Wiesbaden

Sexuelle Übergriffe: Wie die Linkspartei künftig „hinschauen“ will

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 21.04.2022 13:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Steht wegen dem Vorwurf der sexuellen Belästigung in der hessischen Linken besonders in der Kritik: Bundesvorsitzende Janine Wissler. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
Steht wegen dem Vorwurf der sexuellen Belästigung in der hessischen Linken besonders in der Kritik: Bundesvorsitzende Janine Wissler. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka
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Sie gibt sich feministisch und sozialistisch: Ausgerechnet die Linke wird aktuell von einer „MeToo“-Debatte erschüttert. Immer schonungsloser kommt ans Licht, wie die Partei mit Sexismus in den eigenen Reihen umgegangen ist. Künftig soll es antisexistische Schulungen geben.

Seit dem Osterwochenende weitet sich der Skandal um mutmaßliche sexuelle Übergriffe innerhalb der hessischen Linken immer weiter aus. Parteichefin Susanne Hennig-Wellsow ist zurückgetreten, Co-Chefin Janine Wissler will die Partei alleine weiterführen. Dabei steht die Co-Chefin aktuell besonders unter Druck.

Die Vorwürfe sexueller Belästigungen wurde durch einen Bericht des „Spiegels“ bekannt. Das Magazin sprach mit zehn Frauen und Männern, ihm liegen eidesstattliche Erklärungen, Fotos und Chatverläufe vor, die Machtmissbrauch, Grenzüberschreitungen und eine „toxische Machokultur“ in der hessischen Linkspartei offenbaren. Zudem berichten Betroffene unter dem Hashtag #LinkeMeToo über ihre Erlebnisse in den sozialen Netzwerken.

Besonders schwer wiegt der Vorwurf gegen einen Mitarbeiter der Fraktion im hessischen Landtag. Er soll 2018 - damals noch Mitglied des Landesvorstands - eine Affäre mit einem damals noch minderjährigen Parteimitglied begonnen haben. Laut „Spiegel“ soll er die Frau leicht bekleidet in sexuellen Posen auf einem Konferenztisch fotografiert haben und gegenüber einem Bekannten mit den Worten „Dem Typ nach Mitte-Ende 20, mit ihr sprechen und ins Gesicht schauen etwa 20, real wird sie im April 18. Sag nix, es ist irre“, geprahlt haben. Geschildert wird auch, dass er, nach dem die Affäre beendet worden war, plötzlich nachts auf dem Balkon der jungen Frau stand und um Geschlechtsverkehr bat.

Der „Spiegel“ sprach auch mit einem einstigen Linksjugendmitglied, das einem früheren linken Bundestagsabgeordneten aus Hessen sexuelle Belästigung vorwirft. Im Oktober 2018 soll er dem damals 19-Jährigen erst die Hand auf den Oberschenkel und dann in den Schritt gelegt haben. Auf Twitter berichtet der Mann öffentlich über den Vorfall und teilt Screenshots von damaligen Chatprotokollen.

Eine weitere junge Frau berichtet, wie sie mit einem Mitglied des Wiesbadener Kreisvorstands geschlafen habe, weil der Mann sie zum Sex gedrängt und sie keine Kraft gehabt habe, ihn zurückzuweisen.

Inmitten der Vorwürfe sexueller Belästigung steht die Bundesvorsitzende der Linken, Janine Wissler, besonders in der Kritik. Der Fraktionschefin wird vorgeworfen, nicht rechtzeitig genug zur Aufarbeitung unternommen zu haben. Denn: Der Mann, der die Affäre mit einer Minderjährigen nachgesagt wird, war zu der Zeit ihr Lebensgefährte. Dem „Spiegel“ berichtete die junge Frau, sich hilfesuchend an Wissler gewandt zu und sie auch über den unangekündigten Besuch auf dem Balkon informiert zu haben. Wissler aber sagt, es sei zu keinem Zeitpunkt um den „Vorwurf des sexuellen Missbrauchs oder der sexuellen Gewalt“ gegangen.

Die hessische Linke sieht angesichts der Sexismus-Vorwürfe kein Verschulden bei der Bundesvorsitzenden . Das sagte der stellvertretende Landesvorsitzende Michael Erhardt am Donnerstag auf einer Pressekonferenz in Frankfurt.

Der Referent der Landtagsfraktion und ehemalige Lebenspartner von Wissler und ein Wiesbadener Wahlkreismitarbeiter der hessischen Co-Landesvorsitzenden Elisabeth Kula wurden freigestellt. Zudem trat die Bundesvorsitzende Susanne Hennig-Wellsow am Mittwoch zurück. Ihren Schritt begründete sie auch mit dem Umgang der Linken mit Sexismus in den eigenen Reihen. Dieser habe „eklatante Defizite“ der Partei offengelegt.

Die mit der Linken verbundene Linksjugend sieht ein bundesweites Problem der Partei. Demnach habe nicht nur Hessen ein Problem mit Machtmissbrauch und Sexismus, das „durch Klüngel und Männerbünde“ entstanden sei.

Nach Angaben des hessischen Landesvorstands soll nun eine „Kultur des Hinschauens“ entwickelt werden. Die Vorfälle hätten die Partei schwer erschüttert, sagte Co-Landeschef Jan Schalauske am Donnerstag. Es sei ein gravierender Missstand, dass es bisher keine Strukturen gebe, an die sich Betroffene wenden könnten. Diskutiert werde nun auch, ob antisexistische Schulungen verpflichtend für Funktionäre werden sollten.

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