Aurich

Hilfsaktion für die Ukraine: „Wir brauchen einen langen Atem“

Von Stephan Schmidt
 | 22.04.2022 18:16 Uhr  | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Uwe Boden ist ehrenamtlicher Geschäftsführer von „Ein Herz für Ostfriesland“. Foto: Klaus Ortgies
Uwe Boden ist ehrenamtlicher Geschäftsführer von „Ein Herz für Ostfriesland“. Foto: Klaus Ortgies
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Im Interview spricht Uwe Boden, Geschäftsführer von „Ein Herz für Ostfriesland“, über die enorme Spendenbereitschaft für die Ukraine-Kriegsflüchtlinge. Er verrät, wie sich die Hilfe verändern wird.

Aurich - Uwe Boden ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des Hilfswerks „Ein Herz für Ostfriesland“ der Zeitungsgruppe Ostfriesland, zu der die Ostfriesischen Nachrichten, die Ostfriesen-Zeitung und der General-Anzeiger gehören. Der 57-Jährige ist Leiter des Geschäftskundenbereichs im Verlag. Im Interview spricht er über die Hilfsaktion für Menschen aus der Ukraine, die kurz nach dem Angriff Russlands auf das Land begonnen wurde.

Bei der Hilfsaktion für die Flutopfer kamen im vergangenen Jahr mehr als 300.000 Euro zusammen. Hätten Sie damals gedacht, dass das jemals übertroffen werden würde?

Das war unvorstellbar. Die Summe war schon gigantisch, aber das wird jetzt noch deutlich übertroffen. Es wurden mehr als 380.000 Euro für die Ukraine-Hilfe gespendet – von 5 Euro bis zum fünfstelligen Betrag von großen Unternehmen wie Bünting, der Raiffeisen-Volksbank Aurich oder B-Plast 2000. Wir haben mal ausgerechnet: Jeder Ostfriese hat bisher im Schnitt für unsere Hilfsaktion 1,50 Euro gegeben. Und es reißt nicht ab. Auch Erstklässler waren dabei. Ein Beispiel: Jara, Sophie und Jan von der Grundschule Holtland haben zwei ukrainische Mitschüler. Die drei haben wie die Weltmeister gebastelt, das Ganze verkauft und 40 Euro eingenommen. Das Geld haben sie unserer Hilfsorganisation gespendet.

Gibt es in Ostfriesland für so eine Riesensumme überhaupt genügend Empfänger?

Es gibt hier so viele Organisationen, die wir vorher zum Teil gar nicht kannten, die immer im Hintergrund gearbeitet und geholfen haben. Wir haben mittlerweile Kontakt zu 50 Hilfsorganisationen, Vereinen und Initiativen in Ostfriesland. Die machen alle einen super Job, alles ehrenamtlich. Es ist unfassbar – nicht nur die Spendensumme, sondern auch die Hilfe, die geleistet wird. Die Ostfriesen reden nicht lange, die packen an oder spenden.

Nach welchen Kriterien verteilen Sie das Geld?

Wir prüfen jede einzelne Organisation, die wir unterstützen. Wir gucken uns an, wer dahinter steht, ob es ein eingetragener Verein ist, ob es eine Organisation ist, die wir kennen. Dann entscheidet der Beirat, ob wir helfen. Bei uns geht kein Geld ungeprüft an irgendeine Organisation raus. Es ist nicht unser Geld, sondern es wurde uns von den Leserinnen und Lesern anvertraut.

Dabei geht es auch um kleinere Zuschüsse wie Tankgeld?

Auch das gehört dazu. Wir geben das Geld aber möglichst an Organisationen, die es dann für solche Zwecke weiterverteilen. Sie kennen sich aus. Aber wir helfen auch im Einzelfall. Am Wochenende fährt beispielsweise eine Auricherin zur polnisch-ukrainischen Grenze, um dort ein Krankenhaus mit Hilfsmitteln und Medikamenten zu unterstützen. Wir bezahlen die Rechnungen, die dafür eingereicht werden.

Erfüllen Sie damit nicht Aufgaben, für die eigentlich der Staat zuständig sein sollte?

Der Staat, die öffentliche Hand, die Kommunen, die machen schon eine Menge. Bei uns geht es um die Erst- und Soforthilfe. Wenn ein Tank gefüllt werden muss, kann man nicht darauf warten, dass ein Antrag bewilligt wird. Es handelt sich um Ehrenamtliche, die sonst alles aus der eigenen Tasche zahlen müssten. Es gibt viele Aufgaben, die gar nicht vom Staat geleistet werden könnten.

Wie es scheint, wird der Krieg in der Ukraine noch lange dauern. Wird sich bei der Verteilung der Spenden im Laufe der Zeit etwas ändern?

Ganz sicher. Wir haben mit vielen Vertriebenen gesprochen. Die Menschen wollen irgendwann unbedingt wieder zurück. Es wird in ihrer Heimat vieles zerstört sein. Die Frage ist: Wie geben wir diesen Menschen Starthilfe? Die gesamten 380.000 Euro jetzt in Aktionismus unbedingt unters Volk zu bringen, wäre Unsinn. Unsere Hilfe wird sich tendenziell in Richtung Ukraine orientieren – auch in Form der Unterstützung von Ostfriesen, die in Richtung Ukraine fahren und dort helfen. Wir brauchen alle einen langen Atem.

Wie waren bisher die Reaktionen der unterstützten Organisationen?

Die sind wunderbar. Die sind richtig, richtig dankbar. Ich bekomme viele E-Mails oder Anrufe, mit denen sich die Begünstigten für die spontane Hilfe bedanken. Die haben gar nicht damit gerechnet. Zum Teil nehmen sie das Geld nur zögernd an, weil diese Menschen, die anderen helfen, eine solche Spendenbereitschaft noch nie erlebt haben.

Das Hilfswerk der ZGO

Das Hilfswerk „Ein Herz für Ostfriesland“ der Zeitungsgruppe Ostfriesland (ZGO) wurde Ende 2020 gegründet. Es ist eine gemeinnützige GmbH. Alle gespendeten Gelder kommen dem Verwendungszweck zu 100 Prozent zugute.

Geschäftsführer Uwe Boden und die Mitglieder des Beirats arbeiten ehrenamtlich. Zum Beirat gehören Joachim Braun (Chefredakteur Ostfriesen-Zeitung und General-Anzeiger), Kerstin Gersema (Leiterin ZGO-Buchhaltung), Nina Harms (leitende Redakteurin OZ Emden), Udo Hippen (Verlagsleiter ON), Marion Janssen (Redakteurin GA), Günter Radtke (Redaktionsleiter GA), Mareike Rohde (Assistenz der Geschäftsführung) und Stephan Schmidt (Chefredakteur Ostfriesische Nachrichten).

Spenden für die Hilfsaktion für die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine sind möglich unter folgender Kontoverbindung: Raiffeisen-Volksbank eG, Aurich, IBAN DE 94 2856 2297 0414 5372 02. Weitere Informationen gibt es zudem unter einherzfuerostfriesland.de im Internet.