Osnabrück
Von Sprache und anderen Dingen - Osnabrücker Film-Highlights
Welche Festivalfilme lohnen sich ganz besonders für einen Besuch beim Osnabrücker EMAF? Wir haben eine freilich unvollständige Vorauswahl getroffen.
Was ist Sprache? Eigentlich doch eine einfach zu beantwortende Frage. Und doch steckt dahinter ein höchst komplexes Ding, das auch unsichtbare Grenzen markiert. Schließlich definieren wir uns über unsere jeweilige Sprache, die uns durch unsere erworbenen phonetischen Fähigkeiten auch wieder einschränkt. Für Muttersprachler des Deutschen ist es häufig schon eine Herausforderung, das englisch „th“ wie im bestimmten Artikel „the“ richtig auszusprechen. Die bis zu 80 unterschiedlichen Klicklaute, wie sie beispielsweise in der Bantu-Sprachgruppe vorkommen, würden uns vor nahezu unüberwindbare Hindernisse stellen.
Im Dokumentarfilm „By the Throat“ (Filmtheater Hasetor, Do., 16.00 Uhr) gehen Effi Weiss und Amir Borenstein den lautlichen und anatomischen Grenzen auf den Grund, die wir in uns tragen. Dabei verlassen die Filmemacher traditionelle Pfade des klassischen Dokumentarfilms und nähern sich assoziativ mittels Found Footage (gefundenes Filmmaterial), Youtube-Clips und ungewöhnlichen Klängen auch politischen Fragen, wie Sprache und Aussprache auch zu Kontrolle und Ausgrenzung führen können.
Dieser Film steht exemplarisch für den bereits seit längerer Zeit beobachtbaren Trend zu Mischformen aus Experimental- und Dokumentarfilm. Ein Trend, der beispielsweise auch sichtbar wird in Kurzfilmen wie Isabella Solar Villasequas „Tiqui Tiqui Ti Went North“ im Programm „Motif“ (Lagerhalle, Do., 14.00 Uhr) oder in Marko Grba Singhs Langfilm „Rampart“ (Filmtheater Hasetor, Sa., 18.00 Uhr) über Erinnerungen und Alpträume über das Leben in Belgrad in den unsicheren Jahren 1998/99.
Allerdings gehen manche Filmemacher in ihren Dokus zu weit, vergessen mitunter die Würde ihrer Protagonisten, geraten an komplexe ethische Grenzen, wie Katrin Mundt vom Festival Management betont. Um dem entgegenzuwirken, gibt es nun die neue Reihe „Implication. On Documentary Ethics“. Dort werden Positivbeispiele präsentiert, wie zum Beispiel der ganz und gar herausragende Film „Intimidades de Shakespeare y Victor Hugo / Shakespeare and Victor Hugo’s Intimacies“ von Yulene Olaizola (Do, Filmtheater Hasetor, 18.00 Uhr). Ein Dokumentardrama über ein Stück Familiengeschichte aus Mexiko-Stadt, das sich spannend wie ein Krimi entwickelt.
Ebenfalls neu ist die Reihe „Artists in Focus“, die den Schwerpunkt auf Künstlerinnen und Künstler setzt, die mitten in ihrem Schaffensprozess stehen. In diesem Jahr sind es die beiden Filmschaffenden Beatriz Santiago Muñoz sowie Emily Wardill, die auch während des Festivals anwesend ist. Leider konnte Muñoz’ Film „Oriana“, der hier eigentlich als Weltpremiere gezeigt werden sollte, wegen technischer Probleme nicht rechtzeitig fertiggestellt werden, weswegen nun im Filmblock „Artists in Focus: Beatriz Santiago Muñoz 2“ (Lagerhalle, Fr., 16.00 Uhr) nur ein rund 20-minütiger Ausschnitt gezeigt werden kann.
Auf keinen Fall unerwähnt bleiben dürfen zu guter Letzt zwei Filme, wie sie trotz gemeinsamer queerer Thematik unterschiedlicher kaum sein könnten. Da ist zum einen Mohammad Shawky Hassans märchenhaft angelegte Liebesgeschichte „Bashtaalak sa’at – Shall I Compare You to a Summer’s Day?“ (Filmtheater Hasetor, Fr., 20.30 Uhr), ein Musical aus dem Jahr 2022, das auf Basis des Liebestagebuches des Regisseurs Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ variiert und arabische Volkssagen mit ägyptischer Popmusik multimedial verbindet.
Einen Tag später lockt der wilde Kracher „Rote Ohren fetzen durch Asche / Flaming Ears“ (Sa., 22.30 Uhr) aus dem Jahre 1991 in die Lagerhalle. Ein früher wie auch wichtiger Beitrag aus Österreich zur queeren Filmavantgarde. Kult!
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