havergo
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Der Mensch rückt in die zweite Reihe, das Ding bestimmt den Diskurs: „The thing is“ lautet das Motto des diesjährigen European Media Art Festivals in Osnabrück. Zur 35. Ausgabe des Festivals gehört auch wieder eine Ausstellung mit begehbaren Installationen.

Ein Tisch steht mitten im Kirchenschiff. umgeben von sechs Monoblocs, den meistverkauften Sitzgelegenheiten der Welt. Während aber die Plastikstühle für ihre relative Haltbarkeit bekannt sind, besteht der Tisch aus einer Stoffhülle, in der sich Naturgut versteckt: Stroh sorgt für Stabilität, Kompost dient als Füllmaterial, Würmer beschleunigen einen beabsichtigten Zerfallsprozess.

Außen positionierte Luftbefeuchter schaffen das Klima , in dem das Möbelstück schon bald verrottet - während die Monoblocs noch Jahrzehnte stehen, bevor sie zu Mikroplastik zerfallen. Die Ambivalenz der Möbelstücke fokussiert Valentina Karga in ihrer Arbeit „The Table That Eats Itself“. Während des European Media Art Festivals (Emaf) wird die Installation zu einem von neun Werken der diesjährigen Ausstellung.

Ein Tisch und sechs Stühle. An anderer Stelle findet man im Kirchenschiff der Osnabrücker Kunsthalle Benzinkanister, fleischfarbene Blasen, Glaslinsen und Holzschnitzereien. Ausstellungskuratorin Inga Seidler will damit signalisieren: Der Mensch steht thematisch in diesem Jahr nicht so sehr im Vordergrund. Gemäß dem übergeordneten Motto des Emaf, das „The thing is“ lautet, geht es um das Wesen der Dinge. Vielleicht, so mag die Kuratorin gedacht haben, sind die Menschen Corona-bedingt seit zwei Jahren immer mehr auf sich selbst fixiert und kaum noch in der Lage, an etwas anderes als Job, Familie und Pandemie zu denken. Ein Gegenpol muss her.

Und jetzt grätscht auch noch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine in die Gedankenflut. Dazu passt eine Arbeit, die auf den ersten Blick ganz lustig erscheint, sich aber mit einem Gegenstand beschäftigt, der aus einem Kriegszusammenhang stammt: ein Benzinkanister. 1936 wurde der heute als „Jerrycan“ bezeichnete „Wehrmachts-Einheitskanister“ von der Firma Max Brose entwickelt und von sowjetischen Kriegsgefangenen in Massenproduktion gefertigt.

20 dieser Kanister dienen dem Medienkünstler Leon Kahane jetzt als Podest für einen Monitor, auf dem ein comicartiger Colonel Canister die unselige Geschichte der Firma Brose und ihre Verstrickung mit dem Naziregime erzählt.

Den Dingen auf den Grund gehen, das will auch Anastasia Sosunova. Sie stammt aus Litauen und macht Schnitzereien zum Objekt ihrer Medienkunst. Während der Pandemie beobachtete sie, dass in den Wäldern und Parks vermehrt Holz-Schnitzereien auftauchten, die von Menschen regional ganz unterschiedlich ausgeprägt angefertigt wurden. Handelte es sich um die Wiederbelebung einer Volkskunst durch Covid-19? Diese Frage versucht Sosunova mit ihrer Videoinstallation „Agents“ zu beantwortet.

Den Dingen auf den Grund gehen. Welche Verbindungen lassen sich zwischen einer Fresnel-Linse und der Globalisierung herstellen? Die Entwicklung der Speziallinse, die in vielen Leuchttürmen noch heute eingesetzt wird, basiert auf denselben Forschungen zu optischen Technologien, die auch für moderne Satellitennavigationssysteme angestellt werden. Zu diesem Ergebnis kommen Filipa César und Louis Hendersen in ihrer dokumentarischen Installation „Op-Film: An Archaeology of Optics“.

„Mittlerweile übersteigt die Masse der von Menschen geschaffenen Dinge, von Gegenständen, Maschinen oder Gebäuden, die gesamte lebende Biomasse auf unserem Planeten“, erklärt Kuratorin Seidler, warum sie bei der Auswahl der Exponate „das Ding“ in den Fokus stellt. Und sie wiederholt den Grund für die Reduktion auf insgesamt neun ausgestellte Arbeiten: „Wenn Corona zurückkehrt, ein Hygienekonzept die Besucherzahl limitiert und ausreichend Abstand vorschreibt, wären wir mit dem Platz, den wir haben, auf der sicheren Seite“, so Seidler. Im vergangenen Jahr hatte sie die Ausstellung gerade aufgebaut, als die Kunsthalle wegen des Virus komplett geschlossen werden musste. Nur an den letzten zehn Tagen der Ausstellung konnte sie tatsächlich in Präsenz angeschaut werden. Jetzt hofft Seidler, dass sie und ihre potentiellen Besucher diesmal mehr Glück haben.

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