Hamburg/Potsdam
Warum wir uns manche Serien wieder und wieder und wieder anschauen
Statt uns auf neue Geschichten und Figuren einzulassen, sehen wir immer wieder die gleichen fünf Serien. Warum sich das scheinbar Sinnlose so angenehm anfühlt und was der „Comfort Binge“ der Nation ist, erklärt Medienprofessorin Daniela Schlütz.
„Friends“, „How I met your mother“ oder „The Big Bang Theory“: Von manchen Serien können wir einfach nicht genug bekommen. Immer wieder schauen wir die Folgen an, in denen Ross und Rachel über Beziehungspausen streiten, Ted das blaue Horn stiehlt oder Penny Sheldon eine benutzte Serviette schenkt. Warum machen wir das, obwohl uns Netflix, Amazon Prime Video und Disney Plus täglich mit neuen Inhalten zuschütten?
Die Antwort kennt Daniela Schlütz. Sie ist Professorin an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und Vizepräsidentin für Forschung, Transfer und Gründung. „Zum einen geht es um das angenehme Gefühl der Sicherheit. Bei einer Serie, die ich schon kenne, und von der ich weiß, dass sie mich gut unterhalten wird, gehe ich kein Risiko ein“, erklärt Schlütz. Eine neue Serie berge dagegen die Gefahr, enttäuscht zu werden – gerade wer nur kurz etwas sehen wolle, gehe mit einer bekannten Serie auf Nummer sicher. Auch für das Nebenbeischauen während des Bügelns oder des Onlineshoppings eignet sich eine bekannte Serie eher als eine neue - ohne Angst, etwas zu verpassen, kann man sich einfach berieseln lassen.
Nicht nur die vertraute Handlung der Serien motiviert uns zum „comfort bingen“, also dem wiederholten Anschauen unserer Lieblingsserien. Es sind vor allem die Charaktere wie Chandler Bing, Barney Stinson oder Lisa Simpson, die uns jahrelang begleiten und die wir besser zu kennen scheinen, als manche Freunde.
Je größer der Cast, desto besser für die Serie: Dann kann jeder Zuschauer „seinen“ Lieblingscharakter finden, mit dem er sich identifiziert und besonders mitfiebert.
So geht es vielen mit Sheldon und Penny aus „The Big Bang Theory“:
Genau wie wir bei Treffen mit Kindheitsfreunden unsere Teenagerjahre nostalgisch wieder aufleben lassen, helfen uns auch „Comfort Binges“ dabei, verklärend zurück zu blicken. „Wenn man eine Serie noch einmal sieht, werden Gefühle aufgerufen und reaktiviert, gerade wenn man die Serie mit einem bestimmten Lebensabschnitt verbindet“, erklärt die Professorin. Hat man zum Beispiel „How i met your mother“ während der Oberstufe oder der Ausbildung gesehen, werden wir an Hangover-Sonntage mit Schulfreunden denken, Spicker und die schwierige Wahl des Abschlusskleides.
Das Video weckt nostalgische Gefühle bei Fans:
Doch nicht nur emotionale Aspekte machen Serien zum „Comfort Binge“: Es ist schlichtweg einfacher, eine alte Serie nochmal zu sehen, als sie im Streaming-Dschungel eine neue zu suchen. Denn je größer das Angebot wird, desto wichtig ist eine Form der Orientierung, wie Daniela Schlütz erklärt.
Doch was macht eine Serie zum „Comfort Binge“? Je langer eine Serie läuft, desto besser stehen ihre Chance. Serien wie „Gilmore Girls“ oder „Sex and the City“ konnten gar so große Fan-Communitys aufbauen, dass selbst die Revival-Folgen Jahre nach dem eigentlichen Serienende zu riesigen Erfolgen wurden.
Nicht alle Fans waren überzeugt - doch alle haben eingeschaltet, um ihre Lieblinge nochmal zu sehen:
Auch Dramaserien wie „Downton Abby“ oder „Grey’s Anatomy“ haben „Comfort Binge“-Potential. Mal wieder große Emotionen wie Trauer, Verlust oder Verrat zu durchleiden und den Gefühlen freien Lauf zu lassen. „Das kann in der Komfortzone des Fiktionalen sehr angenehm sein, weil man ja nicht Gefahr läuft, wirklich verletzt zu werden, und sich der Situation zur Not schnell entziehen kann“, erklärt die Wissenschaftlerin. Zu traurig dürfe es jedoch auch nicht sein - eine Mischung aus ernsten Momenten und unterhaltenden verspricht langfristig mehr Zuschauer.
Ein Beispiel dafür ist die Serie „The Office“:
Episodisch erzählte Serien mit einer kurzen Folgendauer, großem Cast und unterhaltendem Inhalt gepaart mit ernsten Momenten - das Rezept für „Comfort Binges“ klingt einleuchtend. Doch warum überschwemmen uns die Streaminganbieter nicht mit Serien nach diesem Konzept? „Streaminganbieter haben ein anderes Wertschöpfungsmodell: „Comfort Binges“ sind vor allem gut für die amerikanischen Networks, die beispielsweise „Friends“ immer wieder lizensieren. Streaminganbieter setzen dagegen eher auf Binges, bei denen man Serien staffelweise sieht.“
Auch Filme können „Comfort Binges“ sein, gerade Filmreihen eigenen sich dafür. Ein Beispiel hierfür wären die „Harry Potter“-Filme. Entweder sieht man sie als Erwachsener nochmal an, um sich wieder daran zu erinnern, wie man früher die Bücher gelesen und die Filme gesehen haben, oder man zeigt sie seinen Kindern, erklärt Schlütz.
Über das individuelle „comfort bingen“ hinaus gibt es inzwischen auch einige Filme und Serien, die gesamtgesellschaftliche einen Kultstatus erreicht haben, so dass wir sie immer wieder sehen: Dazu gehören vor allem jahreszeitbezogene Filme die „Drei Haselnüsse für Ashcenbrödel“ - sowie der größte Binge Deutschlands:
Warum das so ist? So ganz klar ist das niemandem auf der Welt. Aber Silvester ohne zu 23. Mal den betrunkenen Butler James stürzen zu sehen - für viele undenkbar.