Zeitreise in Aurich

Ausstellung nimmt jüdisches Leben in den Blick

Werner Jürgens
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Von Werner Jürgens
| 23.04.2022 11:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Heini Langhoff hat seinen Laden inzwischen geschlossen. Für die Ausstellung steuerte er etliche Exponate bei - und ist selber auch eines geworden. Foto: Jürgens
Heini Langhoff hat seinen Laden inzwischen geschlossen. Für die Ausstellung steuerte er etliche Exponate bei - und ist selber auch eines geworden. Foto: Jürgens
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Die Wallstraße in Aurich wurde lange „Jödenstraat“ genannt. Was es damit auf sich hatte, erfährt man im Historischen Museum. Ein bekannter Auricher wirkte an der Ausstellung mit: „Heini“ Langhoff.

Aurich - Zu den „Menschen in der Wallstraße“ gehörten über Jahrhunderte auch zahlreiche jüdische Mitbürger. Jetzt ist im Auricher Historischen Museum eine gleichnamige Ausstellung eröffnet worden, die an diese Zeit erinnert und darüber hinaus einen großen Bogen bis in die jüngere Vergangenheit schlägt. Heute zeugen lediglich noch ein paar Stolpersteine auf dem Bürgersteig vom jüdischen Vermächtnis der einstigen „Jödenstraat“, wie die Wallstraße im Volksmund lange genannt wurde.

Die Ausstellung will „Geschichte(n) aus der Auricher Wallstraße erzählen“, wie es in der Pressemitteilung des Historischen Museums heißt. „Sie zeigt alltägliche und besondere Gegenstände, die mit Erlebnissen und Erinnerungen verknüpft sind.“ Im Mittelpunkt stehen zwei Sammlungen. Die eine stammt aus dem Nachlass von Elisabeth Janßen, die 2019 in ihrem elterlichen Haus an der Wallstraße 26 verstarb. Gleichzeitig war das auch ihr Geburtshaus. Das Gebäude beherbergte viele Jahrzehnte ein Kolonialwarengeschäft. Der zweite Sammler ist Karl-Heinz „Heini“ Langhoff. Er kam kurz nach seiner Geburt 1943 in Berlin mit seiner Mutter und seinen beiden Geschwistern nach Aurich. Aufgewachsen ist er in dem Haus an der Wallstraße 42. Dieses befand sich seit Ende des 19. Jahrhunderts in Familienbesitz. Der Großvater betrieb dort die Gaststätte „Zum Halben Mond“. Später richtete sich Heini Langhoff dort einen Elektroladen ein.

Die Zeitreise beginnt im Jahr 1517

Gemeinsam mit noch einigen anderen „Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vermitteln beide Sammlungen ihre Sicht auf die Dinge und auf die Geschehnisse“, heißt es. Zu den Fotos, Dokumenten, Kleidungsstücken sowie Alltags- und Gebrauchsgegenständen gibt es erläuternde Texte, die teilweise durch Aussagen von Zeitzeugen, die für die Ausstellung interviewt worden sind, ergänzt werden. Der Rückblick beginnt im Jahre 1517, als Aurich innerhalb seiner Stadtgrenzen erweitert werden sollte. Zu diesem Zweck baute man ein neues Verbindungsstück, das von der Osterstraße zum nördlichen Wall führte. Zwischen 1588 und 1604 entstand mit der „Blanken Warf“ ein zusätzlicher Gang, der nach Aurichs damaligem Bürgermeister Christian Blanke benannt war. Außerdem wurden in Richtung der seit 1567 am Wall befindlichen hölzernen Mühle bezahlbare Häuser errichtet, die kleineren Gewerbetreibenden eine Existenz ermöglichen sollten.

Eine Zeitreise in die „Jödenstraat“ können die Besucher der Ausstellung unternehmen. Foto: Jürgens
Eine Zeitreise in die „Jödenstraat“ können die Besucher der Ausstellung unternehmen. Foto: Jürgens

Die Straße hieß zunächst „Neustädter Straße“ oder „Dreeklaverstraat“ nach einem Hauswappen mit einem dreiblättrigen Kleeblatt. Ihren heutigen Namen „Wallstraße“ sollte sie erst 1870 erhalten. Parallel dazu entstand und entwickelte sich die Auricher jüdische Gemeinde, deren Ursprünge nachweislich bis in das Jahr 1635 zurückreichen. Reguläre Gottesdienste, die nach orthodoxem jüdischen Glauben ein Minimum von zehn männlichen Besuchern erfordern, konnten vermutlich ab 1657 abgehalten werden und fanden zunächst in privaten Räumlichkeiten statt. Die jüdische Gemeinde in Aurich wuchs dennoch stetig von 99 Personen im Jahre 1753 auf 173 Personen im Jahre 1806, so dass sie zur zweitgrößten in Ostfriesland hinter der in Emden wurde. Was für ein hohes Ansehen sie genoss, lässt sich daran ablesen, dass der 1810 an der Kirchstraße begonnene Bau der Synagoge maßgeblich über Spenden von Anhängern jüdischer wie christlicher Religionsgemeinschaften finanziert wurde. Dies geht zumindest aus einer offiziellen Danksagung hervor. Zudem hatte man für die Entwürfe so etwas wie einen echten Star-Architekten der damaligen Zeit verpflichtet, nämlich Conrad Bernhard Meyer, der auch für die Pläne vom Pingelhus und den Ausbau der lutherischen Lambertikirche verantwortlich war. Nachdem die Synagoge im Sommer 1811 fertiggestellt war, sollte sie am 13. September mit einer Einweihungsfeier ihrem Bestimmungszweck übergeben werden. Der erwartete Andrang war immens.

Der Nationalsozialmus veränderte alles

Dass ausgerechnet die Wallstraße den Beinamen „Jödenstraat“ verpasst bekam, rührte nicht von ungefähr. Unter den Gewerbetreibenden, die dort wohnten und arbeiteten, befanden sich viele jüdische Händler und Handwerker. Um 1880 waren allein 12 von 30 Auricher Schlachter in der Wallstraße ansässig. Knapp ein Viertel der in der Stadt gemeldeten Schumacher, deren traditionellen Werkzeugen in der Ausstellung ein kompletter Schaukasten gewidmet ist, hatten damals in der „Jödenstraat“ ihre Werkstätten. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts kam die Auricher jüdische Gemeinde auf rund 400 Personen, was einem Anteil von ungefähr 7 Prozent an der gesamten Einwohnerschaft entsprach. Dieser Wert veränderte sich bis in die frühen 1930er Jahre kaum.

Antisemitische Propaganda, mit der die Nationalsozialisten ab 1924 auch in Aurich zu punkten versuchten, blieb vorerst eine Randerscheinung. Der 1924 zum Bürgermeister gewählte Karl Anklam pflegte ein gutes Verhältnis zu seinen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Nach der Machtergreifung der NSDAP nahmen die rassistischen Übergriffe dann aber doch rapide zu. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, als überall in Deutschland die Synagogen brannten, blieb das jüdische Gotteshaus in Aurich nicht verschont. Bis zum April 1940 hatten die Nationalsozialisten sämtliche jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus der Stadt vertrieben oder in eines ihrer Vernichtungslager abtransportiert. Auch dieses traurige Kapitel wird in der Ausstellung des Historischen Museums nicht ausgeklammert.

Nostalgie im Schaufenster

Mit der Zeit geriet die Bezeichnung „Jödenstraat“ allmählich in Vergessenheit und war bald allenfalls noch ein paar wenigen älteren Menschen vom „Hörensagen“ ein Begriff, wie der Aussage einer Zeitzeugin zu entnehmen ist. Das Leben in der Wallstraße musste aber dennoch irgendwie weitergehen, obwohl das geschäftliche Treiben im Gegensatz zu früheren Jahren im Laufe der Zeit deutlich weniger wurde. Auch der urige Laden von Heini Langhoff existiert nicht mehr, nachdem sich sein Besitzer 2011 in den Ruhestand begeben hat. Seine Fenster dekoriert er allerdings nach wie vor gerne mit allerlei nostalgischen Utensilien, die regelmäßig schaulustige Fußgänger zum Verweilen einladen. Für die Ausstellung hat er jede Menge „Restbestände“ aus seinem früheren Geschäft hervorgekramt.

Die Ausstellung „Menschen in der Wallstraße – die Sammler Elisabeth Janßen und Karl-Heinz Langhoff“ ist bis zum 4. Dezember zu den regulären Öffnungszeiten im Historischen Museum in Aurich zu sehen.

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