Hamburg

Hotspot Ostsee: Die Nato zwischen Gotland, Kaliningrad und dem Baltikum

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 21.04.2022 12:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
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Die Exklave Kaliningrad ist bis an die Zähne bewaffnet: Von dort drangen russische Kampfjets in den Luftraum über Gotland ein. Und dann gibt es noch den Suwalki-Korridor – liegt hier der neue Hotspot zwischen Nato und Russland?

Die schwedische Insel Gotland kennen die meisten nur aus dem Fernsehen: Im Gotland-Krimi klären Kommissarin Maria Wern und Kollegen vor traumhafter Ostseekulisse in der ARD regelmäßig Morde auf. Wer hier aber noch aufklärt – und zwar nicht kriminalistisch, sondern militärisch –, ist Russland.

Vor wenigen Monaten war die Insel deshalb schon einmal in den Nachrichten, nämlich als die schwedische Armee dort ihre Präsenz verstärkte. Panzer und Soldaten auf der idyllischen Ferieninsel – diese Bilder gingen plötzlich um die Welt. Damals, im Januar war das, konnte sich hierzulande kaum jemand vorstellen, dass das immerhin neutrale Schweden tatsächlich bedroht sein könnte.

Doch dann fiel Russland in die Ukraine ein, und seitdem scheint alles möglich. Die neutralen Staaten Schweden und Finnland diskutieren ernsthaft über einen Nato-Beitritt, die Ostsee rückt plötzlich wieder in den Fokus: Als möglicher Schauplatz einer militärischen Auseinandersetzung mit Russland. Anfang März drangen vier russische Kampfjets in den Luftraum über der Insel ein, schwedische Abfangjäger stiegen auf und intervenierten – eine nicht ungefährliche Aktion, zumal nach schwedischen Medienberichten zwei der russischen Kampfjets mit atomaren Waffen bestückt gewesen sein sollen. Das schwedische Militär kommentierte diese Mutmaßungen allerdings nicht, die Meldung bleibt unbestätigt.

Aber warum Gotland? Was hat diese Insel, das für Russland interessant sein könnte? Gotland ist schon seit den Zeiten der Hanse das „Tor zur Ostsee“. Sie liegt strategisch zentral zwischen allen östlichen Anrainerstaaten: Wer die Insel kontrolliert, kontrolliert die Seewege ins Baltikum, nach St. Petersburg, nach Finnland – und in die andere Richtung, nach Polen, Deutschland und letztlich in die Welt. „Mit Gotland kann man die Navigation und sichere Seefahrt in der ganzen Ostsee erschweren“, sagt der Militärexperte Severin Pleyer vom German Institute for Defense and Strategic Studies in Hamburg.

Dass die Insel zunehmend gefährdet sein könnte, hatte das schwedische Militär bereits 2015 erkannt: Schon damals, nach der russischen Einnahme der Krim, schickte es Soldaten auf die seit 2005 nur von der Heimwehr, der freiwilligen Heimatschutztruppe innerhalb der Streitkräfte, verteidigten Insel. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist auch die Nato wieder präsenter, um Stärke zu zeigen: Derzeit kreuzen mehrere Schiffe in dem Seegebiet, unter anderem zwei Fregatten aus Deutschland und den Niederlanden.

Aber es gibt noch einen anderen Hotspot an der Ostsee, gar nicht so weit weg und das bereits seit 1945: Die russische Exklave Kaliningrad, früher Königsberg. Von hier kamen die Kampfjets, die den schwedischen Luftraum verletzten, hier liegt die Baltische Flotte der Russen. Und hier sind Iskander-Raketen stationiert, die auch atomar bestückt werden können. Vorwarnzeit für Berlin: Wenige Minuten.

Vor wenigen Tagen drohte der frühere russische Präsident und jetzige Vizesekretär des russsichen Sicherheitrates Dimitri Medwedew für den Fall eines Nato-Beitritts Schwedens und Finnlands mit Atomwaffen im Baltikum. Gemeint ist damit die weitere atomare Aufrüstung der Exklave Kaliningrad.

Die ist ohnehin schon hochgerüstet: „Kaliningrad hat eine sehr gute Flugabwehr, bestehend aus S-300 und S-400-Raketen“, sagt Militärexperte Severin Pleyer. „Die erschweren die Luftversorgung der baltischen Staaten erheblich.“ Die Landverbindung zwischen Polen und den baltischen Staaten ist ohnehin ein wunder Punkt: Nur 65 Kilometer breit ist der sogenannte „Suwalki-Korridor“, der auch innerhalb der NATO als ihr schwächster Punkt gesehen wird: Auf der einen Seite Russland, auf der anderen Seite Moskaus Vasallenstaat Belarus.

Wenn Russland hier dichtmacht und damit eine Landverbindung zwischen Belarus und Kaliningrad herstellt, wären die baltischen Staaten vom Rest der Nato abgeschnitten. Ein Szenario, das im russischen Fernsehen, aber auch in Militärübungen schon mehrfach durchgespielt wurde.

Auch ohne Gotland ist der Seeweg zu den baltischen Staaten nicht gesichert: Denn Russland verfügt in Kaliningrad außerdem über Anti-Schiffs-Raketen. „Kaliningrad ist wohl das am stärksten militarisierte Stück Land in Europa“, sagt John R. Deni, Professor am Institut für Strategic Studies des U.S. Army War College. „Es ist die Heimat einer Reihe offensiver konventioneller russischer Kriegsführungseinheiten wie Panzer und Artillerie, nuklearfähiger mobiler ballistischer und Marschflugkörpersysteme und der russischen Ostseeflotte.“

Die Folge: „Egal, was man versuchen würde, es wäre sehr schwierig, eine Verbindung zu den baltischen Staaten aufrechtzuerhalten“, sagt Militärexperte Severin Pleyer.

Wie wahrscheinlich ein solches Szenario jenseits von Manövern und Drohgebärden wirklich wäre, kann derzeit niemand voraussagen. „Ich denke, wenn Moskaus Wiedereinmarsch in die Ukraine zu diesem Zeitpunkt eine zentrale Lehre zu bieten hat, dann die, dass man in der Nato nicht davon ausgehen kann, zu wissen, was Putin denkt oder was seine Begründung sein könnte“, sagt John R. Deni, Professor am Institut für Strategic Studies des U.S. Army War College. „Der Angriff auf die Ukraine hat offensichtlich katastrophale Auswirkungen auf Russlands wirtschaftliche Macht und seine Soft Power und vielleicht sogar auf seine vielgepriesene Militärmacht – doch Putins Invasion geht weiter. Das erscheint unlogisch. Ebenso können wir nicht davon ausgehen, dass Putin einen Landraub in Nordosteuropa – etwa um eine Landbrücke von Weißrussland nach Kaliningrad zu bauen – für unlogisch halten würde.“

Am ehesten denkbar wäre eine Art Salami-Taktik im Suwalki-Korridor: „Kleinere Teile des Territoriums nehmen und gerade eben unter einer nuklearen Eskalation bleiben“, erklärt Severin Pleyer vom German Institute for Defense and Strategic Studies. Ob die Nato unter diesen Umständen den Bündnisfall auslöst? Glaubt man den Beteuerungen wie zuletzt von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, jeder Zentimeter NATO-Gebiet werde verteidigt, wäre der schmale Suwalki-Korridor dann womöglich Schauplatz einer direkten Konfrontation zwischen Nato und Russland.

Den Menschen dort, im polnisch-litauischen Grenzgebiet, eingezwängt von Belarus und der Exklave Kaliningrad, bleibt nichts anderes übrig, als sich auf den Schutz der Nato zu verlassen. „Was die Vorbereitungen der Nato betrifft, scheint das Bündnis dank der großen Zahl zusätzlicher Stationierungen in Europa gut vorbereitet zu sein“, sagt John R. Deni.

„Seit 2014 und Russlands erster Invasion in der Ukraine hat das Bündnis die Verteidigungsausgaben erhöht, die Ausrüstung modernisiert und die Bereitschaft verbessert. Auf all diesen Gebieten gibt es jedoch noch viel zu tun – deshalb ist Deutschlands Ankündigung erhöhter Verteidigungsausgaben auch lebensnotwendig und wichtig“, sagt Nato-Experte Deni. Ob Putin das von einem Einmarsch abhält? „Ich habe den Eindruck, dass Putin sehr dumm wäre, Nato-Territorium anzugreifen“, sagt Deni – und ergänzt: „Ich hoffe nur, dass Putin das auch so sieht.“

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